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Internet-Sucht : „Es war die Hölle“

  • -Aktualisiert am

Tom Kittner spielte eineinhalb Jahre ununterbrochen „World of Warcraft” Bild: Blizzard Entertainment

Tom Kittner war süchtig. Nicht nach Alkohol oder Drogen, sondern nach Online-Spielen. Ein Privatleben jenseits des Internets existiert dann nicht mehr, die Internet-Sucht lässt die unmittelbare Umwelt unwirklich erscheinen. Psychologen tun sich schwer mit diesem Phänomen.

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          Als Tom Kittner (Name geändert) im vergangenen Sommer aus seinem Urlaub in England zurückkam, ging er wie gewohnt sofort an seinen PC und versuchte, sich einzuloggen. Viermal probierte er vergeblich, die Verbindung zum Internet herzustellen. Dann rastete er aus. Es kam eine Wut in ihm hoch, die er so noch nicht erlebt hatte. Er schrie und heulte und verfluchte seine Mutter, die während seiner Abwesenheit den Internetzugang hatte sperren lassen. Wenig fehlte, und er wäre gewalttätig geworden. „Es war die Hölle“, sagt Kittner. „Es war, als hätte man mir mein Leben weggenommen.“ Drei bis vier Monate habe er gebraucht, um in seinem Leben einen Sinn jenseits des Internets zu finden. Erst jetzt, ein halbes Jahr später, sei er wieder der Alte.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Tom Kittners Leben hatte eineinhalb Jahre lang fast ausschließlich aus der virtuellen „World of Warcraft“ bestanden. Mit 15 Jahren hatte er mit dem Online-Spiel angefangen, das weltweit von Millionen Usern gespielt wird. Zuerst zwei Stunden täglich. Dann verbrachte er immer mehr Zeit vor dem PC, und er begann, sich ganz von der Außenwelt zurückzuziehen. Kaum aus der Schule zurückgekommen, ging es ihm bald nur noch darum, sich möglichst schnell in die Online-Community einzuloggen und bis in die späten Abendstunden durchzuspielen. Mit seiner Familie sprach er in dieser Zeit fast kein Wort mehr. Ein Privatleben jenseits des Internets existierte für ihn nicht mehr: „Ich habe meine Zeit mit den Leuten dort verbracht. Die waren meine Familie und meine Freunde.“

          Für Kittners Mutter, die nicht tatenlos zusehen wollte, wie sich ihr Sohn immer weiter in der virtuellen Welt verschanzte, war es die letzte Rettung, das Internet von einem Techniker abstellen zu lassen. Auch wenn ihr Sohn ihr den kalten Entzug bis heute nicht ganz verzeiht, ist er letztlich froh über die Konsequenz seiner Mutter. „Das kann auch richtig krass Familien zerstören“, sagt Kittner. „Ich kenne viele, die sich durch ihre Online-Sucht die schulische Karriere zerstört haben.“

          Alle an einem: Besucher einer Computerspielmesse testen „World of Warcraft”

          „Internet Addicition“

          Es war als Scherz gemeint, als der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg den Begriff „Internet Addicition“ Mitte der neunziger Jahre zum ersten Mal als Scheindiagnose fallen ließ und ein fiktives Diagnosemuster aufstellte. Ein Scherz, der von Goldbergs Patienten und Kollegen jedoch missverstanden wurde: Immer mehr Patienten meldeten sich bei ihm und bezogen das Diagnosemuster auf sich. Auch Goldbergs Kollegen hielten den neu geschaffenen Begriff offenbar für dringend erforderlich, um therapeutische Erfahrungen zu beschreiben, die bislang unbenannt geblieben waren. Ernsthafte Studien bezifferten in den folgenden Jahren die Internetabhängigkeit in Deutschland auf zwei bis sechs Prozent der Internetnutzer. Die Ergebnisse divergieren, je nachdem, ob die Befragungen innerhalb oder außerhalb des Internets ausgeführt werden.

          Medizinisch ist der Begriff weiterhin umstritten. Die empirische Forschung tut sich schwer, exakte Kriterien der Abhängigkeit zu beschreiben, und meidet für gewöhnlich den Begriff der Sucht. Wie die meisten Wissenschaftler spricht die Psychologin Sabine Meixner von der Freien Universität Berlin lieber von exzessivem Internetverhalten. „Von den maßgeblichen Institutionen wie der WHO ist Internetabhängigkeit nicht als Sucht anerkannt, weil die Abhängigkeit nicht stoffgebunden ist“, sagt Meixner. Die Internetseite, auf der die Wissenschaftlerin ihre Ergebnisse teilweise veröffentlicht, heißt dann aber doch www.internetsucht.de.

          „Ich bin definitiv online-süchtig gewesen“

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