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Jainismus : Dem Besitz entsagen

Im Lotossitz: Jain-Mönch in Bharatpur im indischen Bundesstaat Rajasthan Bild: picture alliance / ZB

Anshu Jain, neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, ist eine „Inspiration“ für die uralte indische Lebensform des Jainismus. Ein Einblick in die Religion der Bildung und Kontrolle.

          Das Gemeindezentrum „Kund Kund“ im Süden der indischen Hauptstadt beherbergt nicht nur die größte Bibliothek der Jain, sondern, wie es hier heißt, zwei der wichtigsten „Acharyas“ (Heiligen). Der ältere ist 88 Jahre alt und kaum noch ansprechbar, der jüngere, Elacharya Shri Shrutsagar, steht an diesem Morgen nackt in einem Raum und nimmt sein Essen für den Tag ein. Er hat die Hände zu einer Schale geformt, in die ihm fünf Helfer, unter ihnen Frauen, abwechselnd Wasser und den Linsenbrei Dal gießen. Zu den Füßen des Acharya steht ein Blecheimer, der die Reste aufnimmt, aber hin und wieder kleckern Tropfen auf seinen leicht gewölbten Bauch, die von den Helfern vorsichtig abgetupft werden.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es ist ein tägliches Ritual. Den Rest des Tages wird der Acharya fasten und nicht einmal mehr ein Glas Wasser trinken, trotz der 44 Grad, die gerade in Delhi gemessen werden. Auch kühle Bäder sind verboten. Acharyas waschen sich nicht, denn auch die Einzeller im Wasser haben ein Recht auf Leben. Sie müssen nicht unnötig ausgelöscht werden. Unbekleidet macht sich der Acharya auf den Weg durchs Haus, in sein kahles Zimmer im ersten Stock. Hier liest er, schläft und gibt Audienzen. Im Lotossitz thront er auf einem kleinen Podest und segnet jeden, der ihn besucht, mit einem zusammengebundenen Strauß aus Pfauenfedern.

          Was ist die Botschaft, was das Elixier des Jainismus?

          Die Jain sind anders, und in Indien hat man sich an die sonderbare Minderheit gewöhnt. Man könnte auch sagen, die Jain haben sich an die Mehrheit gewöhnt, denn glaubt man ihrer Geschichtsschreibung, waren sie schon vor den Hindus da. Außerhalb Indiens sind die Jain ein Mysterium geblieben, das nur ein paar Fachleute beschäftigt. Dies hat sich ein bisschen geändert, seit die Deutsche Bank von einem Jain geleitet wird. Das Unnahbare, fast Sphinxhafte, das den neuen CEO, Anshu Jain, umgibt, ließ das Interesse an seinem kulturellen Hintergrund wachsen: Was hat es mit dieser Glaubensgemeinschaft auf sich? Was ist die Botschaft, was das Elixier des Jainismus, der trotz kleiner Gefolgschaft - etwa vier bis acht Millionen, überwiegend in Indien - als Weltreligion gehandelt wird?

          „Der Jainismus ist keine Religion“, protestiert der Acharya auf seinem Podest. „Er ist eine Lebensform und eine Wissenschaft.“ Neben ihm steht ein Tischchen, auf dem sich Bücher stapeln. Der Acharya ist belesen, aber kein klassisch gebildeter Mann. Gleich nach der Schule ließ er sich von einem älteren Lehrer ausbilden und durch die elf Stadien führen, die einen Schüler zum „Muni“ machen, zum Mönch. Er musste lernen, mit seiner Nacktheit zu leben. Mit jeder Erkenntnisstufe verlor er eine Hülle mehr; inzwischen besteigt er ohne Kleider und Schuhe Fünftausender im Himalaja und empfindet keine Kälte, berichtet man in Kund Kund.

          Etwas Unnahbares, fast Sphinxhaftes: Anshu Jain, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank

          Während seiner Ausbildung lernte er auch, wie man mit einem spartanischen Stehfrühstück über den Tag kommt und sich alle vier Monate den Bart und die Haare so mit den Händen zupft, dass man wieder frisiert aussieht. Und natürlich studierte er die Philosophie der Jain, vor allem die „Tattvartha Sudra“ von Uma Swami. Heute liest der Acharya auch Sachbücher, um, wie er sagt, „auf dem Laufenden zu bleiben“. In umgekehrtem Verhältnis zur strengen Lebensweise der Jain steht ihre Botschaft, die der Acharya in vier Worten wiedergibt: „Leben und leben lassen.“ Die Jain haben - wie Hindus und Buddhisten - keinen Missionsauftrag und arbeiten nur an ihrem eigenen spirituellen Fortkommen.

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