https://www.faz.net/-gum-8z9fn

Interview zur „Ehe für alle“ : „Wir haben so lange darauf gewartet“

Michael Gose (rechts), sein Partner Aaron Roth (links), die Mutter der Kinder und die Kinder selbst vor etwa einem Jahr in der gemeinsamen Wohnung in Berlin. Bild: Julia Zimmermann

Michael Gose und Aaron Roth sind ein homosexuelles Paar mit zwei Kindern. Wenn am Freitag die „Ehe für alle“ wirklich kommen sollte, wollen sie feiern. Angela Merkel sind sie aber nicht dankbar.

          Der Bundestag wird am Freitag voraussichtlich die Ehe für Homosexuelle öffnen. Wird bei Ihnen am Wochenende gefeiert?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Gose: Ja klar, das ist ganz toll, wir sind völlig begeistert. Das kam auch unerwartet, wir hätten nicht damit gerechnet, dass das in dieser Legislaturperiode noch klappt. Volker Beck von den Grünen war derjenige, der immer weiter gebohrt hat. Bis letzte Woche sah aber alles noch sehr traurig aus.

          Roth: Es ist ein Grund zu feiern, dass endlich das passiert, worauf wir so lange gewartet haben. Für mich ist es das Ende einer natürlichen Entwicklung, dem wir uns Schritt für Schritt genähert haben. Rechtlich war die Partnerschaft ja schon fast der Ehe gleichgestellt. Für mich war es einfach eine Frage der Zeit, dass die „Ehe für alle“ kommt.

          Gose: Für mich war es keine natürliche Entwicklung. Aber jetzt hört endlich das Gefühl der Zweitklassigkeit auf. Wir müssen uns nicht mehr erklären. Man kann einfach sagen: Wir sind verheiratet. Auf Facebook wurde mir in dieser Woche angezeigt, dass ich vor zwei Jahren gefeiert habe, dass das Oberste Gericht in den Vereinigten Staaten die „Ehe für alle“ frei gegeben hatte.  Wir sind eines der letzten Länder in der westlichen Welt, das diesen Schritt geht. Aber es fühlt sich trotzdem so gut an.

          „Das verschwurbelte und verstammelte „Go“ der Kanzlerin zur Homoehe erinnert sehr an Günter Schabowskis Maueröffnung aus Versehen“, hat der Autor Frank Stauss am Dienstag geschrieben. Wie haben Sie das Zustandekommen der Entscheidung erlebt?

          Gose: Genau das habe ich auch gedacht. Wirklich genau das. Ich kann der SPD nur applaudieren, dass sie diese Chance genutzt hat.

          Roth: Ich glaube nicht, dass das unbewusst von Merkel war. Sie wurde in die Ecke getrieben und hat eingelenkt.

          Gose: So oder so: Es ist doch erstaunlich, dass man als Einzelperson so nonchalant etwas von dieser Dimension auslösen kann. Mich ärgern die Leute, die jetzt sagen: Haben wir keine anderen Probleme? Denen kann ich nur sagen: Gönnt uns doch diese zwei Stunden am Freitag. Wir haben so lange darauf gewartet.

          Die SPD versucht, mit dem für viele Menschen sehr persönlichen Thema im Wahlkampf zu punkten. CSU-Chef Horst Seehofer nannte das Vorgehen der Partei deswegen „unwürdig“.  

          Roth: Wenn ich so etwas höre, denke ich nur eins: Mimimimi. Jeder macht Wahlkampf, und es ist doch super, wenn dabei etwas rauskommt, das den Menschen im Land hilft.

          Gose: Außer der Union wollten alle Parteien die „Ehe für alle“ – seit Jahren. Es ist nicht so, dass sich die SPD das jetzt mal kurz ausgedacht hat. Es ist ein ganz normales Verfahren mit sauberen Mitteln, dieses ganze Geheule ist nur ein Rückzugsgefecht.

          Sind Sie Angela Merkel dankbar?

          Gose: Nein. Volker Beck von den Grünen bin ich dankbar, der hat nicht locker gelassen.

          Welche Vorurteile erleben Sie und Ihre Kinder im Alltag?

          Gose: Wir leben in Berlin, da begegnet man Vorurteilen doch sehr selten. Aber meine Tochter hat nicht meinen Nachnamen. Da hört man oft: Sie sind doch gar nicht der Vater. Ich mache mir auch Sorgen, weil ich im September einen Monat nach Amerika fliege, alleine mit meiner Tochter. Rechtlich bin ich nicht ihr Vater, das ist eine doofe Situation.

          Roth: Es kommen immer wieder Omas, die fragen: Wo ist die Mutter? Das ist das gängigste Vorurteil, dass den Kindern die Mutter fehlt. Dabei leben wir sogar mit der leiblichen Mutter der Kinder zusammen. Michael spricht auch zu positiv über Berlin: Wir hatten hier schon sehr unangenehme Erlebnisse. Als wir eine Kita gesucht haben, und dort zu zweit hingegangen sind, wollte uns die Kita-Leiterin nicht mal die Hand geben.

          Sie wohnen mit der Mutter der Kinder zusammen, wie Sie gerade erklärt haben. Fehlt Kindern etwas, wenn Sie nur mit Männern aufwachsen?

          Gose: Das glaube ich nicht. Es gibt in der sozialen Umgebung immer jemanden, der die Rolle übernehmen kann. Schwester, Tante, beste Freundin, wer auch immer. Bei Alleinerziehenden ist es doch auch in Ordnung. Kinder sind widerstandsfähiger, als man denkt.

          Roth: Wichtig ist, dass Kinder geliebt werden und Zuneigung bekommen. Von welchem Geschlecht sie geliebt werden, ist nicht so wichtig. Das zeigen auch viele Studien. 

          Wie reagieren denn andere Kinder darauf, dass Ihre Kinder zwei Väter haben?

          Roth: Die sagen: Du hast zwei Väter? Ich habe nur einen. Dann geht es weiter.

          Gose: Unsere Tochter Ruby ist vier Jahre alt und unser Sohn Remus zwei. Vielleicht wird das noch mal ein Thema, wenn sie älter sind. Aber bisher ist es einfach normal.

          Verliert die Ehe nicht an Bedeutung, wenn Sie nicht mehr an das Konzept „Mann, Frau, Kind“ gebunden ist?

          Roth: Ich mag den Spruch: Es ist genug Ehe für alle da.

          Werden Sie heiraten?

          Roth: Das ist jetzt eine sehr persönliche Frage, die sollten Sie lieber jedem einzeln stellen. Wir lassen das auf uns zukommen, mehr wollen wir dazu nicht sagen. Aber wenn, gibt es eine große Familienfeier, mit einer Mischung aus christlichen und jüdischen Elementen – und Livemusik.

          Gose: Dass wir heiraten dürfen, heißt nicht, dass wir es machen müssen.

          Roth: Von anderen Nicht-Heterosexuellen habe ich immer wieder gehört: Wer braucht diese Institution des Patriarchats überhaupt? Aber es geht eben nicht darum, dass jetzt alle heiraten müssen. Es geht darum, dass wir überhaupt die Entscheidung treffen können. Das ist hoffentlich bald möglich. Und ob man davon Gebrauch macht, ist eine sehr persönliche Sache innerhalb der Beziehung.

          Sie haben nie eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen. Warum nicht?

          Gose: Wir wollten keine Ehe zweiter Klasse. Wir wollten darüber nachdenken zu heiraten, sobald die Ehe geöffnet ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AKK zieht ins Kabinett ein : Sie musste springen

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat es bislang vermieden, den Weg zur Kanzlerkandidatur über das Bundeskabinett zu gehen. Woher kommt der Sinneswandel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.