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Indonesien : Miss Vergnügen

Eiferer sehen es nicht gern: Touristinnen im Bikini am Kuta-Strand von Bali Bild: AFP

Muslimische Sittenwächter drohen, das „Miss World“-Event auf Bali zu verhindern. Die Veranstalter reagieren - und tauschen Bikinis mit Wickelröcken. Das könnte wiederum für Kritik von anderer Seite sorgen.

          Wahre Schönheit ist schwer zu finden, vielleicht sogar besonders schwer bei Schönheitswettbewerben. Aber auf der Suche nach der vermeintlich ansehnlichsten Frau der Erde ist für die Veranstalter der Eventreihe „Miss World“, die im September in Indonesien gastiert, nicht nur die Wahl an sich die Qual. Dort bekommen die Ausrichter auch Gegenwind von Muslimen, die sich zu Sittenwächtern aufgeschwungen haben und wohl befürchten, der Wettbewerb verunreinige noch unbefleckte muslimische Seelen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Seine Gruppe werde „alle notwendigen Maßnahmen“ ergreifen, um den für den kommenden Monat geplanten Wettbewerb zu verhindern, sagte Rizieq Shihab von der „Islamischen Verteidigungsfront“ (FPI) vor kurzem auf einer Kundgebung, mit der seine militante religiöse Schlägertruppe die 15 Jahre ihres Bestehens feierte. Der Wettbewerb sei eine Beleidigung für die einheimische Kultur und verstoße gegen die islamische Gesetzgebung (Scharia), sagte er zu seinen Anhängern.

          Lady Gaga bekam keine Konzert-Genehmigung

          Es sind starke Worte, die in Indonesien ernstgenommen werden. Im vergangenen Jahr hatte die Gruppe schließlich sogar mit Gewalt gedroht für den Fall, dass ein Konzert der amerikanischen Sängerin Lady Gaga in Jakarta tatsächlich wie geplant stattfinden dürfe. Die Musikerin wird heute zwar, was die Freizügigkeit ihrer Auftritte und die Fähigkeit zur Erzeugung öffentlicher Erregung angeht, längst von jüngeren Sängerinnen übertroffen. Aber vor mehr als einem Jahr reichte Frau Gagas Ruf als provokante Person noch aus, um in Indonesien die Proteste der „Verteidigungsfront“ auf sich zu ziehen.

          Zu freizügig: Lady Gaga durfte nicht auftreten

          Die Drohungen versetzten wiederum die Behörden so in Schrecken, dass sie die Genehmigung für das erste Konzert der Amerikanerin in Indonesien verweigerten. Ganz anders erging es da übrigens der Heavy-Metal-Band Metallica, die mit ihrer Musikrichtung selbst in ihrer Heimat unter Satanismusverdacht steht. Diese Band durfte am selben Tag, an dem auch die islamistische Jubiläumsfeier stattfand, vor 60.000 überwiegend schwarz gekleideten Fans ihr zweites Konzert in Indonesien in 20 Jahren geben.

          Der Gouverneur Jakartas ist bekennender Metallica-Fan

          Dabei dürfte den Musikern aus Los Angeles allerdings geholfen haben, dass der überaus beliebte Gouverneur Jakartas, Joko Widodo, einer ihrer bekanntesten Fans ist. Der liebevoll „Jokowi“ genannte Politiker hat zwar nicht einmal seine Kandidatur bekanntgegeben, wird aber trotzdem schon als Favorit für die Präsidentenwahl im kommenden Jahr gesehen.

          Für den indonesischen Aufsteiger war seine Vorliebe für Metallica schon zu einem Problem geworden, als er in diesem Jahr von dem Promoter der Band für das südostasiatische Land eine Bassgitarre überreicht bekam, auf der die Danksagung eines ihrer Mitglieder prangte. Da er sich wie viele Politiker dem Kampf gegen die verbreitete Bestechung verschrieben hat, übergab er das Instrument aber vorsorglich der staatlichen Antikorruptionskommission. Es wurde konfisziert und soll versteigert oder öffentlich ausgestellt werden.

          Nur in den regional üblichen Wickelröcken

          Im Lichte solcher Ereignisse haben sich auch die Veranstalter des Schönheitswettbewerbs schon auf mögliche Widerstände vorbereitet. So haben sie angekündigt, dass es aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Indonesier bei der diesjährigen Wahl keinen der obligatorischen Auftritte in Bikinis geben werde. Stattdessen werden die Kandidatinnen dieses Mal nur in den regional üblichen Wickelröcken über die Bühne gescheucht.

          So nicht: die Bikini-Präsentation der Kandidatinnen fällt 2013 flach

          Auch darüber hinaus wird nichts zugelassen, was gegen die religiösen oder kulturellen Werte Indonesiens verstoße, des mit 240 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten muslimischen Landes der Welt. So hat es der Veranstalter zumindest versprochen.

          Das könnte man löblich nennen, aber es dürfte bei Indonesiern, die den wachsenden Islamisierungsdruck in ihrem Land beklagen, auch auf Kritik stoßen. Denn bislang ist Indonesien noch immer das Paradebeispiel für eine tolerante und nichtmilitante Auslegung des Islams.

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