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Indien : München stelle ich mir toll vor

  • -Aktualisiert am

Lehrerin Ekta Kapoor vor ihren Schülern in Delhi. Bild: Michael Radunski

Goethe in Indien: Schulen, die dort als erste Fremdsprache Deutsch anbieten, erleben eine enorme Nachfrage. Doch ausgerechnet gut ausgebildete Lehrer sind Mangelware.

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          Als Ekta Kapoor den kleinen Raum betritt, wird es schlagartig still. Die Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse stehen von ihren Stühlen auf. Die Arme seitlich eng angelegt, warten sie auf ein Zeichen. Als Kapoor ihnen kurz zunickt, rufen sie lautstark: „Guten Tag, Frau Lehrerin!“

          Kapoor, 30, unterrichtet an der Andrews-Ganj-Schule im Süden Delhis. Und ihre Schüler sprechen: Deutsch. Fast vollkommen akzentfrei. „Liebe Schüler, guten Tag. Wie geht es euch heute?“, fragt Kapoor. „Guuuut“, schallt es zurück.

          Im Unterricht geht es heute um Essen. „Was isst du in der Pause?“, fragt sie ihre Schüler. Sie zeigt auf die weiße Leinwand neben ihr, wo das Bild eines großen, roten Apfels zu sehen ist. Vierzig Zeigefinger schießen in die Höhe, alle Schüler der Klasse melden sich. „Jatin? Du vielleicht?“, fragt die Lehrerin. Jatin sitzt in der zweiten Reihe. Der schwarzhaarige Junge steht auf und behauptet, er esse in der Pause sehr gerne einen Apfel. Rapoor nickt: „Richtig, Jatin. Gut gemacht.“ Als dann Jatin auch noch das Geschlecht der Frucht richtig benennt - „Es heißt der Apfel, Frau Kapoor“ -, greift die Lehrerin zu ihrem Notizheft, nimmt einen kleinen Aufkleber heraus und klebt ihn Jatin auf die Brusttasche seines Hemds. Dort steht nun in großen Buchstaben: Spitze!

          Staatliche Schulverband umfasst 1000 Schulen

          Die Andrews-Ganj-Schule in Indiens Hauptstadt Delhi gehört zum staatlichen Schulverband Kendriya Vidyalaya, kurz KV genannt, der mehr als 1000 Schulen in ganz Indien umfasst, die vor allem für Kinder von Regierungsangestellten gedacht sind , die regelmäßig innerhalb Indiens versetzt werden. Deshalb ist ihr Lehrplan überall gleich. Die KV-Schule Andrews Ganj hat 3000 Schüler; davon haben 200 Deutsch gewählt.

          Jatin zum Beispiel ist 11; Deutsch lernt er seit gerade mal einem Jahr. Er trägt ein blau-weiß kariertes Hemd mit rotem Kragen, dazu eine graue Stoffhose und schwarze Schuhe - die Schuluniform der Andrews-Ganj-Schule - und schaut den deutschen Besucher jetzt aufmerksam an. „In Deutschland spielen doch viele Leute Fußball“, sagt er. Als Kapoor ihn fragt, ob er denn einen deutschen Spieler kenne, nickt Jatin und sagt: „Ich kenne Özil.“ Kerzengerade steht Jatin da und lächelt. Dann fügt er hinzu: „Und Merkel.“

          „Frau Merkel ist doch die Kanzlerin“

          Als die kleine Tasleen das hört, dreht sie sich um. Das Mädchen mit schulterlangen Zöpfen sitzt ganz vorne in der ersten Reihe. Schnell hält sie sich die Hand vor den Mund, dann kichert sie leise los. „Frau Merkel ist doch die Kanzlerin“, sagt sie. Nun lachen alle, auch Jatin.

          Deutschland ist in dem kleinen Unterrichtsraum im ersten Stock allgegenwärtig; an den Wänden hängen allerlei Bastelarbeiten der Schüler: zahlreiche Deutschland-Fahnen, eine Deutschland-Karte, ein randvoll gefüllter Bierkrug und ein runder Fußball aus Papier. Die Bücher für das neue Schuljahr seien noch nicht geliefert worden, erklärt Kapoor. „Deshalb haben die Kinder in den vergangenen Tagen zum Thema Deutschland gebastelt.“

          An den Fenstern hängen lange Vorhänge. Sie verdunkeln den Raum, damit die Hitze draußen bleibt. Es ist 11 Uhr, draußen sind es bereits 38 Grad. Zwei weiße Deckenventilatoren sorgen zumindest für einen leichten Luftzug - und ein monotones Surren. Die Schüler stört das nicht. Zu zweit sitzen sie auf kleinen Holzbänken und folgen den Erklärungen der Lehrerin. Kein Platz ist mehr frei.

          In Klassenzimmer ist Deutschland allgegenwärtig: Ein Schulheft.
          In Klassenzimmer ist Deutschland allgegenwärtig: Ein Schulheft. : Bild: Michael Radunski

          “Der Andrang ist unglaublich“, sagt Lashmi Mishra. Die Rektorin leitet seit zwei Jahren die Andrews-Ganj-Schule, doch so einen Zulauf habe sie noch nicht erlebt. In ganz Indien gibt es derzeit schätzungsweise 80 000 Schüler, die Deutsch als Fremdsprache wählen. Seit Jahren steigt die Zahl der Interessenten kontinuierlich an: „Es scheint, als wollten plötzlich alle Deutsch lernen.“ Ihre Schule, erzählt Mishra, sei eine der wenigen, die Deutsch in zwei Schichten anböten, vormittags und nachmittags.

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