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Antisemitismus im Rap : „Das bestätigt, was ich 20 Jahre lang beobachtet habe“

Rapper Ben Salomo: „Ich war oft die Projektionsfläche für antisemitische Verschwörungslegenden oder Vorurteile.“ Bild: Thomas Koehler/photothek.net

Laut einer Studie fördert Gangsta-Rap eine antisemitische Grundhaltung. Ein Interview mit dem jüdischen Rapper Ben Salomo über seinen Rückzug aus der Szene, Entschuldigungen von Rapstars – und ein Eingeständnis von Arafat Abou-Chaker.

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          Herr Jonathan Kalmanovich, Sie haben 2018 erklärt, dass Sie sich wegen Antisemitismus aus der Rapszene zurückziehen. Jetzt hat die Universität Bielefeld in einer Studie einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gangsta-Rap und der Neigung, antisemitische Aussagen zu teilen, festgestellt. Bestätigt das Ihre Erfahrungen?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ja, das bestätigt, was ich in dieser Szene als jüdischer Rapper „Ben Salomo“ 20 Jahre lang beobachtet habe. Antisemitismus habe ich nicht nur in Textzeilen, sondern vor allem hinter den Kulissen erlebt. Ich war oft die Projektionsfläche für antisemitische Verschwörungslegenden oder Vorurteile. Das führte zu verbalen Entgleisungen und teilweise sogar zu tätlichen Angriffen. Ich habe auch mitbekommen, wie sich islamistische Ansichten in der Szene manifestiert haben. Bevor der Rapper Deso Dogg zum sogenannten Islamischen Staat gegangen ist, hat er 2006 in Berlin bei einem Konzert auf der Bühne die Fahne der Terrororganisation Hizbullah gehisst. Das Publikum hat der Fahne zugejubelt, als hätte es einen Superstar gesehen.

          Die frühere Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hat am Dienstag gesagt: „Die Studie belegt erstmalig empirisch, dass Gangsta-Rap den Nährboden für spätere verfestigte antisemitische Einstellungen bereitet.“ Gibt es mittlerweile nicht viel zu viele Gangsta-Rapper in Deutschland, um pauschal solche Vorwürfe zu erheben?

          Ich finde das nicht zu pauschal. Es wird ja differenziert, es geht um das Genre Gangsta-Rap. Und da gibt es mittlerweile etliche Protagonisten, die in der Vergangenheit immer wieder mit antisemitischen Stereotypen oder Verschwörungslegenden aufgefallen sind. Gerne wird auch über die Zerstörung von Israel phantasiert. Erfolgreiche Protagonisten der Szene, die nicht solche Inhalte wiedergeben, kann man an ein bis zwei Händen abzählen. Und Gangsta-Rap ist eben das erfolgreichste Genre. Rapper, die in anderen Genres unterwegs sind, haben bei weitem nicht so einen Einfluss auf die Hörerschaft. In der Studie geht es außerdem  um die Einstellungen der Fans – und da lässt sich diese Verbindung offenbar herstellen.

          Der Rapper Haftbefehl hat sich für seine Zeile „Rothschild-Theorie, jetzt wird ermordet“ entschuldigt, genau wie Farid Bang für seine Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Sind das nicht Fortschritte?

          Wenn sich Künstler entschuldigen, sollte man beobachten, wie sie mit den entsprechenden Songzeilen umgehen – also ob zum Beispiel die Lieder weiterhin online verfügbar sind. Das entsprechende Lied von Haftbefehl ist weiter online, die Antisemitismen werden also reproduziert. Kollegah, der das Lied mit Farid Bang veröffentlicht hatte, entschuldigte sich nach seinem Auschwitz-Besuch zwar. Kurz darauf setzte er in einem Interview aber den Nahost-Konflikt mit dem Holocaust gleich. Das ist eindeutig israelbezogener Antisemitismus – kurz nach einem Auschwitz-Besuch. Ich finde es wunderbar, wenn Leute Fehler einsehen. Aber dann muss man den Inhalten, die man verbreitet hat, auch im gleichen Maße öffentlich widersprechen. Die Fans wurden ja vorher mit diesen Aussagen konfrontiert. Und das sieht man leider nicht wirklich. Der Rapper Massiv hat sich bis heute nicht dafür entschuldigt, dass er auf seiner Facebook-Seite Falschnachrichten verbreitet hat, laut denen angeblich vor dem 11. September 4000 Juden vom israelischen Geheimdienst gewarnt worden und deswegen nicht in den Hochhäusern gewesen seien. Von solchen Beispielen gibt es eine Menge.

          Sie haben kürzlich ein Musikvideo veröffentlicht, in dem Sie einen Ausschnitt aus einem Instagram-Livestream von Arafat Abou-Chaker zeigen. Der ehemalige Manager von Bushido sagt darin, dass man als Jude im Rap-Business direkt untendurch sei, „da brauchen wir uns nichts vormachen“. Er zeigte deswegen Verständnis für einen Rapper, der vorgegeben hatte, aus Tschetschenien zu kommen, obwohl er wohl eigentlich einen polnischen und jüdischen Hintergrund hat. Hat Sie diese Offenheit überrascht?

          Ich fand es bemerkenswert, dass jemand wie Arafat Abou-Chaker zugegeben hat, dass hinter den Kulissen so ein Klima existiert. Arafat muss es wissen, er kennt die Deutschrap-Szene von der Fanbase bis nach oben in die großen Konferenzräume der Musiklabel. Und das bestätigt eben meine Erfahrungen in der Szene, genau so habe ich das erlebt. Ich wurde von Musiklabels gefragt, ob ich es für klug hielte, meinen Background so offensiv zu zeigen, weil das viele in der Fanbase nicht gerne sehen würden. Ich hab ja auch noch einen israelischen Hintergrund. In Interviews mit Szenemedien wurde ich direkt festgenagelt und sollte mich zu israelischer Politik äußern. Was habe ich damit zu tun? Ich hab darüber kein einziges Lied gemacht. 

          Sie sagen, dass Sie sich aus der Szene zurückgezogen haben. Aber Sie veröffentlichen weiter Lieder?

          Mit Musik habe ich nie aufgehört. Ich bin wie ein Autotuner, der weiterhin an Autos schraubt, aber nicht mehr zu Autotuning-Conventions geht, weil da meiner Meinung nach zu viele problematische Leute herumlaufen. Aber mit dem Musikmachen höre ich definitiv nicht auf. Ich habe leider nicht das Privileg, regelmäßig Musik veröffentlichen zu können, weil ich nicht an ein Musiklabel angeschlossen bin. Meine Inhalte entsprechen auch nicht dem Geschmack des Mainstreams. Aber wenn mir etwas auffällt, das mich in unserer Gesellschaft stört, sage ich dazu gerne musikalisch meine Meinung.

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