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Finanzskandal am Königshof : Die wohl letzte Patrone der Infantin Cristina

  • -Aktualisiert am

Noch sind sie Herzog und Herzogin von Palma: Iñaki und Cristina Urdangarin Bild: dpa

Der gesellschaftliche und finanzielle Sturz der Familie Urdangarin ist tief. Iñaki drohen 20 Jahre Gefängnis, und auch seine Frau Cristina könnte hinter Gittern landen. Ihr Bruder, König Felipe, zeigt ihr die kalte Schulter.

          Weihnachten war schon eine ziemlich triste Zeit für die spanische Infantin Cristina von Bourbon. Das neue Jahr verspricht indes noch viel unangenehmer zu werden. Alle politischen Parteien des Landes verlangen mit unterschiedlicher Intensität einen symbolischen Verzicht der Schwester von König Felipe VI. auf ihre Thronrechte. Cristina steht an entfernter sechster Stelle in der spanischen Thronfolge. Sogar die konservative Regierung der Balearen, die sich um die Reputation des Ferienarchipels sorgt, möchte, dass sie und ihr Mann Iñaki Urdangarin die ihnen bei der Hochzeit im Jahr 1997 vom damaligen König Juan Carlos verliehenen Ehrentitel Herzog und Herzogin von Palma zurückgeben.

          Bruder Felipe lässt zu diesen beiden Themen vorerst noch schweigen, obschon er in seiner Weihnachtsansprache mit einer recht vehementen Kampfansage an die Korruption indirekt auch den Fall „Noos“ berührte. „Öffentliche Ämter dürfen nicht als Mittel missbraucht werden, persönliche Vorteile zu erlangen oder sich zu bereichern“, sagte der Monarch in seiner ersten Weihnachtsansprache überhaupt an Heiligabend, nachdem nur zwei Tage zuvor der Ermittlungsrichter José Castro auf Mallorca entschieden hatte, Felipes Schwester wegen eines Steuervergehens unter Anklage zu stellen. Felipe forderte auch unmissverständlich: „Die Korruption muss ohne Rücksichtnahmen ausgemerzt werden.“

          Billigfluglinie statt Privatjet

          Wegen des Versuchs, eine angeblich gemeinnützige Stiftung namens Noos in eine private Einnahmequelle zu verwandeln, und unter dem Vorwurf, so rund sechs Millionen Euro an öffentlichen Geldern in die eigene Tasche gesteckt zu haben, drohen dem ehemaligen Weltklasse-Handballspieler Urdangarin nun bis zu 20 Jahre Gefängnis. Seine Frau wiederum wird von Ermittlungsrichter José Castro als „notwendige Komplizin“ zweier Steuerdelikte beschuldigt und könnte dafür ebenfalls zu einer Haftstrafe von mehreren Jahren verurteilt werden.

          Doch bevor es für die Infantin zu einem Prozess kommen kann – voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte –, haben ihre Anwälte zum Wochenende ihre, wie es heißt, „letzte Patrone“ verschossen. Es handelt sich um einen Einspruchsantrag, der doch noch verhindern soll, dass sie, wie Richter Castro entschied, auf die Anklagebank muss. Die Anwälte verweisen nicht nur darauf, dass weder die Staatsanwaltschaft noch die Finanzbehörden Vorwürfe gegen sie erhoben haben. Sie werfen vielmehr ihrerseits dem Richter medienträchtigen Missbrauch seiner Funktion vor und halten die Verhängung einer Kaution in Höhe von 2,7 Millionen Euro für „völlig unangemessen“. Dabei hat die Infantin noch im alten Jahr, so wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, als Wiedergutmachung in Sachen Steuern schon 600.000 Euro an die Staatskasse überwiesen.

          Der – auch finanzielle – Absturz der Familie Urdangarin ist tief. Ihr kurz nach der Hochzeit für sechs Millionen Euro erworbener kleiner Palast in Barcelona ist zusammen mit zwei weiteren Immobilien vorsorglich beschlagnahmt worden. Der 46 Jahre alte Iñaki Urdangarin ist arbeitslos und mit einer Kautionsforderung von fast 14 Millionen Euro belastet. Nur seine Frau ist in Genf noch für ein stattliches und wohl auch freundschaftlich gemeintes Gehalt bei einer großen spanischen Sparkasse tätig. Die Zeiten der Privatjets sind allerdings vorbei. In die Neujahrsferien reisten die Urdangarins mit ihren vier Kindern bescheiden mit einem Flugzeug einer Billigfluglinie.

          Richter José Castro hat einen langen Atem

          Sie hatten zu Weihnachten bei der Familie des Basken in Vitoria Zuflucht gefunden, wo auch Cristinas ältere Schwester Elena als Trösterin vorbeikam. König Felipe, der ihr eine sehr kalte Schulter zeigt, arbeitet derweil an der Transformation der Krone in ein institutionelles Beispiel an Transparenz und Sauberkeit. Die Spanier scheinen ihm dies anzurechnen: In der Popularitätsskala seiner Landsleute steht er schon hinter Papst Franziskus an zweiter Stelle. Bei den baskischen Verwandten hingegen ist der brodelnde Unmut beträchtlich. Eine Schwester Iñaki Urdangarins soll gesagt haben, dass, wenn ihr Vater noch lebte, der Madrider Zarzuela-Palast „schon brennen“ würde.

          Dass der Noch-Herzog von Palma eine längere Zeit im Gefängnis verbringen dürfte, halten viele spanische Juristen für ausgemacht. Ob die düsteren Folgen des Falls Noos auch die 49 Jahre alte Herzogin hinter Gitter bringen werden, ist hingegen eher unwahrscheinlich. Eine Strafe auch für die Krone wäre es aber schon, wenn ihr wirklich als erstem Mitglied der königlichen Familie der Prozess gemacht würde. Der Ermittlungsrichter will nun in dieser Woche entscheiden, ob er den Einspruch zulässt. Dann müsste der Gerichtshof der Balearen den nächsten Schritt tun.

          Dass Richter José Castro, der im Dezember 70 Jahre alt wird und damit das Pensionsalter erreicht, einen langen Atem hat, soll er angeblich schon im Freundeskreis signalisiert haben. Er wolle, so hieß es, um eine zweijährige Verlängerung bitten, um den Fall Noos noch selbst zu Ende bringen zu können.

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