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Jan Delay im Gespräch : „Eigentlich kann ich nicht singen“

  • Aktualisiert am

Jan Delay bei einem Konzert im Stadtgarten in Köln am 5. April 2014 Bild: Gilli, Franziska

Jan Delay rockt auf seinem neuen Album - und ob das den Fans gefällt, ist ihm egal: „Die dürfen das gerne scheiße finden“. Ein Gespräch über Geschmacksverirrungen, Schwarzfahrerei, Linksradikale und Urheberrechte.

          3 Min.

          Jan Delay, ist Ihre Stimme Fluch und Segen zugleich?

          Ich komme damit klar, dass das eine ulkige Stimme ist. Aber für das, was ich mache, ist sie nur Segen, weil man sie aus einer Million Stimmen heraushört.

          Wurden Sie in der Schule wegen Ihrer Stimme gehänselt?

          Eher von meinem Vater, aber sonst eigentlich nicht.

          Singen kann ich ja eigentlich gar nicht, haben Sie mal gesagt.

          Das hat sich auch nicht geändert. Ich bin Rapper und Produzent.

          Sie bringen nun ein Rock-Album heraus. Vermutlich werden Ihnen deswegen Fans von der Fahne gehen.

          Die dürfen das gerne scheiße finden, tut mir nicht weh. Die Platte muss doch vor allem mir gefallen. Und bis das so ist, gibt es viele Zweifel. Ich durchlebe bei jeder Platte eine Dürreperiode, bis es schließlich Klick macht.

          Waren Sie schon immer ein heimlicher Rocker?

          Vielleicht von der Attitüde. Aber ich komme aus dem Hip-Hop, und da galt früher: Alles, was nicht Hip-Hop ist, ist Pop. Mit Rock hat man damals Bon Jovi oder Bryan Adams verbunden, und die finde ich auch heute noch scheiße. Aber es gab immer so ein paar Rock-Sachen, die mich begleitet haben, Guns N’ Roses und Nirvana zum Beispiel.

          Sie haben keinen Führerschein. Warum nicht?

          Habe ich nie gebraucht, hat mich nie interessiert. Wenn man in Hamburg aufwächst, braucht man kein Auto.

          Wenn Sie Bahn fahren, dann angeblich immer schwarz.

          Ja, ich bin so aufgewachsen, und das hat sich nie geändert. Wenn ich erwischt werde, zahle ich ja. Das ist schon oft passiert. Mit der Zeit weiß man aber, wie die Kontrolleure aussehen. Oder man bildet es sich zumindest ein.

          Woran würde Sherlock Holmes merken, dass Ihre Eltern Hippies waren?

          An sehr vielen Dingen, dafür muss man kein Sherlock Holmes sein.

          Wie geht es der Hassliebe zum linksgrünen Öko-Milieu?

          Die gibt es nicht. Es gibt da bloß Menschen, die ich toll finde, und Menschen, die ich nicht so toll finde.

          Einigen Texten und Aussagen nach zu urteilen ist links von Ihnen nur noch die Wand. Sie machen kein Hehl aus Ihrer Sympathie für den Schwarzen Block.

          Ja, aber ich darf darüber nicht mehr so offen reden. Ich habe mal in einem Interview versucht zu erklären, warum Leute auf Demonstrationen Dinge zerstören, um auf ihre Ansichten hinzuweisen. Das hat zu einer Anzeige geführt. Was da genau drinstand, weiß ich nicht mehr, aber ich musste dann aufs Polizeirevier. Dort musste ich eine Unterlassungserklärung unterschreiben, dass ich mich nicht mehr in dieser Form zum Thema äußern werde.

          Das Palästinensertuch tragen Sie ja auch nicht mehr.

          Irgendwann war das schrecklicherweise modern: Plötzlich trugen Darsteller aus Vorabendserien Palästinensertuch. Parallel dazu begannen Nazi-Typen damit, weil sie das Tuch als Symbol gegen die Juden sehen. Das ist eklig. Meine Krawatte aus Palästinensertuch habe ich aber noch und würde sie auch noch tragen.

          Sie waren mal „Krawattenmann des Jahres“. Woher das Stilempfinden?

          Meine Eltern hatten bestimmt Stil, aber vor allem hat mich ja auch die Hip-Hop-Kultur erzogen. Diese Musiker haben eben immer viel Wert auf ihr Äußeres gelegt.

          Sie haben mal Thomas Gottschalk und seine Frau als Stilvorbilder bezeichnet.

          Weil die eben auf Ge- und Verbote scheißen. Ich würde mich nicht so anziehen, finde es aber toll, dass es diese beiden Menschen gibt und dass die diese Klamotten tragen.

          Waren Sie in Ihrer Jugend einer von denen mit großer Klappe?

          Ja.

          Haben Sie die genutzt, um Mädels anzusprechen?

          Nee, zu schüchtern. Ich hab’ in meinem ganzen Leben nur eine angesprochen – meine heutige Frau.

          Mittlerweile sprechen die Frauen Sie an.

          Ja. Dann sag’ ich: Moin. Oder seit kurzem: Hier, das ist meine Tochter, guck mal.

          Sie reden nicht öffentlich über Ihre Beziehung, und es gibt keine Bilder.

          Ich hab’ da keinen Bock drauf. Ich twittere keine Bilder von meiner Tochter und lade nicht die „Bunte“ nach Hause ein.

          Schon mal gehört, dass Sie eine Ihr-könnt-mich-alle-mal-Attitüde umweht?

          Immer mal wieder. Wenn ich merke, dass sie mich längere Zeit nicht mehr umweht hat, sorge ich dafür, dass sie wieder weht. Es gibt dafür bestimmte Hebel: Wenn man in einem größeren Forum passiert, ist es leicht, bestimmte Leute zu verärgern. Das ist auch ein Grund, weshalb ich jetzt diese Platte gemacht habe. Ich wollte mal was rausschreien, und das kann man auf Rockmusik eben gut.

          Was unterscheidet einen Künstler vom normalen Menschen? Vielleicht, dass er – neben der herkömmlichen – noch in einer anderen Welt lebt?

          Nein, der Künstler macht die herkömmliche Welt zu seiner, und das ist ja auch schon die Kunst. Der Künstler lebt nicht in einer Parallelwelt.

          Jan Delay

          Der mit der nasalen Stimme? Genau – die machte Jan Delay schon in seiner Hip-Hop-Zeit unverwechselbar. „Absolute Beginner“ nannte sich das Rap-Trio, mit dem er Ende der Neunziger in die Hitlisten kam. Auf Gipfelhöhe gelangte auch „Searching for the Jan Soul Rebels“, sein Solodebüt als Sänger. Mit „Mercedes-Dance“ schob er 2006 eine Funk-Platte nach. Auf diesem Terrain bewegte sich 2009 auch „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“. Beide Alben erreichten Platinstatus. Eine Künstlerfreundschaft pflegt Jan Delay zu Udo Lindenberg; die beiden sangen mehrfach im Duett. Delay lebt in Hamburg, ist 38 Jahre alt und vor kurzem erstmals Vater geworden. Sein nächstes Musik-Baby erscheint am Freitag: „Hammer & Michel“.

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