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Widerstand gegen das NS-Regime : „Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre“

Wie organisiert man die Tage ohne Eltern in einem Land im Krieg?

Das war das geringste Problem, mit 14 Jahren können Sie, wenn nötig, alles. Wir mussten uns allerdings dann - es war ja mitten im Krieg - darum kümmern, wo die Eltern waren und wie man ihnen eventuell Essen bringen konnte. Aber wir drei waren erfinderisch.

Ihre Mutter kehrte nach einigen Wochen nach Hause zurück, Ihr Vater blieb bis zu seiner Ermordung in Haft. Er schrieb Briefe, Sie haben sie veröffentlichen lassen. Es sind sehr empfindsame Briefe, Texte eines liebenden Ehemanns und Vaters. In einem Brief, er gratuliert Ihnen zum 15. Geburtstag, schreibt er: Auch wenn das Leben Enttäuschungen bringe, sei es wichtiger, sich den Glauben an das Gute im Menschen zu bewahren und, auch um den Preis solcher Enttäuschungen, kein Menschenfeind zu werden. Wie wichtig waren diese Briefe für Sie und Ihre Familie?

Sie waren ja das einzige Lebenszeichen! Am Anfang konnten wir meinen Vater noch gelegentlich im Gefängnis sehen, wenn er zum Beispiel, immer allein, zur Bewegung in den Hof gebracht wurde. Da half dann auch der Gefängnisdirektor, ein freundlicher Mann, der sich auch mit meinem Vater zusammensetzte und über alles mögliche unterhielt. Sonst hatten wir eben Briefe und Kassiber, die übrigens vor einiger Zeit im Deutschen Literaturarchiv in Marbach ausgestellt wurden. Wir wussten, in den Briefen konnte nur Privates stehen. In Kassibern, die sehr sorgfältig nach früherer Absprache mit meiner Mutter verschlüsselt waren, versuchte mein Vater sogar, die Verteidigung für sich und Dietrich Bonhoeffer zu organisieren. Um den Verhören auszuweichen, bat er dann in einem solchen Kassiber um Diphtherie-Bakterien im Joghurt, um sich selbst infizieren zu können. Meine Mutter brachte ihm die Erreger mit dem Essen. Die haben dann furchtbar gewirkt, und es erfolgte - bei unzureichender Behandlung natürlich - eine schwere Lähmung.

Ihr Vater schreibt einmal über Sie an Ihre Mutter, Sie stünden nun in einem Alter, in dem man „den Vater mehr braucht denn je“. Gab es bei Ihnen auch Momente, in denen seine Entscheidung für den so gefährlichen Widerstand Sie geärgert hat? Warum hat er das gemacht? Leben und Glück der Familie aufs Spiel gesetzt?

Nein. Das haben wir so nie empfunden, auch später nicht. Ich glaube, wenn Verhältnisse bestehen wie damals, dann muss es Leute geben, die bereit sind, bis zum Äußersten zu gehen. Deswegen war er ja schon 1938 bei den ersten Vorbereitungen für einen Staatsstreich dabei: Man wusste doch, dass Hitler Krieg bedeutete. Diesen Krieg zu verhindern war für ihn das Wichtigste. Er hatte auch die Vernichtung der Juden vorhergesehen, die eben später in einem Krieg folgen könnte.

In der Sammlung der Briefe fehlen natürlich jene von Ihrer Mutter und die von Ihnen selbst. Was haben Sie ihm geschrieben?

Ich konnte ja auch nur schreiben, wie es zu Hause geht, dass wir mit allem klar kommen und wie sehr er uns fehlt. Schließlich las ja immer eine dritte Partei mit. Dieses Versteckspiel führt in einer Zeit der Diktatur zu einer gewissen Unkenntlichkeit dieser Zeit für spätere Generationen. Keiner schrieb, was er wirklich dachte. So wie wir in unseren Briefen. Wir haben verabredete Andeutungen gemacht. Aber wer nicht zwischen den Zeilen lesen konnte, der konnte auch die Zeilen selbst nicht verstehen. Wenn die nächsten Generationen unsere Briefe lesen, wissen die gar nicht mehr, was wir sagen wollten und warum wir es so gesagt haben.

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