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Widerstand gegen das NS-Regime : „Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre“

Ihr Verhältnis zu einem anderen großen Hamburger Sozialdemokraten war etwas anders.

Das stimmt. Helmut Schmidt und ich waren sehr verschieden, hatten aber auch wieder viel Gemeinsames. Schmidt fand meine Art, Politik zu machen, vielleicht zu sehr bestimmt von Zukunftsvorstellungen. Und ich finde, gerade die braucht man. Auf der anderen Seite hatten wir beide ein starkes intellektuelles Bedürfnis, die Dinge der Zeit zu kennen und zu durchdenken und auch darüber zu streiten, bevor wir politische Entscheidungen treffen würden. Ich habe seinen Intellekt immer sehr geschätzt. Als er mich 1974 aus dem Bildungsministerium entließ, machte er aus meiner Sicht einen Fehler. Denn er wollte mehr Ruhe an der Bildungsfront haben, aber wir brauchten doch - und brauchen bis heute - gerade dort mehr Bewegung!

Einige Empörung erregte die nach Schmidt benannte Universität der Bundeswehr in Hamburg, als sie ein Bild von Schmidt in Wehrmachtsuniform abhängen ließ. Wie fanden Sie das?

Schwachsinnig. Der Mann war eben damals in der Wehrmacht: Warum sollte man ihn dann nicht so zeigen dürfen? Und: Was sollte er denn auch damals anderes machen?

„Der Helden Söhne werden Taugenichtse“, hat Goethe gesagt. Weder auf Sie noch Ihren Bruder Christoph, den Dirigenten, trifft das zu. Was hat Ihr Vater Ihnen mitgegeben für Ihren Weg durch das Leben?

Für mich zwei Dinge: Seit Beginn meines lesenden Lebens, das war etwa mit fünf, haben er und meine Mutter mich Geschichte gelehrt. Klassische Sagen zunächst, kleine Biographien und schließlich Geschichtsbücher in Massen. Das hat mich immer begleitet. Manchmal frage ich mich, warum ich nicht Historiker geworden bin. Das ist das eine. Und dann hat er vielleicht meinen Versuch, Gerechtigkeit zu üben - und zu denken - geprägt. Es gibt heute zwar keine Gefahren, keine Bedrohung, wenn man sich gegen den Mainstream stellt, aber Gelegenheiten genug. Ich habe immer wieder Leute verteidigt, denen aus meiner Sicht Unrecht geschah, zum Beispiel Thilo Sarrazin oder Martin Walser oder den Historiker Ernst Nolte oder den Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger. Das habe ich, so denke ich, zu Hause gelernt - von Vater und Mutter.

Sie waren lange Bundestagsabgeordneter, Bundesminister und Erster Bürgermeister von Hamburg. In dem schon zitierten Brief an Sie zum 15. Geburtstag schreibt Ihr Vater über die Wahl eines Berufs, „das Schönste, was ein Mann von seinem Beruf sagen kann“, sei es, dass er sich aus innerem, nicht auf Intellekt beruhendem Antrieb dazu berufen fühle. Können Sie das über Ihren Beruf als Politiker sagen?

Ja. In Amerika, nachdem ich im Jahr 1953 die Yale Law School absolviert hatte, riet man mir, dort zu bleiben. Aber ich wusste, ich gehöre nach Deutschland. Ich wollte hier aufbauen. Politik war immer mein Ziel. Und das für Deutschland zu tun, für das Vaterland. Eben das Land auch meines Vaters.

Die Fragen stellte Matthias Wyssuwa.

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