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Internet-Sucht : „Es war die Hölle“

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Die Frage nach der passenden Benennung des Phänomens scheidet Wissenschaftler und Medienberater von Therapeuten und Patienten. „Ich bin definitiv online-süchtig gewesen“, sagt Tom Kittner. Auch für Gabriele Farke, eine ehemals selbst Online-Süchtige, die sich in zahlreichen Veranstaltungen um Aufklärung über das Phänomen bemüht, ist die Benennungsfrage eine haarspalterische Diskussion. „Die Zeiten, in denen man das als exzessive Internetbenutzung bezeichnen konnte, sind vorbei. Für uns ist es unumstritten, dass das eine Sucht ist.“ Die Frage, wann von einer Sucht zu sprechen sei, ist jedoch auch für Farke nicht leicht zu beantworten. Es gehe darum, wer wen dominiert, sagt sie. Sobald die virtuelle Realität wichtiger als die reale werde, die CyberRomanze bedeutsamer als die private Beziehung und man Freude und Anerkennung eher im Netz findet als in der realen Welt, sei von Online-Sucht auszugehen. Die Übergänge seien jedoch fließend. Oft wüssten die Betreffenden selbst nicht, ob sie sich als süchtig bezeichnen sollen.

Auf Farkes Internetportal onlinesucht.de findet sich zu jedem der genannten Kriterien seitenweise Belegmaterial, das in schrillen Tönen die Folgen des langsamen Kontrollverlusts über das Internet beschreibt. Es geht hier um Männer, die weinend neben ihrer Partnerin im Bett liegen, weil sie nach dem Konsum zahlloser Sexseiten keine Sensibilität mehr für sie aufbringen können. Es geht um Frauen, die vor Verzweiflung aufheulen, weil sie sich von den Online-Kontakten ihrer Partner hintergangen fühlen. Es geht um verlorene Arbeitsplätze, gescheiterte Beziehungen und den Zerfall von Familien. Eine Chatterin schreibt über ihre Schwester, die ihre Kinder vernachlässigte und ihren Mann aus der Wohnung warf, weil sie jede freie Minute am Rechner verbringen wollte.

Ein anderer beklagt den Verlust seines Arbeitsplatzes. „Mir ist die Sucht sehr klar bewusst geworden, denn sie hat meine Ausbildung auf dem Gewissen! Ich habe die Prüfung vergeigt, und meine beruflichen Leistungen haben sehr nachgelassen. Ich befinde mich momentan in einem Schlichtungsverfahren mit meiner Ex-Chefin, weil sie mich widerrechtlich gekündigt hat.“ Eine Dritte beklagt die Folgen der Online-Sexsucht ihres Ehemanns: „Ich fühle mich, als zerreiße in mir mein Herz. Er schmiss unser gemeinsames Geld, unser Leben, unsere Beziehung und unsere Tochter einfach über den Haufen - für ein bisschen ,Zärtlichkeit aus dem Internet'. . . . Ja, ich bin traurig. Ungemein traurig. Schockiert über diese Nachricht: Mein Mann online-sexsüchtig.“ Neben der Spielsucht ist vor allem die Online-Sexsucht ein schnell wachsendes Phänomen. Die dritte Kategorie der Kommunikationssucht ist hingegen im Rückgang begriffen.

Unreif-gehemmten Persönlichkeitsstruktur

Was sind es für Charaktere, die Mitternächte und Wochenenden im Internet verbringen und für das „Real“, wie sie es nennen, kaum noch Interesse aufbringen können? Für Sabine Meixner sind es in der Regel Personen mit einer unreif-gehemmten Persönlichkeitsstruktur. Problem-User, wie Meixner sie nennt, hätten meist schon ein gewisses Profil. Sie fühlten sich von normalen Alltagsaufgaben überfordert, gingen Herausforderungen lieber aus dem Weg und lenkten sich ab. Das Internet sei für solche Leute ein ideales Problembewältigungsinstrument, sagt Meixner. Das trifft sich mit Tom Kittners Erfahrungen. Seine Mitspieler auf der virtuellen Spielwiese der „World of Warcraft“ beschreibt er als Abbild seiner selbst: Außenseiter, die sich untereinander gut verstehen. Er selbst sei zwar eine „relativ charakterstarke Persönlichkeit“; doch nachdem er fast alle Freunde in seinem Offenbacher Umfeld verloren hatte, sei auch er immer weiter in die Spielsucht hineingerutscht. Die Spielergemeinschaften, zu denen sich die „World of Warcraft“-Spieler zusammenschließen, hätten ihn dazu gezwungen, mindestens vier Stunden am Tag vor dem Computer zu verbringen. Wenn es darum geht, schwierige Aufgaben zu lösen, müssen sich alle Mitglieder dieser sogenannten Gilden treffen. Wer in solchen Momenten fehlt, riskiert, vom Gildenleader ausgeschlossen zu werden und die Anerkennung zu verlieren, die er sich in der Spielergemeinschaft erworben hat.

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