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Jan Delay : „Ich will ja Entertainer sein“

Jan Delay legt bei seinen Auftritten Wert auf eine gepflegte Garderobe. Bild: Dominik Gierke

Jan Delays Eltern waren strenge Hippies und brachten ihm bei, was gute Musik ist. Jetzt habe er die Platte gemacht, die ihm immer vorschwebte, sagt der Rapper. Offenbar erfolgreich: In den Charts hat er gerade Michael Jackson von Platz 1 verdrängt.

          Jan Delay, Jan Delay, Jan Delay!“, skandiert die Masse, während der Angeforderte gerade singend Dehnungsübungen hinter der Bühne macht. Er legt erst das rechte Bein auf eine hüfthohe Gerüststange und dann das linke, er geht in die Hocke und springt wieder auf, er dreht sich, läuft an, stoppt, während er mit geschlossenen Augen singt - oder besser seine Stimme schärft. Üüüüüoaahhüüüüüahhh. Es sieht nach Trance und Meditation aus. Seine Band ist schon draußen, der Lärmpegel steigt. Jan Delay schaut nochmal hinter den Aufbauten hervor, zehn-, vielleicht fünfzehntausend Leute stehen da im Scheinwerferlicht und rufen seinen Namen. Jetzt stürmt er ganz nach vorn an die Kante und wirbelt über die Bühne von links nach rechts und wieder zurück.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Jan Delay ist der Haupt-Act am Freitagabend auf der großen Bühne des „Chiemsee Reggae Summer“, eines der größten europäischen Reggae-Festivals. Gemeinsam mit seiner Band „Disko No. 1“ und mit Peter Fox, der am Sonntag auftritt, steht er ganz oben auf den Werbeplakaten, was insofern komisch ist, als beide die einzigen Künstler des ganzen Festivals sein dürften, die keine Rastalocken tragen. Im Gegenteil, Jan Delay, der Hip-Hopper aus Hamburg, tritt grundsätzlich im Anzug, gebügelten Hemd sowie mit Fliege und mit Hut auf. Auch seine Band hat sich mächtig in Schale geschmissen, das verkörpert Haltung, Stil und Perfektion. Seelisch und musikalisch fühlt sich Jan Delay aber mit den Tausenden Reggae-Fans da unten fest verbunden.

          22 Interviews an einem Tag waren bisher das Maximum

          Erst Stunden zuvor ist er am Chiemsee eingetroffen, nach Hut und Fliege sucht man backstage allerdings vergeblich. Jan Delay sitzt zwischen zwei großen weißen Zelten (rechts die Künstlergarderobe, links das Catering) auf einer Bierbank und lacht mit seinen Band-Kollegen. Er hat ein lila T-Shirt an und eine lila Basecap auf, trägt Baggy-Jeans und halbhohe, offene Turnschuhe, alles einige Nummern zu groß; und dann ist da auch noch diese riesige Sonnenbrille. Bloß, wie spricht man jemanden an, der sich in seiner Karriere rund dreißig Pseudonyme zugelegt hat? Etwa mit „Herr Delay“, wörtlich übersetzt also „Herr Verzögerung“? „Im Pluralis majestatis bitte“, sagt er und lacht. „Hallo, ich bin Jan.“

          In Rapper-Zivil: Jan Delay sitzt Rede und Antwort im Auto.

          Die Band und er haben sich eine Zeitlang nicht gesehen, denn Jan ist seit zweieinhalb Monaten unterwegs, um für sein neues Album zu werben, 22 Interviews an einem Tag waren bisher das Maximum. „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ heißt das Werk; es ist die dritte Soloplatte des Künstlers nach „Searching For The Jan Soul Rebels“ (2001) und „Mercedes Dance“ (2006). Für ihn ist es „das geilste Album aller Zeiten“. Das ist keineswegs nur so eine Floskel, denn er geht äußerst kritisch mit seiner Arbeit um. Was Jan Delay mit „Mercedes Dance“ wollte, nämlich eine richtig gute Funk-Platte hinlegen, hat er nach eigener Aussage nun erst mit „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ erreicht.

          Als Teenager rebelliert er gegen das „Öko-Spießertum“

          „Ich war damals noch nicht so weit“, gibt er zu. Doch während der rund zweihundert Live-Auftritte zu „Mercedes Dance“, immerhin einem Nummer-eins-Album, habe sich irgendwann das Richtige herausgeschält. Die Band und er probierten viel aus, wurden während der zahlreichen Gigs immer besser, die Säle schließlich größer und die Zuhörer glücklicher. „Am Ende waren wir eine eigene Band mit einem eigenen Sound, sogar richtig funky, und ich wusste: Mensch, jetzt bin ich so weit, jetzt kann ich die Platte machen, die ich immer machen wollte.“ Im Mai 2008 verzogen sie sich ins Studio, knapp anderthalb Jahre später liegt nun das Ergebnis vor: intelligente, tanzbare Musik mit Rückgriffen auf die Siebziger und Achtziger und Anleihen bei Prince, Michael Jackson, Quincy Jones, den Eagles, Lenny Kravitz sowie einer Portion „Saturday Night Fever“.

          Jan Delay wird 1976 als Jan Philipp Eißfeldt in Hamburg geboren. Er wächst auf im Stadtteil Eppendorf, umgeben von Reichen, aber selbst in einfachen Verhältnissen; die Eltern sind Künstler, er besucht den Kinderladen, wird aber nicht antiautoritär erzogen. „Ziemlich strenge Hippies“ seien die Eltern gewesen, Fernseher und Cola waren tabu. Als Teenager rebelliert er gegen das „Öko-Spießertum“, geht aus Protest regelmäßig zu McDonald's, hängt stundenlang vorm Fernseher und verkündet, nachdem er als Elfjähriger „Wall Street“ mit Michael Douglas im Kino gesehen hat, seinen verdutzten Erzeugern, BWL studieren und Börsenmakler werden zu wollen.

          Er besitzt kein Boot, kein Auto, ja nicht mal den Führerschein

          „Das habe ich damals ernst gemeint. Ich wollte mit der Gewissheit leben, genug zu verdienen und nicht am Hungertuch nagen zu müssen.“ Ein Glück, möchte man sagen, dass kurz darauf die Musik dazwischenkam. Von ihr kann Jan Delay mittlerweile sehr gut leben, und Geld sei ihm auch nach wie vor „verdammt wichtig“. Zwar hält er nichts von profanem Luxus, besitzt kein Boot, kein Auto, ja nicht mal den Führerschein. Aber er legt viel Wert auf die Freiheit, ohne zu knausern so leben zu können, wie er will. Im Moment sind das viele Reisen und, immerhin, eine Eigentumswohnung, in der er allein mit sich und seinem „Zeug“ wohnt.

          Den Grundstein für die Musikkarriere legten aber wohl doch seine Eltern - mit ihrer umfangreichen Plattensammlung. „Mein Vater war Musiker, und beide hatten einen sehr guten Geschmack.“ Mit vier Jahren legt Jan „mit absoluter Leidenschaft“ Platten auf, hört Prince, Blues Brothers und Nina Hagen mit Spliff. „Deren erstes Album ist für mich immer noch die beste deutschsprachige Platte aller Zeiten.“ Es folgen Madonna, Rio Reiser und natürlich „Udo“, sein großes Vorbild und heutiger Freund und Kollege. „Der sang auf Deutsch und noch dazu mit geilen Beats und schönen Harmonien.“ Nicht zu vergessen das markante Näseln, das Jan Delay in seinen Liedern genauso pflegt wie eine natürliche Lässigkeit und eine durchaus angenehme Coolness.

          Gründete, quasi nebenbei, sein eigenes Hip-Hop-Label

          Dabei war Singen gar nicht so sein Ding, der Musikunterricht für ihn eher eine Qual. Dann aber hörte er zum ersten Mal Hip-Hop und wusste im selben Augenblick: Das ist es! Anfang der neunziger Jahre ist er Mitbegründer der „Absolute Beginners“, die zunächst auf Englisch und später als „Absolute Beginner“ auf Deutsch rappen. 1998 gelingt ihnen mit ihrem zweiten Album „Bambule“ der Durchbruch, die Platte hält sich mehr als ein Jahr lang in den Charts, und die Auskopplung „Liebeslied“ kennt in Deutschland beinahe jeder.

          Jan zeichnet sich für Texte, Gesang und Musik verantwortlich und gründet, quasi nebenbei, 1997 auch noch sein eigenes Hip-Hop-Label „Eimsbush Records“, das dem Rap-Nachwuchs eine Basis bietet und unter anderem Samy Deluxe, D-Flame und die Sam Ragga Band unter Vertrag nimmt. 2003 war „Eimsbush“ pleite; der Gründer nahm es mit dem ihm eigenen trockenen Humor. „Vielleicht hätte sich jemand mal mit dem funky Thema Buchhaltung befassen müssen.“ Viel Zeit zum Trauern blieb ohnehin nicht, denn da hatte er bereits seine Solokarriere als Jan Delay gestartet.

          „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“

          Mit einer Reggae-Coverversion des Nena-Klassikers „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ landet er 1999 auf Platz zwei in den Charts. Das ist ein Tabubruch in der Hip-Hop-Szene, aber darum schert sich Jan Delay wenig. Die Grenzen zwischen den Genres seien längst weg, und ihm gefallen (bis auf Heavy Metal) ohnehin die unterschiedlichsten Arten von Musik: „Hauptsache, die Melodie ist gut.“ Dann bedient er sich auch gern mal hemmungslos und kombiniert, wie es ihm und einem, wie er hofft, immer größeren Publikum gefällt. „Ich will ja vor allem Entertainer sein.“

          2001 erscheint das Debütalbum „Searching For The Jan Soul Rebels“ mit dem Aufkleber „Vorsicht! Kein Hip Hop!“ Jan Delay macht jetzt nämlich Reggae, und zwar auf seine Art. Er kombiniert jamaikanische Rhythmen mit deutschen Texten, bei denen einem glatt der Bacardi aus der Hand gleitet. Es geht um Alltagsrassismus und mediale Volksverdummung, und mit dem Titel „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“ spricht er unkritische Musikhörer auch noch direkt an. Das Lied „Söhne Stammheims“, in dem er diejenigen aufs Korn nimmt, die sich mit den Verhältnissen arrangiert haben, muss er prompt entschärfen. Der Reim „Nun kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin / folgen Jürgen und Zlatko und nicht mehr Baader und Ensslin“ bleibt aber drin, schon weil er findet, dass sich Ensslin so gut auf Benzin reimt.

          Jeden Geistesblitz notiert er

          Auf Reime legt Jan Delay großen Wert. Auch Pseudonyme wie Funk Zander, Spliff Richard oder Delay Lama sowie die Titel seiner Alben zeugen von seiner großen Lust am Wortspiel. „Ich bin ja viel mehr Rapper als Sänger“, sagt er. Die Beats komponiert er am Rechner. „Was mir dann am meisten zusagt und mich inspiriert, kriegt auch einen Text.“ Sein „Rhyme Book“, eine schwarz-rote A5-Kladde, hat er immer dabei; Computer oder Handy seien dafür völlig ungeeignet. „Ich muss das anfassen, fühlen und durchstreichen können.“ Jeden Geistesblitz notiert er und feilt oft noch stundenlang daran herum. Komponieren und Texten dauere bei ihm sehr lange; er ist ehrgeizig und penibel, alles muss perfekt sein. „Ich brauche dazu absolute Ruhe und muss komplett alleine sein.“

          Die Ideen für seine Lieder brennen ihm entweder längst unter den Nägeln oder kommen spontan beim Komponieren. Zur ersten Kategorie zählen ein neuer Titel wie „Showgeschäft“ (“Ja, wer was auf sich hält in diesem Land / Geht nach Berlin und wird berühmter Praktikant“) und „Kommando Bauchladen“, in dem er die „Gleichschaltung der Innenstädte durch die Kettenkonzerne“ geißelt, „die ihre Angestellten bespitzeln, Preise drücken, auf Geiz ist geil machen und kleinen Läden keine Chance“ ließen. Das klingt dann so: „Tante Emma wurde umgebracht / Von Onkel H und Onkel M / Doch keine Kripo, keine Hundertschaft / Denn alle ham Schiss vor ihrer Gang.“

          Als Weltveränderer sieht er sich trotzdem nicht

          Die Lust, sich mit drastischen Formulierungen einzumischen, bleibt, und die Realität bietet ihm üppig sprudelnde Vorlagen. Aktuell ganz oben auf seiner „Worst of“- Liste sind neben Dauerbrennern wie „Ed Hardy“-Trägern die Präsentation von Kader Loth als Frauenbeauftragte der „Freien Wähler“ und die kollektive Aufregung um Ulla Schmidts Dienstwagen. „Wir haben eine Wirtschaftskrise und Manager, die Millionen kassieren, und das ganze Land redet über so was!“ Als Weltveränderer sieht er sich trotzdem nicht, allenfalls als jemand, der zum Nachdenken animiert.

          Dazu dient seine neue Platte, der Kritiker bisweilen zu wenig Biss und zu viel Party attestieren. Freude und Glück aber seien nun mal gute Voraussetzungen zum Meckern, sagt Jan. Daraus zieht er Energie und Kraft für seine Arbeit. „Nur wenn ich die schönen Seiten des Lebens kenne, kann ich die schlechten entdecken und ansprechen.“ Und dass man sie auch noch tanzen kann, ist sowieso ein wunderbares Gefühl.

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