https://www.faz.net/-gum-u6fw

Internet-Sucht : „Es war die Hölle“

  • -Aktualisiert am

Die Kompensation fehlender Anerkennung ist einer der vielen Gründe für das große Suchtpotential des Internets. „In der virtuellen Welt ist Gratifikation leichter zu erhalten“, sagt der Kölner Medienwissenschaftler Jürgen Fritz. Das Netz ist eine Welt niedriger Zugangsschwellen. In einem Chat fällt das Artikulieren der eigenen Wünsche wesentlich einfacher als im „realen Leben“. Die Kommunikation in den Foren ist wesentlich ungehemmter. Schon nach wenigen Minuten gemeinsam verbrachter Online-Zeit kommen die Chatter umstandslos zur Sache. Die Beziehungen, die sie dabei eingehen, sind wiederum leicht kündbar. Sie bleiben hinter Pseudonymen versteckt und müssen keine negativen Konsequenzen befürchten. „Das Internet war wie geschaffen für jemanden wie mich“, schreibt ein ehemals Internet-Süchtiger auf onlinesucht.de. „Ich hatte die Möglichkeit, unbegrenzt und vor allem anonym all meine Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen. Ich brauchte keine Angst mehr zu haben, dass mich jemand verletzen könnte, dass jemand mit meinen Gefühlen spielen würde.“

Zugang zu einer Gemeinschaft

Zudem erhält man im Netz ziemlich einfach Zugang zu einer Gemeinschaft, die sich als Elite gibt. Man brauche eben kein Talent für „World of Warcraft“, sagt Tom Kittner. Wer nur genügend Zeit investiere, könne die Karriereleiter innerhalb des Spiels hochsteigen und bekomme die Anerkennung und Bewunderung, die ihm im Leben sonst vorenthalten bleiben. „Im Internet war ich wer“, schreibt ein anderer Teilnehmer von Farkes Onlineforum. „In dem Spiel gab es gewisse Stufen, die man erreichen konnte. Je höher die Stufe, je höher das Ansehen. Innerhalb von acht Monaten hatte ich die höchste Stufe erreicht. Ich wurde geachtet, ich wurde gemocht. Genau das, was ich immer wollte. Im Real haben mich meistens alle gehänselt, ich war ein Niemand. Aber im Spiel war ich ein JEMAND.“

Von ihrer „realen“ Umgebung frustriert, bauen sich viele Spieler eine Art virtuelle Identität auf, die jedoch schwer auf die Belange der „realen Welt“ zu übertragen ist. Den meisten Online-Süchtigen kommt ihre unmittelbare Umwelt unwirklich und falsch vor. Weil sie den Mitmenschen virtuell eher unter taktischen Gesichtspunkten kennenlernten und Auge und Hand die einzigen Notwendigkeiten seien, die im Internet notwendig sind, könne es „zu einer unbewussten Vernachlässigung bestimmter Sinneseindrücke kommen, die letztlich zu einer Veränderung des Repertoires menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten führt“, schreibt der Informatiker Wolfgang Hesse von der Universität Marburg.

Tom Kittner hat seine geglückte Flucht aus der Abhängigkeit vor allem seiner Mutter zu verdanken. Er kenne viele Mitschüler, deren Eltern es gleichgültig gewesen sei, wenn ihre Kinder bis in die frühen Morgenstunden spielten, die Schule schwänzten und in der Notenskala abrutschten. Anders seine Mutter. „Sie ist einzigartig“, sagt Tom Kittner. „Eine krass gute Persönlichkeit und eine Powerfrau. Hut ab!“

Einträge im Chatforum onlinesucht.de

„Ich spielte sehr gern, aber auch das war für mich damals nur ein Spiel. Keine ernste Sache. Bis ich die verschiedenen Kommunikationsforen (IRC, Skype, TS usw.) entdeckte. Von da an war ich nicht mehr allein in meinem Wohnzimmer, ich war Teil einer Community. Ich hatte Freunde, im Spiel zwar, aber ich kannte sie besser als jeder andere, und sie kannten mich. Ich saß manchmal bis ein oder zwei Uhr nachts am Spiel, bin dann morgens zur Arbeit, in die Berufsschule ging ich so gut wie nie, war ja auch nicht so wichtig. Jede freie Minute verbrachte ich ab jetzt auf dem Sessel in meinem Wohnzimmer. Wäsche waschen? Das kann ich auch morgen noch. Duschen gehen? Ja, Moment, ich schreib noch schnell was zu Ende. Es ist komisch, das zuzugeben, aber ich war ein richtiges Schwein zu der Zeit. Aber warum? Ganz einfach, im Internet war ich wer.“

„Irgendwie hab ich das Gefühl, das Lernen verlernt zu haben. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Meine Gedanken schweifen immer wieder zum PC und zu den Spielen.“

„Ich bin WoW-süchtig und kann einfach nicht aufhören. Es ist das Wichtigste in meinem Leben, ich schaffe es nicht mal mehr, zwei Tage weg zu sein. Ich habe meine Schule abgebrochen und spiele nun circa 18-20 Stunden am Tag, und das sieben Tage die Woche. Ich bin Gildenleader von der besten Gilde des Servers und ich habe eine große Verantwortung. Ich kann und darf nicht aufhören. Ich will es aber. Ich wohne in einer WG mit drei anderen Leadern der Gilde. Wir schlafen fast nicht mehr und essen auch sehr wenig. Deswegen haben wir sehr abgenommen, und ich vergesse auch manchmal, auf die Toilette zu gehen. (. . .) Ich tue mir selbst leid und denke viel über Selbstmord nach. Unser Tagesablauf: Aufstehen - PCs hochfahren - während sie hochfahren, frühstücken - farmen - Raids montags, dienstags, donnerstags, freitags und sonntags (. . .) schlafen - Wiederholung von alle dem.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Wuhan und die Bilder des neuen Alltags: Medizinische Mitarbeiter mit Atemmasken und Schutzanzügen.

Virenalarm: Schock und Risiko : Die Seuche in unseren Köpfen

Der Coronakrisenstab übernimmt: Sind die Reaktionen auf die Ausbreitung der neuen Viren übertrieben oder angemessen? Die Angst vor der Panik ist mittlerweile so groß wie die Angst vor dem Erreger selbst.

Angriffe auf Sanders : Bernie, die rote Gefahr?

Was viele Demokraten über den Spitzenreiter Bernie Sanders sagen, geht über die übliche Kritik in einem Vorwahlkampf hinaus. Ist er ein Kommunist? Will er das Gesundheitswesen in Planwirtschaft ersticken? Ja, ist er überhaupt ein Demokrat?
Benjamin Netanjahu bei einem Wahlkampfauftritt in Rishon Lezion Mitte Februar.

Netanjahus Wahlkampf : König Bibi lebt und es geht ihm gut

Vor der dritten Wahl in einem Jahr muss Benjamin Netanjahu das wahlmüde Volk aufrütteln und die Anklage gegen ihn vergessen lassen. Die Botschaften sind schlicht – hat der israelische Ministerpräsident mit ihnen Erfolg?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.