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Internetsucht : Echt schmaler Grat zur künstlichen Welt

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Medienpädagogen warnen vor Panikmache

Gleichwohl merke er, dass Aufklärungsbedarf bestehe, sagt Schmitt. „Wir bekommen dazu inzwischen mehr Anfragen als zu allen anderen Süchten.“ Ein Netzwerk aus Beratungsstellen und Therapieeinrichtungen gebe es nicht. Er kenne zwei Therapeuten, die sich an das Thema heranwagten. Professionelle Hilfe sei aber auch nicht immer notwendig. „Nicht jeder Jugendliche, der viel Computer spielt, ist auch gleich abhängig.“

Vor Panikmache warnen auch Medienpädagogen. Zum Beispiel im Jugendtreff „Infoc@fé“ in Neu-Isenburg, in dem junge Menschen lernen sollen, Medien verantwortungsvoll zu nutzen. Es ist Dienstagabend, und in dem kleinen Raum an der Carl-Ulrich-Straße sind ein Dutzend Jugendliche zu Gast. Einige sitzen an den Computern, die ringsum an der Wand aufgestellt sind. Andere haben es sich auf Sofas in der Mitte des Raumes gemütlich gemacht. In einem Hinterzimmer, der „Chill-Ecke“, sitzt Fabian. Der 17 Jahre alte Schüler ist ehrlich: Auch er spiele manchmal zehn Stunden am Tag. Aber das sei keine Sucht. Für ihn zählten auch andere Dinge wie Schule und Freunde. Der Leiter des Treffs, Thomas Graf, gibt ihm recht. „Der Begriff ,Sucht' wird derzeit inflationär gebraucht.“ Problematische Einzelfälle untersuchten die Pädagogen aber genau. Etwa mit einem wissenschaftlichen Fragebogen, mit dem man Anzeichen einer Internetsucht feststellen könne.

Nicht nur „Loser“ haben Probleme

Die Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe an der Berliner Klinik Charité, die den Fragebogen entwickelt hat, will herausfinden, wie weit das Phänomen verbreitet ist. Bei einer gerade fertig gestellten Studie unter Achtklässlern aller Schulformen in der Hauptstadt wiesen 6,3 Prozent der Schüler Anzeichen einer Internetsucht auf. In anderen Städten seien ähnliche Ergebnisse zu erwarten, sagt die Leiterin der Gruppe, Sabine Grüsser-Sinopoli. Über eine Telefonhotline beantworten die Wissenschaftler Fragen und verweisen bei Bedarf an Therapeuten. An Stefan Baier in Offenbach zum Beispiel. Der Psychotherapeut hatte schon einige Jugendliche wegen ihres Umgangs mit dem Internet in Behandlung. Sie seien introvertiert gewesen, meist ohne festen Freundeskreis. Die Defizite in der „realen Welt“ würden durch eine virtuelle Existenz kompensiert. „Sie suchen dort eine Konstanz, die sie im richtigen Leben nicht finden.“ Entgegen Vorurteilen seien das aber nicht immer nur die „Loser“, die Verlierer.

Ihr Sohn habe inzwischen seinen Schulabschluss nachgeholt, erzählt Anna Hinze. Eine Therapie habe der heute 23 Jahre alte Tom nie gemacht, auch wenn er inzwischen eingestehe, dass sein Verhalten nicht normal gewesen sei. Das Verhältnis von Mutter und Sohn hat sich verbessert. Einmal in der Woche gehen sie gemeinsam schwimmen. „Er ist ja eigentlich ein total liebenswerter Mensch.“ Sie sei nur traurig, dass er durch das Computerspielen seine Jugend verpasst habe. „Die bringt ihm keiner wieder zurück.“

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