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„Prenzlschwäbin“ im Gespräch : „Die Schwaben wollten kein Schwabylon“

Als gebürtige Schwäbin lebt die Schauspielerin Bärbel Stolz seit Jahren in Berlin und nimmt als „Prenzlschwäbin“ das Klischee des Schwaben in der Hauptstadt auf die Schippe. Bild: Julia Zimmermann

Seit fast 20 Jahren lebt die gebürtige Esslingerin Bärbel Stolz in Berlin. Mit ihrem Youtube-Kanal „Die Prenzlschwäbin“ wurde sie vor Kurzem deutschlandweit bekannt. Im Gespräch erklärt sie, warum der Berliner den fiktiven Schwaben hasst.

          Frau Stolz, Sie leben als Schwäbin in Prenzlauer Berg. Was bestellen Sie morgens beim Bäcker: Schrippen oder Weckle?

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Einfach Brötchen. Es stehen ja die Bezeichnungen dran, die der Bäcker gern hört.

          Die Schwaben in Berlin, so hatte der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse vor drei Jahren gewütet, müssten endlich das Wort Schrippe lernen und begreifen, dass Berlin keine Kleinstadt mit Kehrwoche sei. Haben Sie den Streit verstanden?

          Nein. Überhaupt nicht. Seitdem es meine Video-Serie gibt, bekomme ich Zuschriften, in denen dargelegt wird, dass Berlin eigentlich von den Schwaben gegründet worden sei und Herr Thierse gar keinen Grund habe, sich so aufzuregen.

          Sie leben seit fast 20 Jahren als Schwäbin in Berlin und bespielen seit Januar 2014 den Youtube-Kanal „Die Prenzlschwäbin“. Das Video „Shit Prenzlschwaben Say“ wurde mehr als eine Million Mal angeschaut. Wie kam es zu der Videoserie?

          Ich bin Schauspielerin und wollte eigentlich nur ein Demoband auf Schwäbisch aufnehmen. Ich wollte nicht nur sagen: Hallo, mein Name ist Bärbel Stolz. So entstand der Integrationskurs für Schwaben. Der Begriff kam von meinem Mann – er schneidet, filmt und macht auch die Musik.

          Wie sind die Reaktionen auf die Videos?

          Fast alle sind freundlich. Jeder ist hier mit irgendeinem Schwaben verbandelt. Jeder sagt, er kenne nette Schwaben. Der Schwabenhass der Berliner bezieht sich auf den fiktiven Schwaben. Dem scheint hier aber noch nie jemand begegnet zu sein.

          In einem Ihrer jüngsten Clips beschwert sich eine schwäbische Dinkelstangen-Mutti darüber, dass man ihr den Cortado nicht mit Mandelmilch serviert hat. Sagen Sie mal, Cortado mit Mandelmilch, kann man das überhaupt trinken?

          Keine Ahnung, ich habe das noch nie probiert. Mandelmilch pur schmeckt jedenfalls.

          Muss man heute, wenn man wie Sie aus Hayingen von der Schwäbischen Alb kommt, überhaupt noch nach Berlin ziehen, weil es daheim so eng zugeht? In Stuttgart weht doch am Christopher-Street-Day die CSD-Fahne auf dem Neuen Schloss. Und es regiert der einzige grüne Ministerpräsident der Welt!

          Wahrscheinlich ist es heute rebellischer, in Stuttgart zu bleiben oder vielleicht nach Böblingen zu ziehen. Vor 20 Jahren war Berlin eben rebellisch. Und ich wollte auf die Schauspielschule. Es gibt Orte, die für Zugezogene schwieriger zu begreifen sind als Stuttgart. Selbst für mich als Schwäbin wäre es schwer, zum Beispiel im Dreiländereck Freiburg-Lörrach-Basel klarzukommen.

          Gibt es den Berliner Schwabenhass überhaupt noch?

          Organisiert nicht. Es gibt diese Graffiti: TSH – totaler Schwabenhass. Ich dachte erst, das hieße Turn- und Sportverein Hannover. Eine Freundin hat sich kürzlich nicht getraut, im Geschäft zu sagen, dass der Reibekäse für Spätzle ist. Sie glaubte, dass die Kassiererin Schwaben nicht leiden mag. Mir ist das in 20 Jahren in Berlin nie passiert.

          Vielleicht steckt hinter der Berliner Schwabendebatte eine narzisstische Kränkung. Weil der anglophone Hipster aus Neukölln im Mittelpunkt steht, fühlen sich die Schwaben vernachlässigt.

          Da ist bestimmt auch etwas Narzissmus dabei. Mag sein, dass wir mal wieder so richtig angefeindet werden wollen. Aber vergessen Sie nicht, es gibt doch auch viele schwäbische Hipster in den Werbeagenturen oder in der Musikszene.

          Kann es sein, dass die Dinkelstangen-Mutti aus dem Prenzlauer Berg heute spießiger ist als, sagen wir, die Mutter aus Böblingen im Reihenendhaus?

          Manche unangenehmen Eigenschaften kommen ja in der Diaspora erst richtig zum Vorschein. Der Hang zu Bio kommt ja daher, dass unsere linksliberalen Eltern uns mit Dinkelbratlingen und selbstgebackenem Brot großgezogen haben. Daran erinnert man sich dann gern, wenn man die großstädtische Umgebung als unsauber und eher ungesund empfindet. Dann kauft man sich ein bisschen Sauberkeit zurück mit der Biomöhre.

          Oskar Roehler schreibt in seinem Buch über die Berliner Punkszene der achtziger Jahre, dass die „Söhne und Töchter von spießigen Kleinbürgern aus Schwaben“ sich jetzt nur als Ökos aufspielten. In Wahrheit seien sie genauso kaltherzig, berechnend und ehrgeizig wie ihre „Nazi-Großeltern“. Fällt Ihnen dazu etwas ein?

          Das sind genau die Sätze, die man von Roehler hören will. Wahrscheinlich hat ihm eine Schwäbin in den achtziger Jahren mal das Herz gebrochen. Die Schwaben, die ich kenne, sind authentisch, die meinen es ernst mit der Ökologie und dem Grünsein.

          Und wo gibt es die besten Spätzle in Berlin?

          Schwierig. Ich schabe die selbst zu Hause. Ich kenne auch keine gute schwäbische Weinstube zum Vierteleschlotzen. Die Schwaben, die nach Berlin gingen, wollten ja nicht Schwabylon gründen, die wollten kein weiteres schwäbisches Dorf, die wollten etwas anderes. Aber auch die Achtundsechziger-Schwabengeneration mit Hippie-Ohrring in Kreuzberg hat sich das Schwäbische ja nicht komplett ausgetrieben. Die wollen, dass es schön ist, das sieht man doch am Bergmannkiez. Meine Generation sieht die Schattenseiten des Schwabentums entspannter.

          Um was geht es in Ihrem Roman „Dating Down“, der demnächst erscheint?

          Das ist ein klassischer Frauenroman, da geht es um Frauen, die bei Bildung und beruflichem Erfolg aufgeholt haben, die sich aber in ihrem Beziehungsverhalten immer noch nach oben orientieren. „Dating down“ meint, dass man sich auch noch unten umschaut. Außerdem schreibe ich an einem Roman, der von einer Schwäbin handelt, die sich Berlin erobert. Getreu dem Cohen-Song „...then we take Berlin“. Das Allernächste ist aber unsere Filmpremiere. „Marcel über den Dächern“ läuft auf dem Achtung Berlin Festival. Den Film habe ich mit Familie und Freunden gedreht. Ich spiele auch eine Schwäbin – die aber hochdeutsch spricht.

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