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FAS-Karikaturisten Hauck&Bauer : „Manchmal sind die Figuren wir selbst“

Mit Humor lässt sich auch der Herbst gut ertragen: Dominik Bauer (l.) und Elias Hauck (r.), produzieren seit 15 Jahren Cartoons. Bauer denkt sich den Text aus, Hauck zeichnet. Bild: Frank Röth

Seit 15 Jahren liefern Elias Hauck und Dominik Bauer den Strip „Am Rande der Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Im Interview erzählen sie, wer sie sind und wie sie arbeiten.

          6 Min.

          Dominik, wie gut kannst du zeichnen?

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bauer: Gar nicht.

          Hauck: Ich übrigens auch nicht!

          Bauer: Die Arbeitsteilung ist schon bewusst gewählt, dass einer schreibt und einer zeichnet.

          Elias, wie schlecht bist du mit Worten?

          Hauck: Schon sehr schlecht. Deshalb werde ich jetzt auch nichts mehr sagen.

          Bauer: Du kannst deine Antworten ja zeichnen.

          Dieser Tage erscheint ein neues Buch von euch, zu eurem fünfzehnjährigen Jubiläum als Cartoonisten-Duo. Eigentlich ein bisschen spät, denn euer erster Strip für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erschien schon im März 2003. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

          Hauck: Wir hatten Alexander Marguier, der damals das Gesellschafts-Ressort leitete, ein paar Kugelschreiberzeichnungen auf Karopapier geschickt. Er hat uns vorgeschlagen, damit die Spalte am rechten Rand zu füllen, und wir schickten ihm zwei, drei Vorschläge. Eine Woche später war der erste Cartoon in der Zeitung.

          Bauer: Das war die allererste Veröffentlichung von Hauck und Bauer.

          Dominik, was bist du eigentlich von Beruf? Kann man sich Cartoonist nennen, wenn man gar nicht zeichnet?

          Bauer: Ich sage meistens, dass ich Witzeschreiber bin. Was ja auch stimmt. Ursprünglich habe ich als Werbetexter gearbeitet, lebe aber mittlerweile tatsächlich ganz vom Humor.

          Ihr kommt beide aus Alzenau in Unterfranken. Du, Elias, lebst seit langem in Berlin, du, Dominik, in Frankfurt. Habt ihr euch humoristisch in verschiedene Richtungen entwickelt?

          Bauer: Wir halten uns ja gegenseitig an der Leine, so dass wir uns nicht zu sehr auseinanderentwickeln.

          Bild: Hauck & Bauer

          Eure Kollegen Greser und Lenz haben eine Neigung zum typisch hessischen Humor und lassen ihre Figuren im Dialekt reden. Wie ist das bei euch?

          Bauer: Wir machen ja manchmal auch Cartoon-Lesungen und sprechen dann auch Dialekte. Aber zuerst schreiben wir den Witz in Hochdeutsch auf. Der Dialekt ist in den Köpfen schon anwesend, aber nicht in den Sprechblasen.

          Wie darf man sich das vorstellen, eine Lesung von Cartoons?

          Bauer: Wir werfen die an die Wand und lesen sie mit verteilten Rollen und albernen Stimmen vor.

          Hauck: Manchmal gibt es auch Filme. Wir haben mit Anke Engelke für ihre Sendung „Anke hat Zeit“ ein paar sehr schöne Trickfilme gemacht. Die werden wir jetzt aber wohl nicht mehr zeigen. Manche Leute besuchen ja regelmäßig unsere Veranstaltungen, vor allem unsere Eltern. Und die will man auch nicht langweilen.

          Wenn ihr an neuen Cartoons arbeitet, wie kommuniziert ihr? Am Telefon, per Kurznachricht?

          Bauer: Am Anfang haben wir immer telefoniert. Ich habe dir die Texte vom Block vorgelesen, und du hast mitgeschrieben. Irgendwann sind wir darauf gekommen, dass das vielleicht nicht die effizienteste Art ist. Seitdem schreibe ich meine Texte in Mails rein.

          Hauck: Und ich habe am Anfang die Zeichnungen in Rollen nach Frankfurt geschickt. Das hat sich auch geändert.

          Bild: Hauck & Bauer

          Und du entwirfst dann schon ein kleines Storyboard mit Anweisungen für Bild 1 bis 4?

          Bauer: Genau. Es ist wie ein kleines Drehbuch. Auch mit Hinweisen zur Mimik und Ähnlichem. Elias kann dann natürlich sagen: Den Witz finde ich nicht gut. Der wird dann nicht gezeichnet.

          Hauck: Manchmal übertreibe ich auch in der Zeichnung. Es gibt dann oft noch Verbesserungsrunden, in denen es zum Beispiel heißt: Gesichtsausdruck neutraler.

          Wer von euch beiden ist strenger, wer lehnt mehr vom anderen ab?

          Bauer: Hält sich die Waage, würde ich sagen. Beide haben ein Vetorecht. Wo ich immer sofort überzeugt bin: Wenn Elias sagt, dass der Witz zu brav sei, dann mag ich ihn auch nicht mehr.

          Der frühere „Titanic“-Chef Leo Fischer hat dir, Dominik, ein aufbrausendes Wesen bescheinigt. Bist du die Autoritätsperson und damit der heimliche Chef von euch beiden?

          Bauer: Das war, glaube ich, ironisch gemeint. Ich bin eigentlich nicht sehr aufbrausend. (schreit) Und das war eine Unverschämtheit!

          Euer Cartoon heißt „Am Rande der Gesellschaft“, weil er ganz rechts auf der ersten Seite des damals noch „Gesellschaft“ betitelten Teils stand. Seit Jahren nennt sich unser Ressort nun „Leben“, euer Cartoon aber heißt immer noch wie früher. Fiele euch kein passender Titel mit „Leben“ ein?

          Hauck: Eigentlich müsste der Strip in die Mitte gerückt werden und heißen: „In der Mitte des Lebens“. Wir wollten es aber aus Traditionsgründen nicht ändern.

          Bauer: Man könnte jede Woche eine kleine Fußnote drucken, dass der Teil früher „Gesellschaft“ hieß.

          Sind denn die Leute, die uns im Cartoon präsentiert werden, tatsächlich allesamt Randfiguren?

          Bauer: Das kommt auf die Perspektive an. Je nachdem, wo man sich hinstellt, kann der Rand ja überall sein. Manchmal sind die Figuren auch wir selbst, mit selbstgesagten Sätzen und selbstgedachten Gedanken. Aber wann genau, das verraten wir nicht.

          Ein Selbstportrait von Elias Hauck und Dominik Bauer
          Ein Selbstportrait von Elias Hauck und Dominik Bauer : Bild: Hauck & Bauer

          Zu den wiederkehrenden Motiven in euren Cartoons zählt es, dass zwei Menschen bei einem Bier im Wirtshaus sitzen. Welche Rolle spielt Alkohol für eure Arbeit?

          Bauer: Die allerersten H&B-Cartoons sind unter dem Einfluss von Alkohol entstanden, in der Berliner Kneipe „Zwiebelfisch“.

          Hauck: Und weil das so gut funktioniert hat, machen wir es bis heute so! Na, vielleicht ein bisschen professioneller.

          Bauer: Eine Kneipe ist nun mal einer der wenigen Orte, wo Fremde ins Gespräch kommen. Eine tolle Ausgangssituation für alle möglichen Dialoge.

          Hauck: Zeichnerisch ist es für mich natürlich nicht so interessant, immer wieder zwei Leute am Tresen zu zeichnen. Wir haben schon überlegt, wo man sie sonst hinsetzen könnte. Vielleicht in die Sauna. Aber warum in die Sauna?

          Bild: Hauck & Bauer

          Ihr habt euch im Altgriechisch-Kurs kennengelernt. Das klingt danach, als wäre für euch auch ein ganz anderes Dasein möglich gewesen.

          Bauer: Das glaub ich nicht. Aber wir haben den alten Griechen viel zu verdanken. Wir haben damals „Antigone“ gelesen, und Elias hatte in seinem Buch ein selbstgemachtes Lesezeichen, auf dem stand: „Ich hasse dieses Buch.“

          Hauck: Du warst mir auf jeden Fall suspekt. Dominik war eine Klasse unter mir, und es hieß: „Da ist noch so jemand, der lustige Sachen macht.“ Ich wollte aber der Einzige sein, der lustige Sachen macht. Dann wurden die Kurse aber zusammengelegt, und wir haben uns zum ersten Mal unterhalten.

          Lasst uns über Alzenau reden. Die Stadt, heißt es auf ihrer Website, habe „eine Menge zu bieten“ ...

          Hauck: Oh Gott.

          ...unter anderem „eine ganze Reihe oftmals unerwarteter Sehenswürdigkeiten“. Fördert das die Kreativität, wenn man in seiner Heimatstadt immer wieder auf unerwartete Sehenswürdigkeiten stößt?

          Hauck (lacht): Da brauchte ich jetzt mal ein paar Beispiele, was das sein sollte.

          Bauer: Ich finde sogar diesen Eintrag unerwartet. Aber es gibt in Alzenau eine neue Rutsche, hast du davon gehört?

          Hauck: Im Schwimmbad?

          Bauer: Eben nicht. Sie ist so groß wie eine Wasserrutsche, aber man landet an Land.

          Hauck: Phantastisch. Und es ist vor kurzem ein Kino eröffnet worden, in einem ehemaligen Gefängnis, in dem dann später öffentliche Toiletten waren. Jetzt ist dort ein Kino.

          Bauer: Das wäre dann die Tagesempfehlung für einen Ausflug nach Alzenau: erst rutschen, dann ins Gefängnis.

          Über die Jahre sind die Cartoons zeichnerisch immer dynamischer, flüchtiger, kritzeliger geworden. Wie viel Arbeit steckt darin, den Strich so leicht aussehen zu lassen?

          Hauck: Das ist eigentlich schon die Antwort. Denn die Frage, wie lange es denn dauert, eine solche Zeichnung zu machen, impliziert die Idee: Das ist eigentlich in zwei Minuten gemacht. Natürlich gibt es auch die Zeichnung, die mit dem perfekten ersten Strich funktioniert, aber oft muss man nachjustieren. Und das kann schon dauern.

          In den frühen Jahren sahen eure Figuren noch deutlich anders aus, sie hatten zum Beispiel lange, Besenstiel-artige Nasen. Hattet ihr damals Scheu vor den Cartoon-typischen runden oder ovalen Nasen?

          Hauck: Wir haben versucht, etwas zu machen, das es so noch nicht gab. Haben aber irgendwann gemerkt: Bei diesen Nasen von fünf Zentimeter Länge ...

          Bauer: ...passt nichts anderes mehr auf das Bild drauf.

          Für euer neues Buch hat der Kollege Michael Sowa das Cover gestaltet, der ein sehr renommierter komischer Maler ist. Wenn er euch fragen würde, im Gegenzug für ihn ein Titelbild zu liefern, bekämt ihr das hin?

          Bauer: Wir müssten dann ja ein Sowa-Bild in einen Cartoon transferieren. Das würden wir auf jeden Fall hinkriegen.

          Sind in der Cartoonisten-Szene alle eng miteinander befreundet, ist es eine einzige große Familie?

          Bauer: Fühlt sich schon so an. Es gibt eigentlich keinen Neid aufeinander.

          Hauck: Außer von uns.

          Bauer: Das hängt auch damit zusammen, dass alle nicht so viel verdienen. Man muss dem anderen auch nicht viel neiden.

          Bild: Hauck & Bauer

          Ihr habt zweimal den Deutschen Karikaturenpreis in Silber erhalten. Was hat zum Gold gefehlt?

          Bauer: Ja, wir sind irgendwie auf das Silberbesteck gebucht.

          Hauck: Die ewigen Zweiten. Aber es ist gut, da hat man immer noch einen Anreiz, weiterzumachen.

          Bauer: Einmal Bronze sollten wir gewinnen!

          Was läuft mit den Karikaturen aus der „Süddeutschen Zeitung“ so haarsträubend falsch?

          Bauer: Das müsste man Heribert Prantl fragen. Analytisch könnte man sagen, sie sind schlecht, weil ...

          Hauck: ...sie nicht lustig sind.

          Bauer: Sie sind nicht lustig, und es wird nicht gezeichnet, was es darstellen soll. Es wird draufgeschrieben. Ein Elefant, auf dem „USA“ steht – schlimm.

          Hauck: Es wäre wirklich wünschenswert, dass die „SZ“-Karikaturisten mal ihre Bilder vorlesen müssten – um dann zu merken, dass es im Publikum mucksmäuschenstill ist. Man kann nicht applaudieren, man kann nicht lachen.

          Ab und zu sind aber auch eure Cartoons politisch, etwa als es um den damals inhaftierten Deniz Yücel ging oder um die Anschläge auf „Charlie Hebdo“. Wo ist für euch ein Moment erreicht, in dem ihr euch positionieren wollt?

          Hauck: In diesen beiden Fällen waren wir persönlich betroffen. Deniz Yücel ist ein Freund und Kollege von uns, auch „Charlie Hebdo“ war uns supernah. Sonst versuchen wir keine tagesaktuellen Dinge zu machen, weil sie schnell überholt sind.

          Bauer: Wir machen Cartoons über Fremdenfeindlichkeit, aber nicht über den tagesaktuellen Auswurf eines AfD-Politikers.

          Bild: Hauck & Bauer

          Was sind die Themen, auf die ihr am häufigsten Reaktionen bekommt?

          Bauer: Religion, sowohl positive als auch negative. Es gab eine Abo-Kündigung wegen des „Inri“-Strips. Da sieht man ein Kreuz mit der Aufschrift „Heute Hinrichtung“, und im Laufe der Jahre fallen die Buchstaben ab. Übrig bleibt „Inri“.

          Eine Leserin unserer Zeitung hat sich einmal über die Brüste eurer weiblichen Figuren beschwert. Was stimmt denn nicht mit denen?

          Bauer: Die waren ihr zu schlaff.

          Hauck: Oder zu windschief.

          Anke Engelke hat angekündigt, dem Ersten, der sich einen eurer Cartoons tätowieren lässt, einen Kuchen zu backen. Hat sie das wahrmachen müssen?

          Hauck: Das ist leider wirklich passiert.

          Bauer: Eine Frau hat sich einen unserer Cartoons auf die Wade tätowieren lassen. Den Mann, der vor einer Seminartür steht, an der ein Zettel hängt: „Positives Denken entfällt“.

          Und hat Anke Engelke ihr einen Kuchen gebacken?

          Bauer: Ich glaube, sie backt gerade noch.

          Das neue Buch von Hauck und Bauer

          „Ist das noch Entspannung oder schon Langeweile?“ erscheint am 12. September im Verlag Antje Kunstmann.

          Seine Lesetour führt das Duo nach Rostock (20.9.), Berlin (23.9.), Leipzig (24.9.), Nürnberg (25.9.), München (27.9.), Saarbrücken (28.9.), Alzenau (29.9.), Frankfurt (2.10.), Mainz (3.10.), Essen (4.10.), Herten (6.10.) und Hamburg (8.10.).

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