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Rapper Danger Dan im Interview : „Ich war schon lange vorher Feminist“

Sie fragen im Song: Wie soll ich meiner Tochter das alles erklären? Haben Sie inzwischen eine Lösung?

Nein, und dafür ist meine Tochter auch noch zu klein. Was wir auf jeden Fall gerade üben, ist das Quatsch-erzählen-Spiel, das wir uns ausgedacht haben. Ich sage etwas wie „Baggerfahren ist nur für Jungs“, und dann entgegnet meine Tochter: „Das ist doch Quatsch!“ Und lacht sich kaputt. Außerdem spielen wir Rollenspiele, in denen man verschiedene Positionen einnehmen kann. Ein anderer Trick ist, die sogenannte reproduktive Arbeit gerecht zu verteilen.

Das heißt, Sie und die Mutter Ihrer Tochter teilen die Hausarbeit 50:50 auf?

Wir achten auf jeden Fall darauf, dass die Hausarbeit gerecht aufgeteilt wird, und diskutieren auch sehr viel darüber. Das klappt mal besser, mal schlechter. 

Sind Sie gerne Vater?

Ich bin richtig gerne Vater. Es ist auch anstrengend und nervt, und es macht vorne und hinten keinen Sinn, ich kann das alles wirklich überhaupt nicht empfehlen. Es ist wie Pommes und Currywurst: Macht eigentlich keinen Sinn, ist aber total geil.

Gibt es Musik von Ihnen, die Ihre Tochter nicht hören soll?

Mir ist definitiv aufgefallen, dass ich keine Kindermusik mache. Sonst lief die auch bei mir zu Hause. Und plötzlich singt die Kleine „Eine aufs Maul“ oder „Ich muss kotzen, wenn ich ein Pferd seh, ich brauch ein Kaugummi, ich brauche Fernsehen.“ Das ist schon strange. Ich empfehle da Kinderrap, etwa „Deine Freunde“ aus Hamburg. Ich habe nie Musik für Kinder gemacht, und ich habe meine Musik nie in dieser Hinsicht reflektiert. Ich hab aber schon lange über ältere Releases nachgedacht. In „Beate Zschäpe hört U2“ rappe ich: „An ihren Theken sitzen überall dieselben Hurensöhne, sie fordern so was wie den Volksentscheid auf Bundesebene“. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das heute noch mal so schreiben würde.

Wie sexistisch ist Deutschrap denn, wenn Wörter wie Hurensohn zum Standard gehören?

Die Rapszene ist eine misogyne, männerdominierte Szene. Es gibt dort kaum Protagonistinnen und die, die es gibt, geben oft selbst verinnerlichten Sexismus wieder. Man kann an einer Hand abzählen, wie viele Frauen in Deutschland von Rap leben können. Das ist einfach ein schrecklicher Männerhaufen. Ich glaube aber auch, dass es nicht unmöglich ist, dort eine gewisse Sensibilität zu erreichen. Das ist beim Thema Rassismus teilweise geschafft. Aber die Vergewaltigungsphantasie gehört zum Standardrepertoire.

Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen, dass Ihre Tochter durch Ihren Beruf eine gewisse Nähe zu Deutschrap bekommen wird?

Ich will sie nicht vor Deutschrap beschützen. Ich würde mir wünschen, sie könnte in einer Welt ohne Sexismus aufwachsen. Aber nicht ohne Deutschrap. Und meine Tochter kennt viele gute Rapper. Sie kennt ganz unterschiedliche Leute, wächst in einer künstlerischen und kreativen Umgebung auf. Daher mache ich mir keine Sorgen. Bei mir zu Hause würden niemals sexistische Texte aus den Lautsprechern kommen. Aber man guckt mit Kindern ja auch nicht einfach so Fernsehen, sie können Realität und Fiktion nicht immer unterscheiden. Man muss ihnen helfen, eine gewisse Medienkompetenz zu entwickeln. Der Trick ist nicht, irgendwas zu zensieren, sondern sie zu sensibilisieren: Wollen sie solche Frauenbilder sehen? Es ist egal, was die Eltern machen. Sie können Akademiker sein, Rapper, Bauarbeiter oder Bundeskanzlerin.

Danger Dan ist ein deutscher Rapper aus Aachen und Vater einer Tochter. Seine Hiphop-Gruppe Antilopengang wurde durch Songs wie „Beate Zschäpe hört U2“ und „Pizza“ und durch ihre klare politische Haltung deutschlandweit bekannt. Am 1. Juni wird Danger Dan nicht nur 35, es erscheint auch sein Solo-Album „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“.

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