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Widerstand gegen das NS-Regime : „Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre“

Was ist das letzte Bild, das Sie von Ihrem Vater im Kopf haben?

Das war am 20. Juli 1944. An diesem Tag stand ich zufällig am Fenster seines Zimmers in der Seuchenklinik in Potsdam. Er war halbseitig gelähmt, konnte aber sprechen.

Porträts auf dem Schreibtisch: Hans von Dohnanyi (links und rechts), Dietrich Bonhoeffer (Mitte links), Klaus Bonhoeffer (Mitte rechts)

Er bat mich, sofort Kontakt mit Carl Langbehn, einem Bekannten aus dem Widerstandskreis, aufzunehmen. Aber Langbehn war auch schon im Gefängnis, die Nazis haben ihn später auch ermordet. Als ich da stand, war schon klar, dass der Putsch nicht gelungen war. Hitler lebte, das war die Nachricht. Nach dem 20. Juli begannen Gestapo und SS noch intensiver, die Arbeit meines Vaters in der Abwehr zu durchforschen. Ein Fahrer teilte der SS mit, da gebe es doch noch einen Panzerschrank in Zossen, in dem womöglich Unterlagen versteckt seien. In diesem Panzerschrank fanden sie dann alles: die Aufrufe, die er geschrieben hatte; die Reden, die er vorbereitet hatte; die Verhandlungen mit den Briten und so fort. Mein Vater hatte in seinen Kassibern immer wieder gemahnt, diese Akten zu vernichten. Aber das geschah nicht. Man wollte das später als Rechtfertigung zur Hand haben. Als mein Vater hörte, dass man den Panzerschrank gefunden habe, sah er das Ende voraus. Am 20. Juli also habe ich ihn zum letzten Mal gesehen.

Sie haben Ihren Vater verloren, als Sie 16 Jahre alt waren. Hans von Dohnanyi wurde am 9. April 1945 im KZ Sachsenhausen von einem nicht rechtmäßigen SS-Gericht zum Tode verurteilt und dann offenbar von der Trage aus, auf der er lag, erhängt. Sie hatten lange keine Gewissheit, dass er ermordet war. Wie übersteht man das als Sohn?

Ich war ja gar nicht mit der Familie in Berlin. Nach kurzer Gefangenschaft lebte ich nach Ende des Krieges im Westen. Meine Mutter und Geschwister waren damals zunächst damit beschäftigt, meinen Vater im KZ Sachsenhausen zu suchen. Als nach Monaten klar war, dass es keine Spur von ihm gab, haben wir seinen Tod endgültig hinnehmen müssen. Aber dann, im Herbst 1945, begann ja auch ein neues, freies Leben im Westen. Und Jugend will leben. Wenn Sie 16, 17, 18 Jahre alt sind, ist das eine die Trauer, das andere aber die Zukunft. Doch meine Mutter ist zerbrochen. Wenn Sie ihr Bild aus dem Jahr 1945 sehen, dann begreifen Sie es sofort. Sie starb ja auch schon mit 61 Jahren.

Wie sehr haben die Veröffentlichungen über Ihren Vater als historische Figur des Widerstands Ihr eigenes Bild von ihm geprägt? Können Sie überhaupt noch auseinanderhalten, wie Sie ihn erlebt haben und was Sie über ihn gelesen haben?

Ja, sicher. Auch gerade weil ich dann immer spüre, wie schwierig es ist, über einen Mann zu schreiben, den man nie gesehen hat. Mein Vater war ein Mann des Rechts, und dieses Recht wollte er im Widerstand gegen den Unrechtsstaat wieder durchsetzen. Davon ist in seinen Briefen natürlich nichts zu lesen. Er wirkte so auf Andere oft kühl und sachlich, nicht auf uns und die Familie. Ich erinnere ihn deswegen viel wärmer, als die Berichte über ihn vermitteln können.

Ein dickes Buch allein füllt die Geschichte des „Unternehmens Sieben“, wie Ihr Vater 14 Juden nach 1942 zur Flucht in die Schweiz verhalf.

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