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München-Grünwald : Banlieue vom Feinsten

Getto im Wald? Die Traglufthalle für Flüchtlinge soll nach Wünschen einiger Frauen schnell wieder weg. Bild: Andreas Müller

Etwa 300 männliche Asylbewerber leben im Münchner Vorort Grünwald. Kann das gutgehen? Ja, sagen Helfer. Einige Frauen sehen das anders.

          Angekündigt waren Familien, gekommen sind Männer. 282 Afghanen, Pakistaner, Syrer, Iraker, Nigerianer, Senegalesen, Eritreer, Somalier. Dann eben Männer, dachte sich der Helferkreis Grünwald im November 2015. Das Spielzeug wurde eingemottet. Statt Kita-Plätzen gründete man Deutschkurse und Kochgruppen. Nach dem Motto: Wir schaffen das!

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Damit könnte die Geschichte von Grünwald und den Flüchtlingen schon zu Ende sein. Doch nach Köln werden auch in Grünwald männliche Ausländer anders gesehen, wenn es sich nicht um amerikanische Investmentbanker oder brasilianische Fußballspieler handelt, die auch gerne hierher ziehen.

          Die Konturen der Bundesländer

          Grünwald vor den Toren Münchens ist das, was in Köln Rodenkirchen oder in Hamburg Blankenese ist. Die Pro-Kopf-Verschuldung der Gemeinde liegt bei null Euro, die Einnahmen aus Gewerbesteuern lagen im vergangenen Jahr bei 172 Millionen Euro. Wenn man mit der Straßenbahn durch die Gemeinde fährt, passiert man blütenweiße Villen und riesige Gärten. Die einzigen Farbkleckse: rote Alarmleuchten über den Portalen und grüne Buchsbäumchen auf der Steintreppe. Es gib auch Mehrfamilienhäuser und Doppelhaushälften. Aber schon die Imbissbude am Derbolfinger Platz hat die Orangen, Zitronen und Papayas für frisch gepresste Säfte manierlich übereinander gestapelt.

          Und dann ist da noch die Halle, etwas außerhalb des Orts gelegen. Wie eine Kaugummiblase liegt die Traglufthalle auf einem Feld am Rande eines Waldstücks. Draußen steht eine lange Reihe von Müllcontainern, drinnen herrscht das Flair einer Flughafen-Lounge: Sitzecken in gelb, taghelle Beleuchtung, gedämpfte Geräusche. Die Stimmung an diesem tristen Tag wirkt entspannt: Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes kontrollieren die Papiere eines Flüchtlings, zwei Bewohner stehen zusammen und schauen auf ihre Handys, ein paar Männer sitzen auf einer Couch und unterhalten sich. Am Rand der Halle sitzen etwa zehn junge Männer an Tischen, vor sich Block und Stifte, und heften ihren Blick auf den älteren Herrn im moosgrünen Pullover, der auf dem Poster „Meine Deutschlandkarte“ mit einem Stift die Konturen der Bundesländer nachzieht.

          Wie lange bleiben die Flüchtlinge?

          Zweimal am Tag unterrichten hier ehrenamtliche Mitglieder des Grünwalder Helferkreises Deutsch und ein bisschen Landeskunde, vormittags und nachmittags, aufgeteilt nach Sprachniveau von 1 bis 5, mit einem „XL“-Kurs für besonders Begabte. Die Kurse sind freiwillig, ihre Zielgruppe die etwa 240 Flüchtlinge, die keine gute Bleibeperspektive haben (vor allem Afghanen) und daher keine Deutschkurse vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bezahlt bekommen. Trotzdem bleiben sie erst einmal, wie lange, weiß niemand so genau.

          Bis Dezember soll die Halle hier stehen, bei steter Fluktuation. Nach fünf Monaten werden die Asylbewerber meist in feste Unterkünfte im gesamten Landkreis verlegt. Dann kommen neue. Genau darum geht es dem Helferkreis: Niemand weiß, wie lange die Flüchtlinge bleiben. Doch sie sind nun einmal da, alle 282 Männer sind beim Einwohnermeldeamt als Grünwalder registriert. Daher kümmern sich nun also mehr als 200 alteingesessene Einwohner um die 282 Zugezogenen.

          Maibäume aufstellen und Bierwesen pflegen

          Peter Schipfer zum Beispiel, 72 Jahre alt, ehemaliger Manager eines IT-Unternehmens und ein Kritiker der deutschen Flüchtlingspolitik („chaotisch und nicht zu Ende gedacht“). Trotzdem begann er am zweiten Weihnachtstag damit, Afghanen das deutsche Alphabet beizubringen. „Ich bin auch so etwas wie ein Entertainer. Wir reden über alles: über den Sinn von Grenzen, über das Schulsystem in Deutschland oder darüber, warum man nach dem Unterricht seinen Platz aufräumen muss.“ Wenn ihn seine Schüler im Ort treffen, grüßen sie ihn, das freut ihn. Wenn er nach seinen Kursen ins Auto steigt und im Radio die Nachrichten hört, denkt er sich: „Wo führt das alles hin?“

          Mit Doodle-Listen organisieren sich die Helfer: Studenten, Werber, Lehrerinnen, Hausfrauen, Pensionäre, Geschäftsleute. Eine 80 Jahre alte ehemalige Filmproduzentin organisiert die Kochtreffs, die Lauftreffs an der Isar, Handball und Basketball im Turnverein. Fahrdienste bringen die Asylbewerber morgens um sechs Uhr zu Behörden, damit sie ihre Anträge stellen können. Helfer begleiten Flüchtlinge zu Ärzten oder erkundigen sich bei Betrieben im Ort nach Jobs. Die Freiwilligen haben sich auch darum gekümmert, dass die meisten Flüchtlinge ein Konto bei der Bank eröffnen, auf die der monatlich vom Landkreis ausgezahlte Betrag von 182, 60 Euro überwiesen wird. Je weniger Geld in der Halle, umso weniger Ärger.

          Schafft was: Gemeinderätin Ingrid Reinhart vom Helferkreis

          Zweimal pro Woche kochen Flüchtlinge im Gemeindezentrum der Evangelischen Kirche, jedes Mal eine andere ethnische Gruppe, zum Essen für zwei Euro pro Mahlzeit ist jeder Grünwalder eingeladen. Und mittlerweile verabredet sich der örtliche Burschenverein, die urbayerische Gemeinschaft von Junggesellen, die Maibäume aufstellen und das Bierwesen pflegen, mit Flüchtlingen zum Fußballspielen.

          Alles also wie im Bilderbuch?

          Im Großen und Ganzen ja, sagt Ingrid Reinhart, Gemeinderätin der Grünen, die den Helferkreis koordiniert. „Etwa 200 Männer, die wissen, dass sie keine guten Chancen haben zu bleiben, besuchen trotzdem regelmäßig unsere Deutschkurse, das ist schon mal was.“ Schon bevor die Halle nach Grünwald kam, hatte der Helferkreis in den vergangenen drei Jahren dabei geholfen, etwa 50 Flüchtlinge in die Gemeinde zu integrieren. „Wir konnten sie dezentral unterbringen, viele Privatleute haben hierbei geholfen. Die fallen gar keinem mehr auf.“ Die meisten in der Gemeinde unterstützen die Arbeit des Helferkreises. Natürlich sei es auch für Grünwald erst einmal eine Herausforderung, diese Halle mit so vielen Männern. Auch Ingrid Reinhart kennt es, dieses mulmige Gefühl, das viele Frauen haben, wenn ihnen auf der Straße vier, fünf arabisch aussehende Männer in Kapuzenpullis entgegenkommen. „Ich habe auch schon gedacht: Wechsele ich jetzt die Straßenseite?“ Aber man dürfe die Männer nicht unter Generalverdacht stellen. Der Brief, der vor kurzem beim Bürgermeister einging, traf die Helfer also wie ein Schlag.

          Sieben Frauen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, haben den Brief unterzeichnet. Sie sprechen davon, dass Mütter und Großmütter in Grünwald angesichts der etwa 300 jungen Männer „in größter Sorge um die Sicherheit unserer Frauen und Kinder“ seien. Nach den Vorfällen von Köln gehe nun auch „im bisher sicheren Grünwald“ die Angst um. Kinder könnten nicht mehr auf die Straße gelassen werden, bei Dunkelheit wage sich keine Frau mehr raus. Töchter und Söhne seien verbal von jungen Männern belästigt worden. Und: Ein Junge sei „genötigt“ worden, seinen Motorroller für „ein Selfie mit fünf dunkelhäutigen Männern“ zur Verfügung zu stellen.

          Eine unzumutbare Ungleichbehandlung

          Zwar sei bislang noch nichts „Schwerwiegendes“ vorgefallen. Auch akzeptiere man grundsätzlich, dass jede Gemeinde Flüchtlinge aufnehme. Man sei „weder Pegida-Anhänger noch AfDler, das nur nebenbei!“ Doch gibt es in dem dreiseitigen Brief auch Formulierungen wie „Das Boot ist voll, es ist genug!“ „Mündige Bürger“ würden von „Regierenden“ zu „ja sagenden Schweigern“ degradiert. Die Gemeinde habe keine Pflicht, ihre Grundstücke an den Landkreis zum Zwecke der „Befüllung mit Asylanten“ zu vermieten. Besonders empfindlich reagieren die Verfasserinnen auch auf die Ankündigung der Polizei, mit Strafverfahren gegen diejenigen vorzugehen, die Gerüchte über die Flüchtlinge in Umlauf bringen. „Wollen die uns einschüchtern?“

          Fast allein unter Männern: Asylsozialberaterin Verena Luft

          Ausländerhass erkennt Gemeinderätin Ingrid Reinhart darin nicht. „Es ist sicher eher ein Schichtenproblem. Der wohlhabende syrische Zahnarzt wird in diesen Kreisen immer willkommen sein.“ Inzwischen strengen die Frauen das Bürgerbegehren „Für eine weiterhin sichere Zukunft Grünwalds“ an. Darin fordern sie „ein ausgewogenes Verhältnis von Geschlecht, Alter und Familienstand“ bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Was sie wollen, sind Frauen und Kinder. Was sie nicht wollen, ist „ein dauerhaftes Getto von Männern im Wald“. Die Halle dürfe keinen Tag länger als bis zum Jahresende bleiben, und auch in eine geplante Einrichtung für traumatisierte jugendliche Asylbewerber sollen nur „Frauen und Kinder“. In dem Bürgerbegehren werden zudem Gemeinden aufgeführt, die weniger Flüchtlinge aufnähmen. „Pullach z.B. nur ca. 124 und Planegg nur ca. 11“. Eine unzumutbare Ungleichbehandlung sehen sie auch in Gräfelfing: „Am Wohnort von Landrat Göbel“ seien „nur ca. 204 Flüchtlinge“ untergebracht, obwohl Gräfelfing sogar 2000 Einwohner mehr habe als Grünwald mit seinen etwa 11.000 Einwohnern.

          Haus obszön besprüht

          Keine Gemeinde kann sich Geschlecht oder Familienstand von Flüchtlingen aussuchen, wie jeder beim Landratsamt erfahren kann. Auch die Quoten sind geregelt, per Königsteiner Schlüssel. Die Landkreise weisen den Gemeinden je nach Einwohnerzahl Flüchtlinge zu: 296 Personen sind es für Grünwald. Tatsächlich sind es gerade 352 Flüchtlinge. Das liegt an der zusätzlichen Halle, die jedoch nur als zeitlich begrenzte „Notunterkunft“ gilt. Das Soll wird also zunächst übererfüllt, aber die Halle soll ja Ende des Jahres abgebaut werden. Eine ähnliche Rechnung gilt für Gräfelfing, nur umgekehrt: Das Soll ist hier noch nicht erfüllt. Das liegt aber nicht daran, dass der Landrat weniger Flüchtlinge vor der Haustür haben will. Das Jahr ist auch in Gräfelfing noch lange nicht zu Ende.

          Dem Bürgerbegehren ist kaum eine Aussicht auf Erfolg beschieden. Angaben zur Anzahl der bislang gesammelten Unterschriften machen die Initiatorinnen nicht. Der Zulauf sei jedoch groß, mindestens 50 Freiwillige sammelten Unterschriften, sagt Katja Goetz. Die Unternehmerin, 44 Jahre alt und Mutter dreier Kinder, hat zwar den Brief nicht unterzeichnet, unterstützt aber das Ansinnen und das Bürgerbegehren.

          Die Wogen schlagen nun hoch in Grünwald: Auf die Hauswand von Katja Goetz wurde „Hier Ficki Ficki“ gesprüht, nachdem sie im Frühstücksfernsehen erzählt hat, dass Flüchtlinge zu ihr auf der Straße „Ficki-Ficki“ gesagt hätten. In dem Fernsehbeitrag geht sie mit einem Kamerateam durch den Ort, erzählt, dass man sich in Grünwald nicht mehr so sicher fühle. Kameraschwenk zu jungen Asylbewerbern, die auf Bänken sitzen, die Gesichter verpixelt. Schon vor dem Fernsehbeitrag gingen in den Lokalblättern die Leserbriefe hin und her, ebenso wie Mails zwischen den Frauen und freiwilligen Helfern. Die Helfer fürchten um den sozialen Frieden, die Unterstützerinnen des Bürgerbegehrens das Lob aus der falschen Ecke.

          Die Frage der Sexualität

          Auf Nachfrage klingen die Frauen versöhnlicher als in ihrem Brief. Man sei wirklich nicht gegen Flüchtlinge und auch nicht gegen die Arbeit des Helferkreises, sagt Katja Goetz. Unschön sind aber die Gerüchte, die auch von Unterstützerinnen des Bürgerbegehrens weitergegeben werden. So hätten Flüchtlinge beim Metzger und in einem Restaurant die Zeche geprellt. Die Polizei habe bezahlt und gesagt, die Gemeinde regele das. Kein Gerücht hingegen, meint Katja Goetz, sei der Vorfall, bei dem Männer in drei Straßen geklingelt und nach Geld und Wohnungen gefragt hätten.

          Bei der Polizei in Grünwald wurde kein Vorfall zur Zechprellerei oder zur Bettelei an Haustüren erfasst. Zwar gebe es Bettlerbanden, die im Münchner Speckgürtel an Türen klingelten, sagt ein Sprecher. Doch das seien überwiegend Personen aus Südosteuropa, Rumänen oder Bulgaren. Da könne es vielleicht zu Verwechslungen mit Flüchtlingen kommen. Aktenkundig geworden sind bislang einzelne gewaltsame Konflikte zwischen Flüchtlingen im Ort und in der Halle, auch wenige Diebstahlsdelikte. Als entspannt bezeichnet die Polizei die Lage in Grünwald, auch zu sexueller Belästigung ist bislang keine Meldung eingegangen. Doch nicht jede Frau meldet der Polizei jede anzügliche Bemerkung oder jeden schrägen Blick. Das sei jedoch wichtig, denn nur so könne die Polizei auch das „subjektive Sicherheitsgefühl“ der Bürger einschätzen und ermitteln. Einem Vorfall geht die Polizei derzeit nach: Ein Flüchtling habe zu einer Frau auf der Straße „ficki, ficki“, gesagt. „Wir haben das allerdings auch nicht von der betreffenden Frau selbst erfahren, sondern erst aus dem Fernsehen.“

          Dass Grünwald nun zur Banlieue verkommen könnte, wie es die Frauen in ihrem Brief formulieren, befürchtet Landrat Christoph Göbel nicht. Natürlich gebe es auch Gewalt unter den Männern in der Halle, sagt der CSU-Landrat. „Aber ich sage immer: Bringt 300 Bayern in dieselbe Situation, und es wird ähnliche Probleme geben.“ Die Traglufthallen, sieben im Landkreis, bieten kaum Privatsphäre. Es sei zwar besser, so eine Halle aufzustellen, als für Monate Turnhallen zu blockieren, sagt der Landrat. „Aber es ist keine optimale Lösung.“ Helfer und Landrat sind sich einig: Ein heikles Thema, über das sich nur schwer sprechen lässt, bleibt die Frage der Sexualität, bei fast 300 Männern in einer Halle, in der sie zu sechst in abgetrennten Schlafecken untergebracht sind.

          Nicht alles umsonst

          Die Polizei lobt daher die Arbeit des Helferkreises in höchsten Tönen. Je mehr die Männer beschäftigt werden durch freiwillige Helfer, desto weniger Konfliktpotential ergibt sich. Den Ängsten der Bürger will der Landkreis mit Prävention begegnen. Dazu gehören Sicherheitsdienste und Polizeipräsenz ebenso wie die Hilfe der unbezahlten Ehrenamtlichen und der Einsatz bezahlter Sozialarbeiter in den Hallen.

          Verena Luft zum Beispiel. Die 25 Jahre alte Ethnologin kümmert sich als hauptberufliche „Asylsozialberaterin“ mit zwei Kolleginnen um die Männer in der Halle. Die Vorwürfe aus dem Brief hält sie für nicht gerechtfertigt. „Keiner der Männer ist irgendwie zudringlich geworden“, sagt sie. „Das einzig Persönliche bislang war die Frage, ob ich verheiratet bin.“ Tag für Tag sind die drei in der Halle im Einsatz. Sind die Duschen kaputt, telefonieren sie mit dem Landratsamt. Sind beim Essen zu wenig Nudeln geliefert worden (in der Halle darf nicht gekocht werden), fragen sie beim Caterer nach. Sie helfen beim Ausfüllen von Formularen, schlichten Streitigkeiten mit dem Sicherheitsdienst, stimmen sich mit dem Polizeichef ab. Flohmärkte organisieren die Asylsozialberater zusammen mit dem Helferkreis, damit die Flüchtlinge von ihrem Geld für ein paar Euro Kleidung kaufen können: „So bringen sie den Dingen auch eine Wertschätzung entgegen, es soll nicht alles umsonst sein.“

          „Da gab es auch Anmachsprüche.“

          Und sie organisiert jede Woche die Gruppengespräche mit den Männern. „Wir wollen alle kennenlernen, von ihren Sorgen hören und ihnen auch vermitteln, worauf es uns ankommt: Es wird kein Müll aus dem Fenster geworfen, Frauen sind zu respektieren, zu den Kursen muss man pünktlich kommen, und auch die Hausaufgaben gehören dazu.“ Viele sagten, in der Halle sei es zu laut. „Doch dann kann man in die Gemeindebibliothek gehen. Wir erklären gerne den Weg!“ Die Helferinnen sehen es pragmatisch: „Natürlich kann man sich aufregen, wenn man Nachrichten über die Flüchtlingskrise sieht“, sagt Verena Luft. „Aber das bringt ja nichts. Es sind Menschen, denen man helfen muss. Und sie sind nun mal da.“

          Auch ihre Arbeitgeberin, Sadija Klepo, Geschäftsführerin des Münchner Vereins „Hilfe von Mensch zu Mensch“, bleibt den Menschen zugewandt. Ihr Verein, 1992 gegründet, will Migranten und Flüchtlingen ein eigenständiges Leben ermöglichen. Sadija Klepo ist damals selbst mit drei Kindern aus dem Bosnien-Krieg nach Deutschland geflohen. Zur Zeit kümmert sich der Verein im Auftrag des Landratsamtes um die Betreuung von 8000 Flüchtlingen im gesamten Landkreis München. In den Räumen ihres Vereins erhalten auch die Flüchtlinge aus der Halle Deutschkurse, die eine Bleibeperspektive haben, also überwiegend die Syrer.

          In einem dieser Deutsch-Kurs sitzen an diesem Mittwoch rund zehn Syrer aus der Halle vor ihren Schulbüchern. Ein „Autoritätsproblem“ mit ihr als Frau hätten sie anfangs schon gehabt, sagt die Lehrerin. „Da gab es auch Anmachsprüche.“ Aber inzwischen gehe es. Jetzt, wenn Besuch da ist, schauen die Männer schüchtern nach vorne. Sie erzählen, von einem syrischen Medizinstudenten ins Englische übersetzt, welche deutschen Wörter ihnen schwer fallen („Entschuldigung“), dass sie so schnell wie möglich arbeiten wollen und dass sie sich in der Halle mit den Afghanen überhaupt nicht verstehen. In Deutschland verwirre es sie unter anderem, auf der Straße offen Schwule zu sehen. In Deutschland, ergänzt Verena Luft, könnten sich zudem Frauen auch kleiden wie sie wollten, das sei zu respektieren. Die meisten nicken schnell. Dann geht es weiter mit der Deutschstunde.

          Auch skeptische Bürger anwesend

          Integration, meint Verena Luft, werde vielleicht nicht in dieser Generation ganz gelingen. „Aber bei deren Kindern.“ Doch intensive Betreuung ist kaum zu schaffen mit zwei, drei Asylsozialberatern. „Ohne den Helferkreis ginge es überhaupt nicht.“

          Die Helfer von Grünwald haben ganz unterschiedliche politische Haltungen, unterschiedliche finanzielle Hintergründe. Manche wohnen auch in den Grünwalder Villen. Gerade erst hat der Helferkreis ein „Internationales Café“ im Gemeindezentrum organisiert. Bei Kuchen und Halal-Rindereintopf saßen Grünwalder und Asylbewerber, ganz Multi-Kulti, zusammen. Das Thema, sagt Ingrid Reinhart, habe so ein Gesicht bekommen. Es seien auch Bürger gekommen, die das alles skeptisch sehen. Auch eine der Frauen, die den Brief unterzeichnet hat. „Sie war sogar ganz angetan.“

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