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Widerstand gegen das NS-Regime : „Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre“

Das ist in der Tat eine der unglaublichsten Geschichten aus dieser Zeit. 1937 kamen zwei jüdische Anwälte zu ihm. Beide waren im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden, Träger des Eisernen Kreuzes. Sie baten ihn um Hilfe. Mein Vater glaubte damals noch, ihnen in Deutschland helfen zu können, und schloss das Gespräch mit dem Satz: „Über meine Leiche, Ihnen wird nichts passieren.“ Auch diesen beiden Anwälten drohte aber Anfang 1942 der Transport nach Polen. Mein Vater erinnerte sich an seine Worte und kam auf die Idee, sie und ihre Familien als getarnte Spione in die Schweiz zu schicken; seine Stellung in der Abwehr gab ihm dazu eine Gelegenheit. Davon musste er aber auch die Gestapo überzeugen. Sein Argument: Juden sind draußen glaubwürdiger! Die 14 Juden gelangten so in die Schweiz. Als sie an der Grenze ankamen, soll der Grenzpolizist sie aufgefordert haben, die Judensterne abzuschnippeln: So etwas sehe man nicht gerne in der Schweiz.

Diese Geschichte führte zunächst zur Verhaftung Ihres Vaters.

Ja, denn die Flüchtlinge aus Deutschland mussten schließlich finanziert werden, so war das damals in der Schweiz. Mein Vater hat dazu aus dem Abwehrfonds eine dafür ausreichende Summe entnommen, und ein Mitarbeiter hat das angezeigt. Dieses „Unternehmen Sieben“ ist sicherlich eine der dramatischsten Rettungen von Juden aus der Naziverfolgung.

Seine Tätigkeiten im Widerstand hatte die Gestapo zunächst gar nicht nachweisen können. Das wurde erst deutlich, als der Panzerschrank in Zossen geöffnet wurde. Bereits 1933 hatte Ihr Vater im Reichsjustizministerium damit begonnen, Rechtsbrüche des NS-Regimes zu dokumentieren, 1943 brachte er die Bombe nach Smolensk, die im Flugzeug Adolf Hitlers im frostigen Laderaum der Ju 52 nicht explodierte. Wie wichtig war seine Rolle im deutschen Widerstand?

Die Gestapo hat gesagt: Er sei der Kopf der Bewegung zur Beseitigung des Führers gewesen. Das stimmt wohl. Wegen dieser zentralen Rolle waren wir auch lange nicht sicher, ob nicht vielleicht die Russen, die Sachsenhausen erobert hatten, diesen so gut informierten Mann mitgenommen hätten. Es gab auch Leute, die behaupteten, man habe meinen Vater in Moskau gesehen. Deswegen entschied sich meine Mutter erst im November 1945 für die Todeserklärung.

Gab es denn Sicherheit durch Einsicht von Akten?

Nein. Aber schließlich stand fest, dass er am selben Tag ermordet worden war wie mein Onkel Dietrich Bonhoeffer.

Sie haben sich sogar den Saal angeschaut, in dem Ihr Vater verurteilt worden war?

Ja, ich habe mir das angesehen, diesen gutbürgerlichen „Gerichtssaal“ im KZ Sachsenhausen.

Ihr Vater hat Ihrer Mutter in einem seiner letzten Briefe geschrieben, er habe ja nur als anständiger Mensch gehandelt. Was können heutige Generationen über Anstand und Mut am Beispiel solcher Männer und Frauen lernen?

Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre wie die Generation, die nach 1933 Widerstand geleistet hat. Wird eine solche moralische Kraft heute noch vermittelt? Und kann man Anstand lernen? Die Demokratie kann die Fundamente nicht schaffen, auf denen sie steht, so etwa schreibt Ernst-Wolfgang Böckenförde. Braucht diese Kraft vielleicht doch eine transzendente Substanz? Etwas, das nicht rational zu erschließen ist? Wenn es in den zehn Geboten heißt, du sollst nicht töten, dann heißt das eben, du sollst nicht töten! Wenn Sie aber die zehn Gebote nicht kennen, dürfen Sie dann aus „guten“ Gründen töten, wie im materialistischen Sowjetsystem?

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