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Internetsucht : Echt schmaler Grat zur künstlichen Welt

  • -Aktualisiert am

Mehr Zeit im virtuellen als im realen Leben Bild: dpa

Ein Horrorszenario für Eltern. Das Kind bricht Freundschaften ab, lässt die Familie links liegen. Jeder Ratschlag perlt an ihm ab, nur noch eines zählt: der Computer. Fängt so eine Sucht an?

          3 Min.

          Anna Hinze (Name geändert) hat ausgesprochen, was für eine Mutter schwer einzugestehen ist: Mein Sohn ist abhängig. Nicht von Alkohol, Ecstasy oder Heroin, sondern von dem Umgang mit dem Computer - dem Geschenk zum 14. Geburtstag des Jungen.

          „In der schlimmsten Zeit hatte ich einen regelrechten Hass in mir“, erzählt die Darmstädterin. Wenn sie von der Arbeit kam, saß Tom vor dem Bildschirm. Sein gesamtes Denken, sagt die Mutter heute, habe nur noch um Fantasiewelten gekreist, in denen er von morgens bis nachts unterwegs gewesen sei. Ging sie in sein Zimmer, habe er so getan, als arbeite er. Zu gemeinsamen Mahlzeiten sei er nicht mehr erschienen. „Irgendwann war er ganz dünn und blass.“ Verabredungen mit Freunden oder Mädchen hatte er keine. Die Schule vernachlässigte Tom. Er schaffte nicht einmal einen Hauptschulabschluss, und in dieser Zeit ging der Kontakt zwischen Mutter und Sohn wohl endgültig zu Bruch.

          Mehr Zeit im virtuellen als im realen Leben

          In Anna Hinze reifte die Vermutung, dass ihr Sohn nicht vom Computer loskommen werde, zur Gewissheit. Anders als wenn sie über Drogen gesprochen hätte, war meist Unverständnis die Reaktion, wenn sie bei Verwandten und Bekannten das Thema anschnitt. Ein Jugendlicher, der seine Zeit vor dem Schirm verbringt - sie solle doch froh sein, dass der Sohn sich so gut auskenne. Abhängig vom Computer? „Es gab niemanden, der mir weiterhelfen konnte.“ Als der Sohn volljährig war, löste die Mutter die gemeinsame Wohnung auf, Tom zog zu einem Cousin.

          Er will nur spielen
          Er will nur spielen : Bild: ddp

          Als sie wieder zu Kräften gekommen war, gründete Hinze eine Selbsthilfegruppe. Und fand Leidensgenossen. Fünf Paare treffen sich seit vergangenem Jahr in Darmstadt regelmäßig, um über ihre Kinder zu reden. Es sind alles Jungen und junge Männer zwischen 15 und 23 Jahren. Alle verbringen sie weit mehr Zeit im virtuellen als im realen Leben. Sie sind internetsüchtig, meinen ihre Eltern.

          Die Erfahrungsberichte sind alarmierend

          Sie sind es nicht allein, meinen viele andere. Es gibt Schätzungen, die von mehreren hunderttausend Abhängigen in Deutschland sprechen. Seitdem Ende der neunziger Jahre Menschen Schlagzeilen machten, die ihre gesamte Freizeit in Kontaktbörsen im Internet, in den „Chatrooms“, verbrachten, wird über die so genannte Internetsucht diskutiert. Jetzt stehen vor allem junge Leute im Fokus, die stundenlang Online-Spiele wie „World of Warcraft“ (WOW) spielen.

          Betreiber von Internetseiten wie www.nowow.de, die ein Wiesbadener Webdesigner eingerichtet hat, haben exzessivem Computerspiel den Kampf angesagt. Die Erfahrungsberichte auf solchen Seiten sind alarmierend. Von Beziehungen, die an der Internetsucht eines Partners zerbrochen sind, ist die Rede, von Menschen, die sich isoliert haben. Doch so zahlreich die Fälle anscheinend sind, Experten stehen dem Phänomen noch immer ratlos gegenüber. „Für uns ist das ein großes Bermudadreieck“, sagt Wolfgang Schmitt, Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Die hohen Fallzahlen schlügen sich nirgendwo nieder. Denn während etwa die Abhängigkeit von Glücksspiel als „stoffungebundene Verhaltenssucht“ gilt, gibt es keine von Krankenkassen anerkannte Diagnose „Internetabhängigkeit“.

          Medienpädagogen warnen vor Panikmache

          Gleichwohl merke er, dass Aufklärungsbedarf bestehe, sagt Schmitt. „Wir bekommen dazu inzwischen mehr Anfragen als zu allen anderen Süchten.“ Ein Netzwerk aus Beratungsstellen und Therapieeinrichtungen gebe es nicht. Er kenne zwei Therapeuten, die sich an das Thema heranwagten. Professionelle Hilfe sei aber auch nicht immer notwendig. „Nicht jeder Jugendliche, der viel Computer spielt, ist auch gleich abhängig.“

          Vor Panikmache warnen auch Medienpädagogen. Zum Beispiel im Jugendtreff „Infoc@fé“ in Neu-Isenburg, in dem junge Menschen lernen sollen, Medien verantwortungsvoll zu nutzen. Es ist Dienstagabend, und in dem kleinen Raum an der Carl-Ulrich-Straße sind ein Dutzend Jugendliche zu Gast. Einige sitzen an den Computern, die ringsum an der Wand aufgestellt sind. Andere haben es sich auf Sofas in der Mitte des Raumes gemütlich gemacht. In einem Hinterzimmer, der „Chill-Ecke“, sitzt Fabian. Der 17 Jahre alte Schüler ist ehrlich: Auch er spiele manchmal zehn Stunden am Tag. Aber das sei keine Sucht. Für ihn zählten auch andere Dinge wie Schule und Freunde. Der Leiter des Treffs, Thomas Graf, gibt ihm recht. „Der Begriff ,Sucht' wird derzeit inflationär gebraucht.“ Problematische Einzelfälle untersuchten die Pädagogen aber genau. Etwa mit einem wissenschaftlichen Fragebogen, mit dem man Anzeichen einer Internetsucht feststellen könne.

          Nicht nur „Loser“ haben Probleme

          Die Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe an der Berliner Klinik Charité, die den Fragebogen entwickelt hat, will herausfinden, wie weit das Phänomen verbreitet ist. Bei einer gerade fertig gestellten Studie unter Achtklässlern aller Schulformen in der Hauptstadt wiesen 6,3 Prozent der Schüler Anzeichen einer Internetsucht auf. In anderen Städten seien ähnliche Ergebnisse zu erwarten, sagt die Leiterin der Gruppe, Sabine Grüsser-Sinopoli. Über eine Telefonhotline beantworten die Wissenschaftler Fragen und verweisen bei Bedarf an Therapeuten. An Stefan Baier in Offenbach zum Beispiel. Der Psychotherapeut hatte schon einige Jugendliche wegen ihres Umgangs mit dem Internet in Behandlung. Sie seien introvertiert gewesen, meist ohne festen Freundeskreis. Die Defizite in der „realen Welt“ würden durch eine virtuelle Existenz kompensiert. „Sie suchen dort eine Konstanz, die sie im richtigen Leben nicht finden.“ Entgegen Vorurteilen seien das aber nicht immer nur die „Loser“, die Verlierer.

          Ihr Sohn habe inzwischen seinen Schulabschluss nachgeholt, erzählt Anna Hinze. Eine Therapie habe der heute 23 Jahre alte Tom nie gemacht, auch wenn er inzwischen eingestehe, dass sein Verhalten nicht normal gewesen sei. Das Verhältnis von Mutter und Sohn hat sich verbessert. Einmal in der Woche gehen sie gemeinsam schwimmen. „Er ist ja eigentlich ein total liebenswerter Mensch.“ Sie sei nur traurig, dass er durch das Computerspielen seine Jugend verpasst habe. „Die bringt ihm keiner wieder zurück.“

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