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Iran : In den Bergen fühlen sie sich frei

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Am Damavand: Iranische Bergsteigerinnen besteigen den Gipfel des höchsten Bergs in Iran. Bild: Sophie Müller

Immer mehr Frauen in Iran gehen klettern – und erleben ein neues Freiheitsgefühl. Am höchsten Gipfel des Landes trifft man viele Abenteuerlustige.

          Die Stimmung ist ausgelassen. Obwohl noch 2000 Höhenmeter vor ihnen liegen, sind die etwa 20 Frauen und Männer aus Ghom guten Mutes. Sie singen und pfeifen, als wäre es ein Fest. In einer iranischen Stadt würde man so viel Überschwang nicht erleben. Es passt nicht zu den strengen Sittengesetzen der Islamischen Republik, die Alkohol verbieten und Frauen das Kopftuch aufzwingen. Gestern sind sie aus ihrer zwei Fahrstunden südlich von Teheran gelegenen Heimatstadt angereist, heute wollen sie bis zur Hütte aufsteigen und morgen dann den Gipfel erklimmen, erzählt uns einer, während er uns in einer Tüte das typische Sesam-Gebäck aus Ghom anbietet. Das Ziel der Bergsteiger ist der Gipfel des 5671 Meter hohen Damavands, des höchsten Berges Irans. Um Kräfte zu sparen, lässt die Gruppe das schwere Gepäck von Mulis tragen. Die Frauen und Männer selbst haben nur kleine Rucksäcke dabei.

          In Iran wächst die Zahl der Bergsteiger kontinuierlich. „In den ersten Jahren nach der Revolution gingen die Iraner freitags in die Moschee“, sagt Cyrus Etemadi. „Jetzt gehen immer mehr am Freitag in die Berge.“ Der Sechsundsiebzigjährige beobachtet die Entwicklung des Wanderns und Bergsteigens in Iran so lange wie nur wenige andere im Land. Er selbst stand zum ersten Mal mit gerade einmal vier Jahren auf einem 4000 Meter hohen Berg. Später hat Etemadi aus der frühen Leidenschaft ein Geschäft gemacht. Schon zu Schah-Zeiten betrieb er eine Agentur und organisierte für Ausländer Bergtouren in Iran. Dadurch eröffneten sich Jobs für Iraner, denn die Ausländer brauchten jemanden, der ihnen den Weg zeigte. „Gleichzeitig haben diese Touristen die Menschen in Iran für das Bergsteigen interessiert“, sagt Cyrus Etemadi. „Wenn Ausländer nach Iran reisen, um auf Berge zu steigen, dann muss das ja einen gewissen Reiz haben, dachten sich viele.“ Tatsächlich haben Bergsteiger in Iran genug zu tun. Es soll 400 Viertausender geben und 3000 Dreitausender. Nachgezählt hat das wohl niemand.

          „In den Bergen fühle ich mich frei“

          Vor allem Frauen suchen in den Bergen von Elburs- und Zagros-Gebirge heute die Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen die Islamische Republik ansonsten verwehrt. Eigentlich ist es strafbar, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit Kontakt zu einem Mann hat, mit dem sie nicht verheiratet oder verwandt ist. In Kletterhallen dürfen Männer und Frauen nur getrennt voneinander trainieren. Außerhalb der Wohnung müssen Frauen ihr Haar mit einem Kopftuch bedecken und ein langärmliges Oberteil tragen, das über die Hüften fällt und die Körperformen verhüllt. Wer sich nicht daran hält, kann sicher sein, an einem der nächsten Tage bei der Polizei vorsprechen zu müssen.

          Am Damavand, der wie in anderen Ländern auch als höchster Berg eine besondere Anziehungskraft hat, trifft man Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Eine Musikerin aus Teheran erzählt, die Natur und ihre Geräusche zögen sie an. Eine Lehrerin aus Shiraz, sie hat schon erwachsene Kinder, hat gemeinsam mit ihrem Mann erst vor drei Jahren das Wandern und Bergsteigen als Freizeitbeschäftigung für sich entdeckt. Und in einer Gruppe von Frauen aus Maschhad ist die älteste schon 67 Jahre alt. Seit fast 20 Jahren gehen sie gemeinsam in die Berge, weil sie gerne etwas miteinander unternehmen und das am besten am Berg möglich sei.

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