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James McAvoy im Gespräch : „Ich bin der, der das Essen mitbringt“

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„Sind wir immer nur erfolgreich, stagnieren wir als Menschen“: McAvoy beim Photo-Shooting Bild: Lucas Wahl

James McAvoy, 34, ist ein Schauspieler, der mit einem Blick mehr ausdrücken kann, als andere es selbst mit Worten nicht vermögen. Ein Gespräch über die Wie-wäre-sie-wohl-gewesen-Liebe und eine harte Kindheit.

          Er hat schon mit Keira Knightley und Anne Hathaway gespielt, in den Filmdramen „Abbitte“ und „Geliebte Jane“. Mit Angelina Jolie war er im Thriller „Wanted“ zu sehen, für Robert Redford stand er in „Die Lincoln-Verschwörung“ vor der Kamera. James McAvoy ist die Art Schauspieler, deren Namen manch einem erst mal nichts sagt; wenn man ihn dann aber sieht, heißt es: Oh ja, der! Den kenn ich doch! Der ist gut!

          Vielleicht liegt das daran, dass McAvoy zum netten, massenkompatiblen Liebhaber nicht taugt; dafür fehlt ihm eine gewisse Glätte. Beim Interview in Hamburg trägt der Schauspieler zum Glück nicht den schrecklichen Backenbart und die zu langen, zurückgekämmten Haare, die er in seinem neuesten Film „Drecksau“ zeigt. In der teils surrealen Tragikomödie nach einem Roman von Irvine Welsh spielt der 34 Jahre alte Schotte, der mit Frau und Sohn in London lebt, einen Polizisten, der um jeden Preis aufsteigen will und dabei Opfer seiner eigenen Vergangenheit wird.

          Jetzt, beim Gespräch, sieht er nicht nur deutlich jünger und kleiner aus – er ist es auch (angeblich aber immerhin 1,70), und an diesem verregneten Nachmittag zudem todmüde von der Partynacht davor. Trotzdem sehr aufmerksam. Als während des Gesprächs ein riesiges Stück Schokotorte für ihn gebracht wird, fragt er höflich, ob er wohl davon essen dürfe; er sei schrecklich hungrig, und ob wir, Interviewerin und Fotograf, auch etwas wollten.

          Und während man nach dem Gespräch hofft, dass das Aufnahmegerät später helfen wird, den einen oder anderen schottisch vernuschelten Satz in Gänze zu verstehen, erwacht McAvoy endgültig zum Leben. Vor der Kamera des Fotografen strafft sich sein Körper, und seine Augen bekommen im Licht am Fenster erst so richtig Farbe. Eisblau. Er wäre sogar bereit gewesen für ein Foto auf seinem Hotelzimmer, auf dem Bett liegend. Das aber vereitelt die Frau vom Filmverleih.

          James, einige Aufnahmen für „Drecksau“ wurden in Hamburg auf der Reeperbahn gedreht. Wie hat es Ihnen da gefallen?

          Ich war zum Arbeiten da, ich fand es ziemlich schäbig.

          Wie meinen Sie das?

          Als würde man im Bett eines anderen schlafen und sich fragen, ob er darin mit jemand Sex hatte.

          Haben Sie das jemals erlebt?

          Ja, klar.

          Ihr Detective Sergeant Bruce Robertson ist tatsächlich eine „Drecksau“. Einmal schläft er mit einer Frau, behandelt sie herablassend, und sie fragt ihn, warum er ihr das antue. Er antwortet: Weil du mich nicht in dein Herz lässt. Was meinen Sie: Wie finden wir jemanden, der uns aus ganzem Herzen liebt?

          Oh, mein Gott! Hm (überlegt, schnalzt mit der Zunge). Ich hab echt keine Ahnung. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir lieben und geliebt werden. Man muss sich sicher und beschützt fühlen, damit man fähig ist, sein Herz zu öffnen. Man macht sich verletzbar. Aber sein ganzes Herz zu geben, das ist sehr gefährlich.

          Sie haben mal gesagt, dass Sie Mitgefühl für Ihre Charaktere haben. Auch mit einem wie Bruce?

          Ich kann ihn nicht leiden, aber ich habe Mitgefühl für ihn. Er folgt einer self-fulfilling prophecy: Sein Vater sagt ihm, er sei ein Nichts, wertlos, Abschaum. Sein ganzes Leben lang ist er von dieser Riesenangst verfolgt, dass es wahr sein könnte. Und schließlich tut er alles, um sicherzugehen, dass es nicht stimmt. Dafür missbraucht er andere – und ist doch selbst ein Opfer von Missbrauch.

          Wie können Sie jemand spielen, den Sie nicht mögen?

          Hm, ich weiß nicht, aber jeder Mensch hat seine Geschichte, oder? Dieser Bruce war toll zu spielen, auch wenn ich ihn nicht leiden kann und ihn nicht in meiner Nähe haben wollte. Vielleicht müssen manche Schauspieler ihre Figuren sympathisch finden, weil sie nicht so viel Phantasie haben und ihren Spaß haben wollen. Aber meine Vorstellungskraft arbeitet sehr gut, wenn ich versuche herauszufinden, was jemanden von mir unterscheidet, jemand, den ich nicht mag. Ich bin gerne „in“ Bruce gewesen. Das klingt vielleicht seltsam; es fühlte sich sehr natürlich an, er zu sein. Genauso war es, Mr. Tumnus in „Die Chroniken von Narnia“ zu sein oder den Typ in „Abbitte“. Diese drei Charaktere fielen mir am leichtesten. Nicht wegen der Art, wie ich aussehe, da hätte ich nirgends ganz oben auf der Besetzungsliste gestanden; aber diese drei erforderten am wenigsten Vorbereitung, als es darum ging zu erspüren, wer sie wirklich sind.

          James McAvoy (rechts) und Eddie Marsan im Film „Drecksau“ in Hamburg

          In „Abbitte“ wie in „Geliebte Jane“ scheint das Glück zum Greifen nah, und dann schreitet das Leben ein, und es kommt anders. Was zieht Sie an solchen Rollen an?

          Es kommt auch ein wenig darauf an, was mir angeboten wird. „Geliebte Jane“ kam zu einem Zeitpunkt meiner Karriere, als ich nicht so viel Auswahl hatte.

          Hätten Sie den Tom Lefroy – in der semi-fiktiven Handlung des Films der Mann, in den Jane Austen sich verliebt, auf den sie aber am Ende verzichtet – sonst denn nicht gespielt?

          Wenn ich stattdessen eine Hauptrolle in meinem eigenen Film hätte spielen können statt einer Nebenrolle? Klar, vielleicht hätte ich mich dafür entschieden. Aber sie haben echt gut bezahlt. Und man wird normalerweise nicht so gut bezahlt, wenn das Budget so klein ist, wie es damals war. Aber solche Rollen kommen einfach zu mir. Und das ist doch auch etwas, von dem wir alle fasziniert sind: das Ungewisse, die Wie-wäre-sie-wohl-gewesen-Liebe und die, die irgendwie hätte sein sollen. Das sind Tragödien. Sie handeln davon, dass es soviel besser hätte sein können. Ich liebe Tragödien!

          Weil sie interessanter sind als einfach Glück?

          Vermutlich. (zögert) Härter, aber interessanter. Ja, Irvine ...

          Irvine Welsh, von dem die Romanvorlagen von „Trainspotting“ und jetzt „Drecksau“ stammen.

          Irvine ist fasziniert von Versagen, Scheitern. Er sagt, wir sind am besten, wenn wir scheitern. Weil wir nur dann etwas lernen über uns selbst. Sind wir hingegen immer nur erfolgreich, stagnieren wir in unserer Entwicklung als Mensch.

          Wie viel Erfahrung haben Sie persönlich mit tragischen Situationen gemacht?

          Das Leben war sehr freundlich zu mir. Ich hab auch harte Dinge erlebt, und ich hatte einen schwierigen Start, aber ich habe bisher auch echt Schwein gehabt. Dafür bin ich sehr dankbar, auch für meinen Job. Ich bin so dankbar für meinen Job! Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich diese Karriere machen würde – es ist für mich selbst unglaublich.

          Wenn Sie von den harten Umständen sprechen, meinen Sie zum Beispiel die Scheidung Ihrer Eltern, als Sie sieben Jahre alt waren?

          Ja, das, von meinen Großeltern und meiner Mum habe ich zwar sehr viel Liebe erfahren, aber es war ein übles Viertel, in dem wir gewohnt haben – solche Dinge.

          Ihre Zukunft hätte auch anders aussehen können?

          Ich denke schon. Aber ich war immer sehr sensibel; mir war es immer wichtig, in Ordnung zu sein. Nicht unbedingt erfolgreich, aber doch so zu leben, dass es mir gut geht und ich glücklich bin, zufrieden mit dem, was ich habe. Schon als Kind war mir das sehr wichtig. Das war mein Ehrgeiz, zusammen mit dem einzigen anderen echten Ehrgeiz, den ich immer hatte: mein eigenes Haus zu besitzen. Das hab’ ich inzwischen, und es ist großartig.

          Was ist Ihr nächstes Ziel?

          Das weiß ich nicht so richtig. Ich würde gerne Regie führen. Aber ich bin eigentlich keiner, der Ehrgeiz entwickelt, sich Ziele setzt und sie dann verfolgt.

          Könnte man es damit vergleichen, dass etwas entsteht und man erst irgendwann merkt, dass es genau das ist, was man immer wollte?

          Genau. Mein ganzes Leben bisher war so. Man merkt, das wäre mein Ehrgeiz gewesen – und nun bin ich schon da. Das ist wunderbar. In seinen besten Phasen ist mein Leben wirklich so gewesen. Die Schauspielerei passierte mir sozusagen auch.

          Sie haben auch einen Superhelden in einem „X-Men“-Film gespielt. Die Rolle wirkt nicht so facettenreich wie viele Ihrer anderen. Ist es trotzdem eine Herausforderung?

          Mehr als die anderen! Je weniger Facetten ein Charakter hat, desto unechter wird er. Vor Jahren habe ich in einer Science-Fiction-Serie mitgespielt, und mein Kollege Alec Newman sagte zu mir: „Du musst diese Sachen noch viel ernster nehmen als die ,guten‘ oder sogar auch die ,normalen‘ Rollen. Du musst hier fast noch mehr geben, weil es im Grunde so lächerlich ist. Man muss sich noch mehr anstrengen.“

          Um es überzeugender darstellen zu können?

          Ja, es ist doch eigentlich völlig blöd. Wie schafft man es, bei Zuschauern Emotionen zu wecken, wenn das ganze Szenario so absurd ist? Die Schauspieler müssen selbst mehr als sonst daran glauben.

          Bruce, Ihre Figur in „Drecksau“, geht zu einem Psychiater. Käme für Sie jemals eine Therapie in Frage?

          Für mich? Nein, das wäre keine gute Idee. Vielleicht wenn ich Probleme hätte. Im Moment geht es mir ziemlich gut. Aber wenn ich nackt die Straße runterrennen und mich für einen zweiten Jesus halten würde, dann vermutlich. Ich hab immer sehr auf mich selbst geachtet, vor allem auch auf meine mentale Gesundheit. Ich war immer schon ein Menschenbeobachter und habe Dinge wahrgenommen, die Kinder normalerweise nicht wahrnehmen. Und ich habe mich selbst erforscht, meinen Denkprozess. Das klingt vielleicht nach Nonsens.

          Andere Leute besuchen Kurse, um das zu lernen.

          Tatsächlich? Ich hab mich schon als Kind leicht in Gedankenspiralen verloren, und mir war es wichtig, das nicht zu oft geschehen zu lassen. Das tue ich immer noch, ich beobachte meine Gedanken und ob sie mir zuträglich sind. Leute zu beobachten, von anderen fasziniert zu sein ist für einen Schauspieler sehr wichtig, man lernt so viel vom Zuschauen. Und mehr über sich selbst zu erfahren ist mindestens genauso, wenn nicht noch wichtiger. Man spielt niemals wirklich jemand anderen, man spielt immer nur sich selbst.

          Ihre Filmfiguren leben alle in verschiedenen Zeiten. Im 19. Jahrhundert, im Zweiten Weltkrieg, in der Gegenwart, in der Zukunft, in Fantasy-Geschichten. Welche Epoche wäre Ihnen am liebsten?

          Vielleicht, hm, keine Ahnung, vielleicht die Siebziger?

          Warum?

          Ja, vielleicht. Ich mag die Klamotten, die Musik, die Filme. Ich bin in den Siebzigern geboren, allerdings an ihrem Ende, 1979, und ich war immer sehr traurig, nicht ein wirkliches Kind der Siebziger zu sein. In meiner Vorstellung, und die mag falsch sein, wirken die Siebziger irgendwie unschuldig. Das ist wahrscheinlich Quatsch, aber mein Bild ist eben so. Ich habe eine Art Nostalgie für diese Zeit. Ich weiß nicht, warum. Deswegen habe ich auch den letzten „X-Men“-Film geliebt: weil er in den Siebzigern spielt. Michael Fassbender hat es gehasst, weil er findet, dass die Mode ihm nicht steht. Er freut sich auf den nächsten, der wahrscheinlich in den Achtzigern spielt, weil er in der Mode dieser Zeit gut aussieht. Ich nicht. Aber in den Siebzigern konnte man sich verlieren. Die Leute waren mehr auf der Suche, sie wollten rausfinden, was und wer sie sind. Das gefällt mir.

          Und als was definieren Sie sich, wer sind Sie?

          Oh, wer weiß das schon? (lacht) Ich zum Beispiel definiere mich, indem ich Leute versorge, oft auch mit Essen. Ich bin der, der das Essen mitbringt. Das ist einer der wichtigsten Wege, über die ich mich definiere und mich als wertvoll erlebe – und meine Freunde wissen das. Wenn wir wandern gehen oder campen, bring ich das ganze Essen mit und koche. Und ich kann das verdammt gut.

          Was gibt’s dann?

          Ich habe da ein Rezept für eine schöne, scharfe Guacamole, die zu einem gegrillten Hühnchen-Ciabatta-Sandwich mit etwas Rucola passt. Wir steigen auf einen Berg, meine vier Kumpel und ich, wir zelten, trinken Whiskey und Bier, und ich fühle mich gut.

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