https://www.faz.net/-gum-92vb1

Widerstand gegen das NS-Regime : „Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre“

Ihr Vater hat kein Grab. Wo gedenken Sie seiner?

Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin gibt es eine Gedenkplakette. Da liest man neben seinem Namen auch den Namen von Dietrich Bonhoeffer, auch den von dessen Bruder Klaus und von Rüdiger Schleicher, seinem Schwager. Sie alle sind als Männer des Widerstands ermordet worden.

Wird des Widerstands in Deutschland angemessen gedacht?

Es hat doch auch viele einfache Leute gegeben, die in ihren Möglichkeiten Widerstand geleistet haben. Und an diese Leute wird nicht immer ausreichend erinnert. Natürlich waren Claus von Stauffenberg und seine Mitstreiter besonders mutige Männer. Wir vergessen aber zu leicht, dass schon auf der Straße einem Juden nicht auszuweichen, mit ihm gesehen zu werden und mit ihm zu reden, Mut erforderte. Einmal stand ich mit meiner Mutter in Spandau an der Busstation. Sie hatte eingekauft, zwei Einkaufstüten in der Hand, und ich kam aus der Schule. Wir wollten nach Hause fahren.

An der Bushaltestelle versuchte ein grauhaariger Jude mit gelbem Stern, eine Schubkarre über die Schwelle zu schieben. Er war zu schwach. Da ließ meine Mutter ihre beiden Taschen fallen, nicht einmal abgesetzt hat sie sie, ist zu ihm gegangen, nahm die Schubkarre und schob sie hinauf. Sie war die Einzige, die so reagierte. Auch so etwas war schon eine sehr mutige Tat. Und so gibt es viele Geschichten, die wir allzu oft vergessen. Also würde ich, eine lange Antwort auf eine kurze Frage, sagen: Nein, die vielen Leute, die geholfen haben und dabei immer sich, ihre Karriere oder ihre Familie gefährdeten, die werden nicht genug gewürdigt.

2003 wurde Ihr Vater als Gerechter der Völker in Yad Vashem geehrt. Bei den Feiern in Berlin waren die heutige Bundeskanzlerin und ihr Mann zugegen, hohe Vertreter aus Ihrer Partei, der SPD, nicht. Sie haben sich darüber schon mal verständnislos geäußert. Gab es jemals eine Erklärung?

Nein, bis heute nicht. Vielleicht muss man ein prominentes Parteiamt haben, um solche Aufmerksamkeit zu erfahren. Aber auf diesem Abend gründet meine Freundschaft mit Angela Merkel und ihrem Mann. Meine Frau und ich sind wirklich herzlich befreundet mit beiden.

Hat das zu einer Entfremdung von Ihrer Partei geführt?

Nein. Ich bin ohnehin immer jemand gewesen, der in wirtschaftlichen Fragen mit vielen in meiner Partei nicht übereinstimmte. Mich hat aber immer die Friedenspolitik zu meiner Partei und ihrer Geschichte gezogen. Auch Willy Brandts Ostpolitik. Was ökonomische Dinge angeht, bin ich bis heute nicht der Meinung meiner Partei. Ich glaube, die SPD hat bis heute nicht richtig verstanden, was diese globalisierte Welt bewegt - und erfordert.

Sie haben Willy Brandt erwähnt. War er für Sie als junger Mann ohne Vater eine neue männliche Leitfigur?

Zu Willy Brandt hatte ich eine besondere Beziehung, und ich glaube, dass er auch in mir und meiner Art etwas gesehen hat, was seiner sozialen, skandinavischen Liberalität entsprach. Wir haben uns gut verstanden. Es gab und gibt zu ihm nichts Vergleichbares. Er war eine so ungewöhnliche Figur: ein großer Verstand mit Herz. Natürlich hatte er seine Schwächen, wie wir alle. Aber er war ein von der Seele bestimmter Politiker, und liberal, immer offen für andere Meinungen.1961 habe ich bei ihm im Bürgermeister-Büro in Berlin an dem damaligen Wahlprogramm der Partei mitgeschmiedet, da habe ich ihn überhaupt erst kennengelernt. Er fasziniert mich bis heute; da bin ich allerdings nicht der Einzige. Diese optimistische Ehrlichkeit! Er war eine Person, die immer das Gerechte und Richtige suchte, die Menschen dafür begeistern und sich dafür Mehrheiten verschaffen konnte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

An Scholz’ Seite : Manchmal liegt das Glück ganz nah

Das Rennen um den SPD-Vorsitz geht weiter: Wofür die Kandidatin an Scholz’ Seite steht – und wieso der erfolgsverwöhnte Niedersachse Stephan Weil plötzlich beschädigt ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.