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Aachener Karnevalsorden : Iris Berben: „Bin immer noch überrascht über meinen Ritterinnen-Schlag“

  • Aktualisiert am

Schauspielerin Iris Berben ist neue Trägerin des Ordens wider den tierischen Ernst. Bild: dpa

Der Schauspielerin wurde der Karnevalsordens wider den tierischen Ernst verliehen. Bei der politischen Situation vergehe ihr derzeit jedoch häufig das Lachen, so Iris Berben. Armin Laschet teilte derweil gegen Parteifreunde aus.

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          Die Schauspielerin Iris Berben ist neue Ritterin des Aachener Karnevalsordens wider den tierischen Ernst: In einer persönlichen Rede zur Verleihung wurde Berben am Freitag sehr politisch. Ihr vergehe das Lachen, „wenn die AfD einen CDUler zum Bundespräsidenten küren will“ und „wenn klar wird, wie viel Platz die CDU rechts von Hans-Georg Maaßen hat. Ich fürchte da ist noch mehr ungenutzter Raum als im Kopf von Tino Chrupalla.“ Nicht zum Lachen sei ihr zumute, wenn „Nazis keinen Untergrund mehr brauche, weil sie jetzt wieder auf den Straßen mitspazieren dürfen.“

          Demokratie schützen gegen „Wochenendwissenschaftler der Telegram-Universität“

          Die Gesellschaft müsse verhindern, dass „die Reichskriegsflagge die Friedenstaube“ ersetze. „Ich hätte wirklich nie gedacht, dass wir noch mal die Demokratie schützen müssen. Sie war so lange so selbstverständlich, aber jetzt müssen wir sie wieder täglich verteidigen – gegen die Wochenendwissenschaftler der Telegram-Universität, gegen Rechte, die alle hassen, die anders aussehen, anders lieben, anders fühlen oder anders glauben“, so Berben. „Hass treibt Risse in unsere Gesellschaft, und wir alle können der Kitt sein.“

          Schließlich forderte sie mehr Macht für Frauen. „Als Vertreterin der IG Clowns, Schauspielerinnen und Wandernarren bin ich immer noch überrascht über meinen Ritterinnen-Schlag“, sagte sie angesichts der sonst meist männlichen und aus der Politik kommenden Ordensträger. „Mehr Frauen an die Macht!“ forderte sie ebenso wie, dass „von männlichen Leerstellen blockierte Positionen endlich in Frauenhand kommen. In allen Ämtern und in ausreichender Anzahl!“ Das Revolutionäre läge ihr einfach im Blut, so Berben: „Das liegt an der Ehe meiner Eltern: eine leidenschaftliche Verbindung von Streichholz und Dynamitstange.“ Als Kind der 1968er sei für sie immer Frühling, immer Aufbruch, immer Veränderung. Und Veränderungen seien sehr gut. Sie verriet auch, dass sie als Teenager wegen einer Karnevalsparty von der Schule geflogen war.

          Berben rief auch dazu auf, die Kulturszene zu unterstützen. In einem rot-weißen Harlekinkostüm hielt Berben ihre Rede in einem Narrenkäfig. Sie wählte die Kunstfigur Clown, weil dieser die Wirklichkeit auf eine schmerzhafte Spitze treiben könne: Über die Qualen des Alltags lachen und sie gleichzeitig anprangern. „Deshalb brauchen wir die Kunst“, so Berben. „Denn wir spiegeln ja nicht nur die Gesellschaft. Wir bringen nicht bloß das Publikum zum Lachen. Wir Narren und Mummenschanzlerinnen sind der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.“

          Berben stand schon seit dem Sommer 2020 als 72. Preisträgerin des Ordens wider den tierischen Ernst fest. Der Aachener Karnevalsverein (AKV) würdigte „die Lieblingsschauspielerin der Deutschen“ für ihren Einsatz für Offenheit, Toleranz und Respekt.

          Laschet teilt gegen Merz und Söder aus

          Die Lobrede hielt Armin Laschet, der Ordensritter des Jahres 2020. Laschet, bis vor kurzem CDU-Vorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, nannte Berben eine „Lichtgestalt unter den Schauspielern“. Auch er lobte das gesellschaftliche Engagement der 71-Jährigen. Sie kämpfe gegen Antisemitismus und für Toleranz und Verständigung. „Ihre Qualifikation ist ihr Charakter“, sagte Laschet, der in schwarzem Anzug mit Karnevalsorden und Narrenkappe auftrat. Für ihn war die Veranstaltung in Aachen ein Heimspiel.

          Frühere Ordensträger aus der Politik bekamen von Laschet Seitenhiebe ab. CDU-Chef Friedrich Merz, der demnächst die CDU-Fraktion im Bundestag anführt, habe dafür schon auf einem Bierdeckel ein Konzept entwickelt. „Seid wieder ein Team, redet gut übereinander, lasst das Sticheln gegeneinander, dann gewinnt ihr auch wieder Wahlen“, sagte Laschet in sanfter Tonlage. Winfried Kretschmann (Grüne) bekam das vergiftete Lob, er sei „einer der besten CDU-Ministerpräsidenten, die Baden-Württemberg je hatte“. Die frühere Verteidigungsministerin und ehemalige CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer nannte Laschet die „Granate von der Saar“.

          Finanzminister Christian Lindner habe von Jamaika geträumt und stehe „nun vor 'ner roten Ampel“. „Es gibt so viele sympathische Ritter, die ich hier vorstellen wollte ...“, sagte Laschet. Als auf der Bühne das Bild des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten und Ordensritters Markus Söder, gezeigt wurde, winkte Laschet ab und beendete seine Vorstellung früherer Träger des Ordens. Dazu zählen unter anderem Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Friedrich Merz (CDU), Gregor Gysi (Linke) und der Schauspieler Mario Adorf.

          Wegen der Coronavirus-Pandemie wurde die Verleihung aufgezeichnet. Sie ist in der ARD-Mediathek zu sehen.

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