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Interview zum Muttertag : „Wir Mütter sind Kulturschaffende“

An einem von 365 Tagen wird sie verwöhnt: Mutti, Mama. Mum, la Mama. Bild: INTERFOTO

Die Autorin Bettina Hellebrand spricht zum Muttertag über Hausfrauen, individuelle Erziehung – und das Weltbild von Torsten Albig: „Vielleicht fehlte ihm die Empathie – wie so vielen heute.“

          Was wünschen Sie sich zum Muttertag?

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ach, das habe ich noch nie sehr hoch gehängt, ich halte das alles für sehr künstlich. Mutter ist man schließlich jeden Tag. Für mich ist es ein Geschenk, wenn ich merke, dass meine drei Kinder sich frei fühlen und ihre Persönlichkeit entfalten können.

          Sie setzen sich für die Rechte von Müttern ein und haben das Buch „Die verkaufte Mutter“ herausgegeben. Was heißt „verkaufte Mutter“?

          Der Begriff „verkauft“ ist hier doppeldeutig gemeint. Zum einen fühlen sich Mütter, die sich dafür entscheiden, eine Zeitlang aus dem Erwerbsleben auszusteigen, um sich voll und ganz um die Kinder zu kümmern, am Ende oft verraten und verkauft. Denn man verzichtet auf Einkünfte und Karrieremöglichkeiten und riskiert, im Falle einer Scheidung zum Sozialfall zu werden. Zum anderen laufen voll erwerbstätige Mütter Gefahr, ihre Chance zu verkaufen, einmal in Ruhe Mutter sein zu dürfen, also eine wichtige Erfahrung nie machen zu können. Das gilt übrigens auch für erwerbstätige Väter, die heute auch oft in diese Fürsorgeaufgabe einsteigen wollen und daran gehindert werden. Unser Buch hat sich auf die Mütter beschränkt.

          „Vielleicht war Herr Albig derjenige, der nicht auf Augenhöhe mit seiner Frau war.“

          Früher hieß es, erwerbstätige Mütter seien Rabenmütter, die sich selbst verwirklichen wollten. Heute sagen Sie, Mütter würden an ihrer Selbstverwirklichung gehindert, weil der Beruf der Vollzeitmutter gesellschaftlich nicht anerkannt sei. Ist das so?

          Wer sich wo selbst verwirklicht, weiß ich nicht und will es auch nicht beurteilen. Es geht eher um die Frage, ob ich mit dem, was ich tue, etwas Sinnvolles bewirken kann. Als Vollzeitmutter erhält man weder Geld noch Anerkennung für die Erziehungsleistung, die schließlich auch dazu beitragen kann, dass Kinder sich gut entwickeln. Für Kinder ist es gut, individuell erzogen zu werden und ein Zuhause zu haben, das ihnen Geborgenheit bietet. Individuelle Erziehungsarbeit ist wertvoll für die Gesellschaft, weil sie der Vielfalt von uns Menschen Rechnung trägt.

          Ihr Rollenbild ist also dem aus der Hausgerätewerbung ähnlich, bei der sich eine Mutter selbstbewusst als „Managerin eines kleinen Familienunternehmens“ vorstellt?

          Mütter sind durchaus Führungskräfte mit viel Empathie, die sehr flexibel sein müssen und jede Menge Durchhaltevermögen haben, um in der Familie einen guten Job zu machen. Eigentlich müsste es dafür auch Fortbildungen geben. Doch anerkannt werden diese Leistungen nicht. Wer ins Berufsleben zurückkehren will, wenn die Kinder größer sind, kann nicht damit rechnen, dass ihm die Familienarbeit positiv angerechnet wird. In Kursen für den beruflichen Wiedereinstieg wird sogar geraten, statt auf seine Erziehungsarbeit solle man lieber auf Ehrenämter in der Kirche oder im Sportverein hinweisen.

          Warum ist das so?

          Mütter haben eben keine Lobby.

          Wäre es besser, wenn Familien bei Wahlen für jedes Kind eine zusätzliche Stimme bekämen, wie es neulich der Familienverband gefordert hat?

          Ja, das würde vielleicht etwas verändern. In diese Richtung sollte man weiterdenken.

          Sie definieren Familienarbeit als „Kulturtat“ und würden gerne dafür bezahlt werden. Wäre das umstrittene Betreuungsgeld, die sogenannte Herdprämie, das was Sie wollen?

          Nein, das war schon wegen seiner lächerlichen Höhe eine Beleidigung. Das zeigt einmal mehr, dass es an Wertschätzung für die Arbeit von Müttern fehlt. Ein echtes Betreuungsgeld müsste mindestens so hoch sein, wie die tatsächlichen Kosten für einen Krippen- oder Kindergartenplatz. Es geht uns um die Wahlmöglichkeit. Die hat man aber nur, wenn man sich keine Sorgen um seine Zukunft machen muss. Vielleicht würde sich manche Mutter dann auch zu mehr als einem oder zwei Kindern entscheiden.

          Löwen-Mutter Karis Muttertag mit zwei ihrer neun Monate alten Jungen im Blair Drummond Safari Park nahe Stirling in Großbritannien.

          Sie wünschen sich also, vom Staat als Erzieherinnen bezahlt zu werden?

          Besser noch als „Kulturschaffende“. Das Geld ist für die Finanzierung von Krippen und Kindergärten ja schließlich auch da. Warum nicht für eine frei schaffende Mutter? Und außerdem müssten Erziehungszeiten in der Rente viel besser anerkannt werden. Schließlich erziehen Mütter auch die künftigen Rentenzahler.

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