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Humor als Waffe : „Nie hieß es: War doch nur ein Witz“

Fragt Honecker Breschnew, wie viele politische Gegner er im Land habe. „17 Millionen“, antwortet Breschnew. Darauf Honecker erleichtert: „Mehr dürften es bei mir auch nicht sein.“ Bild: AP

Bodo Müller sammelte in der DDR politischen Humor - bis er ins Visier der Stasi geriet. Jetzt hat er seine einstige Sammlung veröffentlicht.

          6 Min.

          Herr Müller, müssen Sie politische Witze wie diesen heute erklären?

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Zum Teil ja, weil die jüngere Generation oft gar nicht mehr weiß, dass Honecker DDR-Staatschef und Breschnew Staatsoberhaupt der Sowjetunion war. Aber vielleicht finden gerade Jüngere über diese Witze einen Zugang zur Geschichte. Deshalb schildere ich auch bewusst, was mit Leuten passierte, die solche Witze erzählt haben. Und ich habe eine Zeittafel und ein Namensregister eingebaut, so dass man viele Witze einordnen kann. Da können auch Leute mitlachen, die nicht in der DDR sozialisiert wurden.

          Haben Sie einen Lieblingswitz?

          Da gibt es mehrere, zum Beispiel den hier: Honecker und Mielke gehen an einem klaren Wintertag in Wandlitz spazieren. Plötzlich entdecken sie, dass jemand „Honecker ist doof“ in den Schnee gepinkelt hat. Honecker ist fassungslos, Mielke versichert, den Unhold bis zum nächsten Tag zu verhaften. Tags darauf berichtet er Honecker: „Wir haben den Urin analysiert: Es ist Egon Krenz.“ - „So ein Dreckskerl, und der sollte mein Nachfolger werden“, wütet Honecker. „Das ist noch nicht alles“, sagt Mielke. „Wir haben Schriftproben genommen. Die Handschrift stammt von Margot.“

          Da ist ja wirklich alles drin.

          Ja, ganz viel Sarkasmus und auch so viel Hass gegen diese aufgesetzte Obrigkeit, die von sich behauptete, demokratisch zu sein, aber von Moskau eingesetzt war und sich wie kleine Fürsten aufführte.

          Chruschtschow und Kennedy laufen um die Wette. Kennedy siegt und wird in der amerikanischen Presse gefeiert. Die Prawda wiederum schreibt: „Genosse Nikita Chruschtschow errang einen hervorragenden zweiten Platz. Der amerikanische Präsident hingegen wurde nur Vorletzter.“

          Wie sind Sie an die Witze gekommen?

          Ende der siebziger Jahre war ich Volontär bei einer CDU-Zeitung in Halle, ich kam viel herum und schnappte politische Witze auf. Da dachte ich: Bevor das in Vergessenheit gerät, schreibst du’s lieber auf. Auf A4-Blättern habe ich die Witze mit winzigster Schrift stichwortartig notiert, nach Themen - Sowjetunion, Versorgung, Trabi, Partei, Stasi - sortiert und in einem Schnellhefter in der Küche hinter der Spüle versteckt. Ein paar Freunde und Bekannte wussten, dass ich Witze sammle, aber erst viel später habe ich erfahren, dass die Stasi mehrfach unsere Wohnung durchsucht hat. Meine Frau und ich wohnten mitten in der Altstadt, oft haben Freunde bei uns übernachtet, auch wenn wir nicht da waren. So haben wir lange nichts von der Stasi bemerkt.

          Zwei Stecknadeln gehen spazieren. Fragt die eine: „Darf ich dir einen politischen Witz erzählen?“ - „Pssst“, flüstert die andere. „Hinter uns geht eine Sicherheitsnadel.“

          Die Stasi hatte Sie im Visier?

          Ja, aber erst mal nicht wegen der Witze, sondern weil ich 1978 mit meiner Frau und zwei Freunden die Donau hinunter bis ans Schwarze Meer gesegelt und zurückgekommen bin.

          Wie ging das denn?

          Ich bin schon als Jugendlicher viel durch Osteuropa getrampt. Dann entstand die Idee, auf der Donau zu fahren, aber dass wir so weit kommen, hätte ich nie gedacht. Wir hatten ein zerlegbares Segelboot, damit sind wir von Rumänien bis ans Schwarze Meer gefahren. Dort erklärten uns die Grenzer, dass wir nur außerhalb der Hoheitsgewässer weitersegeln dürften. Dafür waren wir gar nicht ausgerüstet, trotzdem haben wir es bis zum Bosporus geschafft. Meine Frau und ich wollten sofort weiter nach Griechenland, aber einer unserer Mitfahrer war Medizinstudent und wollte erst sein Studium beenden. Wären wir abgehauen, wäre er in den Bau gewandert, also sind wir alle zurück, und dann schnappte die Mausefalle zu: Der Freund war Stasi-Informant.

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