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Influencerin Laura Sophie : Vielleicht wird der dritte Weltkrieg ausbrechen

  • -Aktualisiert am

So präsentiente sich Laura Sophie bislang auf TikTok: Eine Mischung aus Tanzeinlagen, Alltags-Banalitäten und Lippensynchronisation. Bild: Screenshot F.A.Z.

Eine Schülerin mit Millionen-Followerschaft erzählt in den sozialen Netzwerken Unsinn über einen möglichen Ausbruch des dritten Weltkrieges. Ein Shitstorm folgt. Aber kann man der Influencerin ihr Unwissen wirklich vorwerfen?

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          Gerade wollte man aufatmen, da sich die Wogen um die „Umweltsau“-Satire des WDR endlich geglättet haben, da hält Twitter auch schon den nächsten brühwarmen Skandal parat: Dieses Mal geht es um das bloß 59 Sekunden kurze Video einer 18 Jahre alten Schülerin aus München, die offenbar zu viele Follower hat, um mit bloßem Halbwissen über Politik reden zu dürfen. Stolze 2,2 Millionen Anhänger zählt ihre Community auf Tiktok, weitere 828.000 kommen auf Instagram hinzu.

          Bislang teilte Laura Sophie vor allem unverfängliche Kurzvideos aus ihrem Lichterketten behangenen Jugendzimmer, in dem sie, stets sehr akkurat geschminkt, Liedchen mitträllert, vor ihrem Bett tanzt oder darüber spricht, wie man sich gegenüber dem Lehrer herausredet, wenn man die Hausaufgaben nicht gemacht hat. Themen, die bis dato wenig Futter für die nach Negativ-Sensationen lechzende Twitter-Meute abgaben. Das änderte sich, als Laura Sophie beschloss, sich zum politischen Tagesgeschehen zu äußern.

          Vor wenigen Tagen veröffentlichte die Influencerin einen Video-Clip auf Tiktok, in dem sie sich daran macht, ihrer Followerschaft zu erklären, „warum der dritte Weltkrieg auch für uns Deutsche extrem gefährlich wäre“. Zwar hatte die Schülerin ihr Video gar nicht auf Twitter hochgeladen, trotzdem sorgt das Filmchen – von eifrigen Politik-Kommentatoren aus TikTok importiert – gerade dort für neuen Zündstoff. Gestandene Journalisten arbeiten sich plötzlich an der 18 Jahre alten Schülerin ab, die, ganz offensichtlich ohne viel Ahnung zu haben, in einem selbsternannten Aufklärungsvideo über die Eskalationsspirale zwischen Amerika und Iran berichtet, und dabei ungares Halbwissen mit groben Unwahrheiten vermengt.

          „Iran verfügt über extrem viele Atombomben“

          Kurz zusammengefasst, gehen Laura Sophies Ausführungen so: Der dritte Weltkrieg bricht vielleicht aus, weil „Donald Trump einen der wichtigsten Männer vom Iran getötet hat“. Daraufhin versucht sich die Schülerin an einer Rekonstruktion von Artikel 5 des Nordatlantikvertrages: „Sobald Amerika anfängt zu kämpfen, im Krieg zum Beispiel, treten Deutschland und Frankreich mit ein, weil das sind alles Länder der Nato“, erklärt die junge Frau mit blondem Dutt, rotem Sweater und lebhafter Gestik.

          Verteidigungsbündnis, Angriffsbündnis, was macht das schon für einen Unterschied. Weiter im Text: „Und wenn der Iran sich jetzt noch mit Russland und China zusammentut – weil die ja auch gegen die USA sind – dann ist es ein Riesenteil, das da kämpft.“ Und das wäre schließlich nicht gut, denn „der Iran verfügt über extrem viele Atombomben und gefährliche Waffen. Wenn da eine hochgeht, sind wir alle futsch“. Man darf beruhigt sein: Nicht die Uran-Anreicherung ging plötzlich sehr schnell, die Schülerin liegt schlicht falsch mit ihren Ausführungen.

          Doch Laura Sophie war nicht die einzige, die sich um eine Zuspitzung des Konflikts im Nahen Osten sorgte: Das Thema des drohenden dritten Weltkrieges trendete kurz zuvor unter dem Hashtag #WWIII („World War III“) in den sozialen Netzwerken. Und auch auf Google schossen Suchbegriffe wie „World War 3“ oder „Dritter Weltkrieg“ schlagartig in die Höhe. Die gezielte Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimanis durch eine amerikanische Drohne hatte Anlass gegeben, dass viele Nutzer vor allem auf TikTok und Twitter, zahlreiche Clips und Memes verbreiteten, die sich – oftmals ironisch – mit dem Ausbruch eines Weltkrieges auseinandersetzten. Auch Laura Sophie legte nach ihrer Erklärung noch einmal nach und veröffentlichte einen weiteren Clip. Darin führt sie einen Freudentanz darüber auf, dass Deutschland zum ersten Mal nicht Auslöser eines Weltkriegs sein werde.

          Sicherlich hätte die Schülerin mit einer kurzen Google-Anfrage auch selbst herausfinden können, dass Iran weder über Atomwaffen verfügt, noch der Bündnisfall der Nato ein Automatismus ist, der Deutschland unmittelbar in einen Krieg verwickelt, sobald Amerika und Iran in eine militärische Auseinandersetzung geraten. Nun sollte inzwischen aber bekannt sein – seit der „Zerstörung der CDU“ ist kaum ein halbes Jahr vergangen –, dass in den Weiten des Internets auch Menschen ihre Meinung zu politischen Themen kundtun können, die nicht unbedingt qualifiziert dazu sind. Kann man einer gerade volljährigen Schülerin also wirklich vorwerfen, dass sie das weltpolitische Geschehen nicht ganz richtig einzuschätzen weiß?

          Die Nutzer von Twitter jedenfalls befanden: Ja, das kann man. Die mediale Empörungsmaschinerie setzte sich also abermals in Gang und die Schülerin erlebte einen gewaltigen Shitstorm, wie ihn zuletzt auch Tom Buhrow, Papst Franziskus und J.K. Rowling erlebten. Die Vorwürfe reichten von Dummheit, über das bewusste Schüren von Panik bis zu Zweifeln am deutschen Bildungssystem im Allgemeinen. Die Schülerin löschte daraufhin die Videos, in denen sie sich über Politik äußert, stellte ihren Instagram-Account privat und verfasste ein Statement auf ihrem sonst kaum genutzten Twitter-Konto: „Ich habe meine Fehler auf TikTok berichtigt“, heißt es dort. Dazu eine Entschuldigung und eine Bitte, sie nicht weiter anzugreifen: „Ich glaube jeder macht Fehler, also bitte hört mit diesem Shitstorm auf.“

          Man darf wohl darauf hoffen, dass auch dieser Eklat bald ausgesessen ist und die mediale Meute ihr nächstes Opfer findet, das sie teeren, federn und durch die Trends jagen kann – oder endlich das Dschungelcamp beginnt.

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