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„Wir waren für die das Allerletzte“

Inverview: TIMO FRASCH
Foto: Dominik Gierke

23.02.2018 · Die Achtundsechziger, der RCDS und Franz-Josef Strauß: Der ehemalige CSU-Vize Peter Gauweiler im Gespräch über studentische Revolte, seine politischen Anfänge und interessante Freundschaften.

Herr Gauweiler, 1968, im Jahr der linken Revolte, sind Sie in die CSU eingetreten.
Ich hätte es gern früher gemacht. Aber das verbot mir mein Vater. Er sagte, ich solle aufhören mit dem politischen Schmarrn.

Warum?
Er stand unter dem Trauma zweier Kriege und zweier Niederlagen und dachte: Diese Scheiß-Politik, die bringt uns alle um. Das war nicht böse gemeint, im Gegenteil.

Sie gelten als aufsässig. Wären Sie nicht ein prädestinierter Achtundsechziger gewesen?
Eher nicht. Die Aufsässigkeit der Achtundsechziger war zu mainstreamhaft. Dazu die vielen Widersprüche, das ewige Vermischen von Ethik und Heuchelei.

Können Sie Beispiele nennen?
Sie haben für die Befreiung der Menschheit gesungen und sind gleichzeitig unter den Bildern von Massenmördern durch die Straßen gezogen. Ich erinnere mich noch, wie wir 1968 eine große Demonstration gegen die Intervention der Russen in Prag gemacht haben. Meiner Apo war das hochsuspekt, denn die Prager waren ja proamerikanisch.

Peter Gauweiler im Jahr 1969 als Jura-Student in München Foto: Heinz Gebhardt

Wer waren „wir"?
Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten, für den ich im Konvent der Ludwigs-Maximilians-Universität saß. Der RCDS war für die Apo das Allerletzte, und ich war in München sein Vorsitzender. Eine meiner ersten Veranstaltungen überhaupt war 1968 ein Teach-in mit Asher Ben-Natan, dem ersten israelischen Botschafter in der Bundesrepublik.


Sie als Reaktionär haben Teach-ins veranstaltet?
Ständig. Das hatte großen Reiz und färbte bei allem Widerspruch ab: die Sprache und Kleidung, das unbefangene und manchmal auch unverschämte Auftreten. Die besten Waffen durfte man doch nicht dem Teufel überlassen.


Also Teach-in mit Asher Ben-Natan.
Das war die heißest mögliche Provokation für die Sympathisanten der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Der mutige Diplomat stand im Auditorium Maximum vor einer Phalanx aus Palästinensertüchern. Manfred Schreiber, damals Polizeipräsident, herrschte mich am Vortag an: ‚Sagen Sie diese Veranstaltung sofort ab! Die Sicherheit kann nicht gewährleistet werden.‛ Dagegen warf ich auf: ,Das ist doch Ihre Aufgabe! Jeden Apo-Aktivisten lassen Sie auf dem Campus alles machen, und uns RCDS-lern, einer winzigen Minderheit, wollen Sie jetzt auch noch das Versammlungsrecht nehmen?‛ Am Tag der Veranstaltung kochte der Audimax. Alle Mikrofonkabel waren durchgeschnitten, das gehörte zu den üblichen Kampfmethoden. Wir haben über mein Hand-Megaphon gesprochen, das ich immer dabei hatte. Ben-Natan sagte: ,In diesem Saal sind viele Flugblätter gegen mich verteilt worden.‛ Antwort Audimax: ,Al Fatah! Al Fatah!‛ Dann kramte Ben-Natan ein Papier aus der Tasche und sagte: ,Ich habe hier auch ein Flugblatt. Es wurde nicht heute verteilt, aber an dieser Universität. Vor 25 Jahren. Die Verfasser sind darauf nicht zu lesen. Aber wir kennen ihre Namen: Alexander Schmorell, Kurt Huber, Sophie Scholl. Und heute, gerade einmal 25 Jahre später, kommt erstmals ein Botschafter von Israel in diesen Hörsaal und wird so behandelt.‛

Wie war die Reaktion?
Die Apo-Leute waren ja vom Ansatz nicht böse. Es gab ein paar daueraufgeregte Psychotiker, aber in der Breite waren sie zwar gefühlsstark, aber doch politisch und historisch gebildet. Ich habe selten erlebt, wie die Stimmung in einem Saal sich um 180 Grad dreht. Nach diesen Worten ist es passiert. Eine fürchterliche Betroffenheit kam auf. Die Leute haben geschluckt und sich gefragt: Was haben wir da nur gemacht? Und dann wurde daraus eine wunderbare Pro- und Contra-Veranstaltung ohne jede weitere Störung.

Ihr Vater war früh in der NSDAP.
Und er war in der Wehrmacht. Im Krieg hat er seinen rechten Arm verloren. Später hatte er einen Schlaganfall, so dass der verbliebene linke Arm gelähmt war. Er hatte durch den Krieg alle seine Geschwister verloren. Auch die junge Generation des ,Dritten Reichs‛ hat einen hohen Preis bezahlt und dann trotzdem an der Auferstehung aus Ruinen gearbeitet. Vielleicht hat man sich den Verwerfungen manchmal mit Schweigen zu entziehen versucht. Es ist schlimm, einen Krieg zu verlieren. Noch schlimmer ist es, wenn ihn die anderen zu Recht gewinnen. Das konnte man nur in einer Schicksalsgemeinschaft aushalten. Bei Nietzsche gibt es die schöne Sentenz: ,Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz. Endlich – gibt mein Gedächtnis nach.‛

Als Starter bei einem Seifenkistenrennen: Peter Gauweiler 1988 Foto: Heinz Gebhardt

Haben Sie in der Elterngeneration auch die Täter gesehen?
Ich sehe das so: Sie haben uns – in meinem Fall meine Schwestern und mich - aus den Trümmern herausgetragen. Wir verdanken dieser Generation, die zum Teil zwei Kriege durchgestanden hatte, eigentlich alles. Hinzu kommt etwas, worauf sich eine Generation später viele auch von ganz links berufen durften: Jeder Mensch hat das Recht auf eine zweite Chance. Unsere Elterngeneration hat diese zweite Chance unter großen Entbehrungen und mit großem Fleiß genutzt. Vor 2.000 Jahren sagte ein Mann aus Nazareth: ,Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.‛ Das war einer der Streitpunkte mit den Achtundsechzigern: Die fühlten sich als neues Volksgericht.


Wie sollte man mit der historischen Last umgehen?
Es ist ein Zeichen höchster Treue zum eigenen Land, sich von solchen Lasten betroffen zu fühlen. Aber nochmal: Es geht um Ethik, nicht um Heuchelei. Man darf nicht ,wir‛ sagen und anderen an die Brust schlagen.


Hat sich Ihr Vater durch die Achtundsechziger ungerecht behandelt gefühlt?
Nein. Er ist schon 1969 gestorben. Seine Freunde und er verstanden sich ja auch als Angehörige einer Rebellenjugend, und er war sich des Fiebers bewusst, das in den zwanziger Jahren über einen großen Teil der deutschen Jugend gekommen war. Ich erinnere mich an den Sechstagekrieg, 1967, eine militärische Meisterleistung der Israelis. Mein Vater fragte mich: ,Hast du das gesehen im Fernsehen?‛ Sage ich: ,Ja, ist doch toll, ist super.‛ Er: ,Großartig, natürlich! Wenn sie zwei Sachen nicht können, haben wir über die Juden einst gesagt, dann Bauer zu sein und Soldat. Und heute machen sie aus der Wüste einen Orangengarten und sind die besten Soldaten der Welt. Da siehst du mal den Irrsinn, den wir geglaubt haben.‛

Der Historiker Götz Aly sieht Parallelen zwischen 1933 und 1968.
Die gibt es. Nicht umsonst hat selbst Habermas mal die These von 68 als linkem Faschismus in den Raum gestellt.

Laut dem Philosophen Hermann Lübbe verhielten sich viele Achtundsechziger so aggressiv wie die Angehörigen des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes vor der Machtergreifung.
Wenn ich für die Generation der Eltern um Verständnis ringe, dann muss das auch für die Achtundsechziger gelten. Radikales Denken verstehen heißt nicht, es zu entschuldigen. Aber auch im historisch Missratenen gibt es Tragik und Größe. Auch für die Achtundsechziger-Jugendbewegung setzten manche ihr Leben ein, in bestürzender Weise, warfen es sogar weg. Ich habe Rolf Pohle ganz gut gekannt, Asta-Vorsitzender in München, später RAF-Terrorist. Und den Fritz Teufel. Den habe ich sogar mal nach Stadelheim ins Gefängnis gefahren, weil er zum Haftantritt zu spät dran war. Um zwei Uhr nachmittags musste er sich dem Strafvollzug stellen, und um halb zwei hing er noch an der Mensa herum.

In seiner Münchner Kanzlei: Peter Gauweiler heute Foto: Dominik Gierke

Warum ausgerechnet Sie?
Aus unerfindlichen Gründen hatten wir Sympathie füreinander. Ich hatte an der Uni mal eine Veranstaltung gemacht zum Thema ,Anerkennung der DDR‛. Der Gag war, dass ein Referent von Franz Josef Strauß auftreten sollte, Klaus Bloemer, der für diese Anerkennung warb. Aber unser Parteiapparat hatte ihm dann kurz vorher untersagt, beim RCDS aufzutreten. Wer aber da war: der Fritz. Ich witzelte am Mikrofon: ,Ich habe hier den Fritz Teufel als Ersatzreferenten.‛ Man muss sich das alles wie eine Art Happening vorstellen. Ich sagte: ,Fritz, möchtest du was zur Anerkennung der DDR aus Sicht der CSU sagen?‛ Hat er gemacht. So fing das an.

Haben Sie später Kontakt gehalten?
Als meine Frau und ich heirateten, hat er uns eine Collage geschenkt. Der Fritz hat immer viel gebastelt. Und er war ein unermüdlicher Radler. Als ich Staatssekretär war in der Obersten Baubehörde, hat er mich an einem unvergesslichen Abend im Haus des ,Spiegel‛-Redakteurs Hans Halter, eines Dr. med., der gleichzeitig Arzt von Rudi Dutschke und Rudolf Augstein war, gefragt, ob ich ihm mit einer Subvention helfen könne, er plane einen Radweg von Berlin nach München. Er war sogar bereit, ihn Franz-Josefs-Weg zu nennen. Ich habe mir ernsthaft überlegt, ob die Staatsregierung das Projekt verwirklichen könne.

Kannten Sie auch Rainer Langhans?
Den habe ich erst später kennengelernt. Er wurde glühend beneidet, weil er immer mit zwei Frauen kam, schönen Frauen.

Das Hedonistische und das Politische gingen damals Hand in Hand. Konnten Sie da mithalten?
Nicht so wie Langhans. Wichtig war vor allem, dass man irgendwie im Spiel war.

  • Der Student Fritz Teufel (M) spricht am 10.09.1967 in Frankfurt am Main zu Demonstranten bei einer Sitzdemonstration vor dem Polizeipräsidium. Foto: dpa
  • Rainer Langhans (l) und Fritz Teufel stehen nach ihrem Freispruch am 22.03.1968 vor dem Eingangsportal des Landgerichts in Berlin-Moabit. Foto: dpa

Als RCDSler galt man nicht automatisch als uncool?
Man stand bei der Apo ständig unter Spießerverdacht. Aber wir haben daran gearbeitet. Ich habe ein Teach-in gemacht zur CSU. Redner war der damalige Bezirksvorsitzende von München, Prinz Konstantin von Bayern, ein guter Typ, lässig, nicht eingebildet, weltläufig. Kaum hatte er zu reden angefangen, haben sie ihm ein Ei an den Kopf geworfen, voll auf die Stirn. Das muss ziemlich weh getan haben. Obwohl er blutete, redete er einfach weiter und gewann so den Saal. Die Apo hat ihm Beifall geklatscht. Es war damals also nicht immer nur Sportpalast angesagt. Wir waren aus ihrer Sicht zwar oft das Allerletzte, aber wir hatten immer wieder auch Spaß miteinander.

Wenn Sie das mit einem Treffen der Jungen Union von heute vergleichen ...
...kommt mir manchmal die Hausschuh-Marke Romika in den Sinn. Aber andererseits soll es auch nicht heißen: Jetzt kommt der Alte und erzählt vom Krieg. Ich bin doch noch so jung.

Gab es eine bayerische Färbung der Revolte?
Ich hatte das Gefühl, dass es in München nicht so böse war wie in West-Berlin. Vielleicht lag das am südlichen Flair und am Föhn. Außerdem hatte München seine wilden Jugendproteste schon sechs Jahre vorher gehabt, bei den Schwabinger Krawallen. Der junge Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel hatte damals noch berittene Einsätze der Stadtpolizei in der Leopoldstraße kommandiert. Danach begann die Karriere von Manfred Schreiber, und zwar mit der Münchner Linie. Das war mehr so die lässige Nummer. Der Polizist hakte sich bei den Demonstranten unter, und die Uschi Obermaier steckte ihm eine Blume ins Knopfloch.

Wie stand die CSU zu den Protesten?
Wie immer: im weiß-blauen Paradox. Die CSU sah sich auch damals als RechtsLinks-Mischung. Es gab natürlich Strauß. Aber die Partei entdeckte Ende der sechziger Jahre auch als erste die Umweltpolitik, gründete in München das erste Umweltministerium der Welt und tolle Universitäten an vielen Orten noch dazu. Ich saß ein Jahr im Uni-Konvent, da hat mich Strauß zum Jugendreferenten der CSU ernannt. ,Jetzt haben Sie dich endgültig eingekauft‛, hieß es bei den Gegenkameraden von der Apo. Aus ihrer Sicht stimmte das ja.

Wie fand Strauß die Achtundsechziger?
Als ein Kommunarde Abführmittel genommen und in den Gerichtssaal geschissen hatte, sagte FJS: ,Die verhalten sich wie Tiere, für Menschen gemachte Gesetze sind auf die nicht anwendbar.‛ Da brach der Martin Luther in ihm hervor. Andererseits war er unglaublich wach und interessiert an richtungsbestimmenden Debatten. Ich erinnere mich noch gut, wie er mich 1969 als Münchner RCDS-Vorsitzenden einlud und sofort das Streiten anfing. Wie ich dazu käme, dieses und jenes zu sagen? Da erwiderte ich: ,Ja verflucht nochmal, weil‛s stimmt.‛ So konnte man damals als Neunzehnjähriger mit dem CSU-Vorsitzenden reden.

Mit Franz Josef Strauß: Peter Gauweiler im Jahr 1977 Foto: Heinz Gebhardt

Wofür waren Sie als CSU-Jugendreferent zuständig?
Meine erste Aufgabe: den Volksentscheid zu organisieren, mit dem in Bayern das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt wurde. Die zweite: Strauß mit Leuten aus Kunst und Kultur zusammenzubringen. Dazu gehörte Uschi Glas, die damals den jungen deutschen Erfolgsfilm ,Zur Sache Schätzchen‛ gedreht hatte. Später kam sogar noch Ingmar Bergman dazu, der spektakulärste Regisseur der Zeit, verantwortlich für den größten Filmskandal der Sechziger, ,Das Schweigen‛, hochdramatisch, aber mit expliziten Sexszenen, also schwierig. Es traf sich, dass Bergman die groteske schwedische Steuerpolitik am eigenen Leibe zu spüren bekam. Er wollte gern nach München wechseln, wo wir die besten Theater Europas hatten. Strauß grummelte, das sei doch der mit dem Leinwandskandal. Aber er lud ihn ein, erst zum Kaffeetrinken nach Hause, dann zum Abendessen. Ergebnis: Bergman inszenierte am Residenztheater. Die linke Theaterkritik ist – als sie sich von dem Schock erholt hatte – ans Resi gepilgert, zum Bayerischen Staatsschauspiel.

Haben die Linken Strauß falsch eingeschätzt?
Da sind zwei Züge aufeinander zu gefahren, und jeder hat vor dem Zusammenprall nochmal richtig Gas gegeben. Mir ist heute noch weh ums Herz, wenn ich daran denke, welche Chancen dadurch verspielt wurden. Zu Recht hat Martin Walser mal zu Rudolf Augstein gesagt: ,Ihr habt uns den Kanzler Strauß vorenthalten durch das Zerrbild, das ihr von ihm gezeichnet und verbreitet habt.‛

Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß trifft am 16. Januar 1975 in Peking mit Mao Zedong zusammen. Foto: Picture-Alliance

Strauß war 1975 der erste westdeutsche Politiker, der von Mao empfangen wurde.
Ich saß mit Alfred Sauter, dem späteren bayerischen Justizminister, meinem Studienfreund, im Juristischen Seminar, da verbreitete sich die Meldung, dass sogar die ,Peking-Rundschau‛ über das Ereignis berichte. Die konnte man an der Universität auf Deutsch bekommen, übrigens auch die Traktate des albanischen Diktators Enver Hodscha. Eigentlich unlesbar – aber die Linken haben das vor sich her getragen wie die Zeugen Jehovas den ,Wachturm‛.


Wie fanden Sie es, dass er Mao besuchte?
Großartig! Für uns war das ein Riesentriumph. In den siebziger Jahren waren aus dem SDS schon streng maoistische Studentengruppen geworden, Rote Zellen, KSV, KBW, KPDAO, von uns KPDANull genannt. Ich erinnere mich an einen Dialog mit einem ihrer Aktivisten in der Mensa: ,Na, wie findest du, dass unser Vorsitzender in Peking ist?‛ Da hat der Ärmste nur verlegen erwidert: ,Ich möchte mich dazu nicht äußern, bevor ich nicht die ,Peking-Rundschau‛ gelesen habe.‛ Ein heftiger Fall war Joscha Schmierer, den Joschka Fischer später als Berater ins Auswärtige Amt geholt hat. Schmierer war einst Anhänger von Pol Pot. Sie sind alle brave Renegaten geworden. Ich glaube, ihr Weltbild geriet an jenem Tag ins Wanken, als das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Chinas das gemeinsame Bild von Strauß und Mao veröffentlichte.

Was hat Strauß Ihnen vom Besuch erzählt?
Viel. Es muss ein intensives Treffen gewesen sein. Mao konnte wegen einiger kleiner Schlaganfälle nicht mehr gut sprechen, seine zwei Nichten waren dabei und haben auf Englisch übersetzt. Viel detaillierter war später sein Kontakt zu Deng Xiaoping, dem Vater der Politik der vier Modernisierungen. Von dem stammt die berühmte Antwort auf die Frage, warum er mit Strauß so gut auskommt: ,Es ist egal, ob die Katze schwarz ist oder grau, Hauptsache, sie fängt Mäuse.‛

Hatte Strauß keine Skrupel, mit einem Massenmörder und Diktator zu sprechen?
Die Frage war, wird ganz Europa in zehn Jahren sowjetisch sein, wovon Henry Kissinger noch 1970 überzeugt war. Was ist gut für unsere Zukunft? Das war später auch das eigentliche Thema beim Milliardenkredit für die DDR, den Strauß eingefädelt hatte. Entweder es gibt Krieg – oder wir tun etwas, um der Sache eine andere Richtung zu geben.

Also reden, auch mit den ärgsten Feinden?
Das klappt nicht immer, aber man muss es tun. Geschichte besteht bekanntlich darin, dass etwas geschieht. Marlene Dietrich soll sich noch bis in die sechziger Jahre Vorwürfe gemacht haben, dass sie das Interesse von A.H. nicht irgendwie erwidert hat, um das Verhängnis abzuwenden.

War der Weg von 68 in den Terrorismus vorgezeichnet?
Jede Bewegung dieser Art trägt die fortgesetzte Radikalisierung in sich. Aber 68 in seiner Gesamtheit war zu vielfältig, als dass alles nur auf diesen Endpunkt hin geführt hätte. In ihrer Langzeitwirkung hat die Revolte uns alle berührt. Je länger man im Zug des Lebens sitzt, umso mehr Bilder ziehen vorbei. Man nennt das ,Er-fahren‛. Emanzipationsfragen im Bewusstsein sind Zeitfragen.

Foto: Dominik Gierke

Bereuen Sie manche Ihrer früheren Positionen?
Die westdeutsche Kritik am Vietnamkrieg empfand ich in jungen Jahren als Verrat – in der Auseinandersetzung gegen die gulagische Sowjetunion. Heute, erfahrungsgesättigt, sage ich: Das hätten die Amerikaner nicht tun dürfen. So auf keinen Fall. Sowieso glaube ich an den Satz aus Goethes Gesprächen mit Eckermann: ,Die menschlichen Dinge haben alle 50 Jahre eine andere Gestalt.‛

Ihr Parteifreund Alexander Dobrindt hat zum 50. Jubiläum von 68 eine Abkehr von den damaligen Ideen verlangt, mittels einer ,konservativen Revolution'.
Jedenfalls ist das ein Ansatz und der Versuch einer weltanschaulichen Debatte. Man ist diesbezüglich ja nicht sehr verwöhnt in Deutschland. Aber wenn dann schon der Begriff Revolution fällt: Okay, Alexander, dann denken wir halt mal revolutionär, lasst es uns versuchen.

Auf viele hat gerade der Begriff ,revolutionär' abschreckend gewirkt.
Wenn wir nicht Maschinenmenschen werden wollen oder Schlafwandler, brauchen wir das Gedanken-Revolutionäre. Glasnost. Perestroika. Wir tragen es in uns und haben es in der Hand, daraus einen Segen zu machen oder einen Fluch.

Was muss sich radikal ändern?
Vier Dinge. Erstens müssen die ,Militäreinsätze für unsere Werte' im Ausland beendet werden. Alles, was noch an Air-Berlin-Flugzeugen verwendbar ist, nehme man, um unsere Soldaten sofort aus dem Ausland zurückzuholen. Zweitens: Es geht nicht, eine Million Flüchtlinge ins Land zu lassen, ihren Aufenthalt zu dulden, aber ihnen zu verbieten zu arbeiten. Drittens: Hört mit den Russland-Sanktionen auf. Die Russen sind nicht schlechter als die Amerikaner, auch nicht besser, aber unsere Nachbarn. Viertens: Stoppt Mario Draghi, seine Gelddruckmaschinen und die missglückte, undemokratische Euro-Rettung.

War das Revolutionäre der Kern von 68?
In meiner Rückschau waren die Achtundsechziger vor allem kerndeutsch.

Inwiefern?
Die starke Gefühligkeit, der unbedingte moralische Anspruch. Wissen Sie, wie Deutschland auf Chinesisch heißt? Moralisches Land. Wenn Sie mit den Achtundsechzigern ,moralisch‛ diskutierten, konnten die nach wildem Auslachen der gegnerischen Positionen jederzeit in Tränen ausbrechen.

Foto: Dominik Gierke

Und haben sie mehr Gutes oder mehr Schlechtes gebracht?
Schlecht sind die seit damals beschleunigten Tendenzen zur Verwahrlosung, die Verluste an Differenz und Distanz, auch der Angriff auf die Menschenwürde durch die Sexualisierung der Gesellschaft. Gleichzeitig haben sie Deutschland das Verzopfte, Tanzstundenhafte ausgetrieben und eine neue Unbefangenheit zum Leben gebracht. Wie heißt es bei Paracelsus: Alles ist ein Heilmittel, nur die Dosis macht das Gift.

Selbst die heute Konservativen reden mit viel größerem Feuereifer über 1968 als, sagen wir, über die Deutsche Einheit.
Ja – weil die Jugendkraft dahinter stand. Und weil die Achtundsechziger etwas wollten. Die Nacht des Mauerfalls bleibt unvergessen. Aber der westdeutschen Politik, die in 40 Jahren die Voraussetzungen zur Deutschen Einheit so großartig entwickelt hatte, fiel danach nichts mehr Großes ein. Nur noch der Euro, und der wurde zum Irrgarten. Und danach handelte die politische Klasse, als wäre sie nur für das Kleine geboren. Ich erkläre mir die Fehlentwicklung der westdeutschen Politik in den neunziger Jahren immer als eine Art Erfolgsdepression. Ich selbst hätte mir eine neue Europäische Gemeinschaft gewünscht, die ihren Sitz in Prag hat und vom Atlantik bis zum Ural reicht. Und Transrapid-Verbindungen von Berlin nach Moskau und von München ans Schwarze Meer. Stattdessen haben sie mit Brüssel weitergemacht, als ob nichts geschehen wäre. Serbien zu bombardieren befahl ausgerechnet die Regierung, mit der so viele Alt-Achtundsechziger an die Macht kamen. Sie waren durch die Tatsache, dass der Kommunismus in Trümmern lag, völlig durcheinander gebracht worden. Einige schlossen sich dann amerikanischen Beratungsfirmen an. Eine Art Renegaten-Wirrsal.

Renegaten sind meist von links nach rechts gewechselt. Bei Ihnen gibt es Anzeichen für den umgekehrten Weg.
Keine Angst. Schlagen Sie nach bei Thomas Mann: ,Wenn der Kahn nach rechts kippt, setze ich mich nach links – und umgekehrt.‛ So wirken beide Seiten zusammen. Die Achtundsechziger wollten dem Guten in der Welt dienen. Aber es brauchte ein Gegengift. Wie immer.

Peter Gauweiler

ist einer der wenigen charismatischen CSU-Politiker. Er war Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium des Innern (1986 bis 1990), Bayerischer Staatsminister für Landesentwicklung und Umweltfragen (1990 bis 1994), von 1990 bis 2002 Abgeordneter im Bayerischen Landtag und seit 2002 Bundestagsabgeordneter; im März 2015 verzichtete er wegen innerparteilicher Differenzen in der Euro-Rettung auf sein Mandat. Heute arbeitet Gauweiler, der am 22. Juni 1949 in München geboren wurde, als Rechtsanwalt.

Quelle: F.A.Z.-Magazin

Veröffentlicht: 23.02.2018 10:57 Uhr