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Isabelle Huppert im Gespräch : „Geschichten erzählen immer von der Ewigkeit“

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Die Schauspielerin Isabelle Huppert ist nicht nur für Franzosen eine Ikone. Ein Gespräch über Frauen und Freiheit, Unschuld und Skandal, die Gunst der Publikums und das Erstaunen des Schauspielers.

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          Filme, in denen Isabelle Huppert mitspielt, sind ja immer ein Ereignis. Und selbst wenn diese vielleicht französischste aller französischen Schauspielerinnen versichert, dass sie sich an das, was diese Ereignisse an Beifall, Bewunderung, Applaus, manchmal auch an Kritik provozieren, noch nie gewöhnen konnte, dass vielmehr jede Reaktion immer eine Überraschung sei, so pflegt sie doch einen bewundernswert gelassenen Umgang mit dem Wirbel, der um ihre Person schnell entsteht.

          Vor dem Gespräch, zu dem wir verabredet sind, sitzt sie - sehr dünn, sehr klein - jedenfalls seelenruhig in einem edel gepolsterten Sessel in der Lobby des Hotel Adlon. Es gibt Tee. Um sie herum: die Agentin, Freunde, Familie, Chargen. Isabelle Huppert geht keinen Schritt allein. Sie ist die Hauptperson in diesem nachmittäglichen Berliner Sittengemälde, aber nicht nur dort. In „Die Nonne“, dem Film, der jetzt in den deutschen Kinos anläuft und die Geschichte der jungen Suzanne Simonin erzählt, die sich (letztlich erfolgreich) dagegen wehrt, ihr Leben in einem Kloster verbringen zu müssen, spielt Huppert die Vorsteherin dieses Klosters mit einer Unbedingtheit, die auf seltsame Weise resolut und verletzlich wirkt und die ihren Auftritt zum, natürlich, Ereignis des Films macht.

          Man vergisst darüber fast, dass der Film auf einem Buch basiert, das Denis Diderot Ende des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben hat und das schon einmal verfilmt worden ist, 1967 von Jacques Rivette. Auch dass Regisseur Guillaume Nicloux, der sich nun noch einmal an dieses Werk wagt, den Text vielleicht ein bisschen zu werkgetreu in Szene setzt, bis man vor lauter gestärktem Mieder und gepuderten Perücken zuweilen verdrängt, dass dieser Film immerhin im Jahr 2013 in unseren Kinos läuft, ist etwas, das man angesichts ihrer verzweifelten Äbtissinnen-Miene fast vergisst. Nur fast, wie gesagt. Aber dafür kann sie nichts. Isabelle Huppert.

          Madame Huppert, Guillaume Nicloux hat erzählt, dass er, bevor er mit den Dreharbeiten begann, das Buch von Diderot seiner Tochter zu lesen gegeben habe, um zu hören, was sie davon halte. Und sie meinte wohl, sie finde gar nicht, dass sich sehr viel verändert habe, sondern dass es eigentlich immer noch aktuell sei. Finden Sie das auch?

          Natürlich, denn Frauen, die zu irgendetwas gezwungen werden, die gequält werden, denen man keinerlei Hoffnung auf Freiheit gewährt - man muss sich ja nur die Weltkarte anschauen, um zu sehen, dass es das leider noch häufig gibt. Nicht in derselben Konstellation, aber die Verbote, gerade im Namen der Religion, gibt es doch. Wenn auch nicht dort, wo wir leben.

          Aber das Buch und der Film spielen im späten achtzehnten Jahrhundert, und ich finde, dieser Kontext bleibt auch in der Verfilmung sehr präsent.

          Die Stärke einer Geschichte wie dieser besteht darin, gleichzeitig aus der Zeit zu erzählen, in der sie spielt, und über sie hinaus zu weisen. So wie „Madame Bovary“. Das Buch erzählt auch aus einer bestimmten Zeit und von dem Kampf der Frauen zu allen Zeiten. Solche Geschichten erzählen immer von einer Epoche und von der Ewigkeit.

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