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Kosmonaut Sigmund Jähn : „Alle anderthalb Stunden siehst du einen Sonnenaufgang“

„Wenn man einen Flug macht mit dem Gefühl, es könnte was passieren, ist man völlig ungeeignet“: Jähn 1978 an Bord der Raumstation „Saljut 6“. Bild: Getty

Er war der erste Deutsche im Weltall: Im Interview spricht der Kosmonaut Sigmund Jähn über Heimweh im All, Schwerelosigkeit – und darüber, was seine Freundschaft zu Alexander Gerst auszeichnet, der sich derzeit auf der ISS befindet.

          Herr Jähn, nachträglichen Glückwunsch zum Jubiläum – vor mehr als vierzig Jahren sind Sie als erster Deutscher ins All geflogen.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Danke. Wo sind Sie denn jetzt?

          In Frankfurt!

          Im Westen?

          Ja, genau, Frankfurt am Main.

          Wollten Sie nicht kommen? Ich hab’ mir extra die Schuhe geputzt.

          O je, das tut mir leid. Ich dachte, wir telefonieren heute.

          Eine frische Hose hab’ ich auch angezogen ...

          Wirklich?

          (lacht) Nein, ich mache nur Spaß.

          Sie sind am 26. August 1978 mit der sowjetischen Kapsel „Sojus 31“ ins All zur Raumstation „Saljut 6“ geflogen, für sieben Tage und fast 21 Stunden. Sie haben 125 Mal die Erde umkreist. Ihr Kollege Alexander Gerst befindet sich derzeit auf der ISS und bereitet sich gerade auf einen weiteren Außeneinsatz vor. Denken Sie manchmal an ihn?

          Natürlich, der Alex ist mir besonders nah. Von Anfang an hatte ich den Eindruck, dass er auch den Kontakt gesucht hat. Wir haben uns mehrmals gesehen. Er hat dafür gesorgt, dass ich bei seinem Start dabei sein durfte, in Baikonur in Kasachstan. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Vielleicht könnte man erwarten, dass ich mich noch mehr mit seinem Raumflug beschäftige. Das möchte ich aber nicht übertreiben.

          Was denken Sie denn von der Raumfahrt von heute? Verfolgen Sie alles?

          Ja, ein bisschen schon, wobei ich natürlich nicht mehr aktiv beim DLR in Köln bin, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt; da war ich ja auch eine ganze Zeitlang. Die haben mich nach der Wende nach Russland geschickt, um unsere Männer dort einzuarbeiten. Ich habe dort quasi das Office des DLR und später auch der ESA gehabt, der Europäischen Raumfahrt-Agentur; ich ging im November 1990 rüber, direkt nach der Wiedervereinigung.

          Wissen Sie noch, wie sich die Schwerelosigkeit anfühlt?

          Natürlich, daran erinnere ich mich, aber das kann man hier auf der Erde nicht so nachvollziehen. Es ist auch eine Frage des Aushaltens. Vielen Leuten wird schlecht. Es gibt die Möglichkeit, sich zu bewegen, sich im Raum zu drehen, zu purzeln, die Schwerelosigkeit zu erleben. Das ist für viele ausgewählte Leute zu Anfang eine echte Tortur. Es dauert oft eine Weile, bis man sich daran gewöhnt. Das ist mir nicht passiert. Und das ist sicher auch ein Grund, warum ich ausgewählt wurde. Mir ist nicht einmal schlecht geworden. Ich fand es sehr angenehm. Dafür konnte ich aber nichts.

          Was war für Sie das eindrücklichste Erlebnis im Weltraum?

          Eigentlich die Tatsache, dass das alles geht. Es ist schwer zu beschreiben. Und die Sonnenaufgänge. Es ist ja nicht nur einer, sondern alle anderthalb Stunden kannst du dir einen Sonnenaufgang anschauen, die sind ja immer richtig schnell, man kann genau beobachten, wie die Sonne auf- und wieder untergeht und dabei viele verschiedene Farben zeigt, das ist ein Erlebnis. Und das Erlebnis der gemeinsamen Tätigkeit, ich hatte ja drei Russen an Bord damals. Wir haben uns sehr gut verstanden.

          Könnten Sie sich heute noch immer vorstellen, in den Weltraum zu fahren?

          Natürlich, wenn die mich nehmen würden. Das hängt ja auch vom Zeitpunkt ab, man muss auch in eine gewisse Alterskategorie passen.

          Sie waren ja im All als „Kosmonaut“ und Oberstleutnant der NVA der DDR. Sie haben mal gesagt, dass Sie glauben, im Westen nie in den Weltraum geschickt worden zu sein. Warum?

          Ja, das schätze ich so ein. Ich habe eben nicht von Anfang an die Hochschule besucht. Mein Vater wollte das nicht. Ich hatte zwar das beste Zeugnis der Klasse und auch eine Auszeichnung als bester Schüler, aber mein Vater wollte partout, dass ich Buchdrucker werde. Mit 14 hört man eben auf die Eltern. Dann musste ich alles nachholen, ich hab mein Abitur gemacht, ich hab meine Hochschule gemacht. Im Westen wird manchmal gern erzählt: Der Jähn ist ja nur ein einfacher Arbeiter gewesen.

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