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Indien : Hochzeit in Henna

  • -Aktualisiert am

Still sitzen: Das Braut-Henna bedeckt beide Arme bis zu den Schultern und beide Beine bis zu den Knien Bild: dpa

Firdos malt Muster auf die Haut indischer Frauen. Wer bei ihr zu Gast ist, wird bearbeitet. Und wer Glück hat, erfährt dabei etwas aus dem Leben der jungen Henna-Künstlerin.

          Eigentlich erwarte ich noch ein paar Sätze zur Einführung. Aber Firdos Jahan stellt zwei Plastikstühle unter eine Leuchtstoffröhre, zieht ihr Equipment aus dem geblümten Sari hervor, einen kleinen Kegel aus Papier, der mit Henna-Farbe gefüllt ist, beugt sich einfach über meinen linken Arm und fängt an zu malen. Firdos Jahan: Ihr Vorname bedeutet übersetzt „das Paradies des Universums“. Viel kann hier jetzt nicht schiefgehen. Also Augen zu und durch.

          Die Heirat ist das wichtigste Ereignis im Leben vieler Inder und vor allem vieler Inderinnen. Die Hochzeitsfeier kann – mit Hunderten Gästen und vielen Riten – mehrere Tage lang dauern. Da ist bei der Organisation Hilfe nötig. Firdos Jahan Enseri ist eine solche Hilfe: Sie ist für das Aufhübschen der Braut mit Henna-Malereien zuständig. In ihrem Heimatort Chanderi, einer kleinen Stadt im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh, ist Firdos bekannt für ihre schöne Henna-Kunst. Wer Gast ist bei den Enseris, muss sich dringend ein Mehndi, ein Henna-Tattoo, zulegen. Also auch ich.

          Eine Tradition, die man pflegen muss

          Firdos ist 16 Jahre alt und arbeitet seit acht Jahren als Henna-Künstlerin. Sie hat sich das Malen mit Henna selbst beigebracht und hat bisher unglaubliche 3.000 Henna-Tattoos angefertigt, allein 1.000 für Bräute. In den Tagen vor der Hochzeit besucht Firdos das Elternhaus der Braut. Dort lassen sich alle Frauen beider Familien Unterarme oder Hände bemalen.

          Die Braut bekommt eine besondere Behandlung: Ihr werden beide Arme bis zu den Schultern und beide Beine bis zu den Knien bemalt. Das Mehndi der Braut hat viele Bedeutungen. Die Braut muss keine Hausarbeit verrichten, bis das Henna verblasst ist. Oder: Je dunkler die Farbe, desto heißer die Liebe. Firdos kennt diese Legenden nicht. In Chanderi steckt im Henna angeblich keine Bedeutung, sondern nur eine Tradition. Und zwar eine, die man pflegen muss. Nachdem die Henna-Farbe getrocknet ist, muss sie mit einer Mischung aus frisch gepresstem Limettensaft und Zucker dreimal betupft werden.

          Auf indischen Bräuten lastet ein hoher Druck

          Am nächsten Morgen wird die verhärtete Kruste abgewaschen und die Haut darunter mit Senföl eingerieben. Anschließend dunkelt die Farbe noch  ein bis zwei Tage nach. Wirklich schön sieht die floral geschwungene Bemalung etwa fünf oder sechs Tage lang aus, nach 14 Tagen ist sie verschwunden. Dann sind die Bräute schon fest in die Familien ihres Ehemanns integriert.

          Noch immer sind fast alle Ehen in Indien arrangiert. Darum lastet auf der Frau ein hoher Druck. Nicht nur, dass sie mit einem Mann zusammenleben muss, der ihr kaum bekannt ist. Sie muss auch den hohen Anforderungen der Schwiegermutter genügen. Die Schwiegermutter, die für den Haushalt bisher allein zuständig war, lernt die Gattin des Sohns an. Fortan sollen die beiden Seite an Seite im Haus arbeiten. Man muss nur eins und eins zusammenzählen: Bei einer solchen Konstellation kommt es häufig zu jahrzehntelangen Streitereien. Davon zeugen auch die vielen indischen Telenovelas, in denen die Beziehung von Schwiegertochter zu Schwiegermutter zentrales Thema ist.

          Ohne Vorlage: Firdos arbeitet konzentriert an einem Henna-Tattoo

          Firdos hat keinen Einblick mehr in die Familien, zu deren Hochzeitsvorbereitungen sie beiträgt. Aber schon während der Vorbereitungen bekommt sie viel mit: nervöse Bräute, hibbelige Mütter, großes Chaos. Für ein Braut-Henna, an dem sie bis zu sechs Stunden lang arbeitet, bekommt sie 500 Rupien, umgerechnet etwa 8,30 Euro. Leben kann sie von der Henna-Kunst nicht.

          Jenseits der Hochzeitsmonate von April bis Juni warten auch nur wenige Aufträge. Darum unterrichtet sie nebenher angehende Henna-Künstlerinnen und näht Saris. Was sie sich von der Zukunft erhofft? Sie weiß es nicht genau.

          Die Zukunft? Sie weiß es nicht genau

          Sie hat die Schule bis zur zehnten Klasse besucht, sie könnte in einem Schönheitssalon anfangen, aber dafür müsste sie einige Kurse besuchen, die in ihrer Region nicht angeboten werden. Schließlich werden in den indischen Schönheitssalons nicht nur Henna-Malereien, sondern auch Maniküre und Pediküre angeboten. Das müsste sie dann auch noch lernen. Auch in Deutschland gibt es viele Schönheitssalons. Aber man muss schon lange suchen, bis man darin eine Henna-Künstlerin findet.

          Online kann man hingegen von Henna-Partys über Henna-Kindergeburtstage bis zu Babybauch-Hennas alles buchen. Auch Stars haben Henna schon entdeckt: Madonna trug es 1998 im Video zu ihrer Single „Frozen“, Vanessa Hudgens zeigte es 2011 auf dem roten Teppich bei einer Premiere, und Camilla, Herzogin von Cornwall, auf einer Safari in Tansania im selben Jahr.

          Es wird sich dann schon jemand finden

          Vorsicht ist aber geboten: Schwarzes Henna wird von Touristen in Urlaubsländern häufig nachgefragt und darum auch angeboten. Da es aber keinen natürlichen Stoff gibt, der eine schwarze Henna-Kolorierung erzeugt, werden oft Ruß oder andere Pigmente beigemengt. Am beliebtesten ist das Farbmittel Para-Phenylendiamin, das lebenslange Allergien hervorrufen kann. Die herkömmliche rötliche Henna-Farbe, die aus den Blättern des Cyper-Strauchs gewonnen wird, gilt dagegen als ungefährlich.

          Am Abend meines Henna-Tattoos frage auch ich Firdos nach der Verträglichkeit. Sollte man nicht vorher einen Allergie-Test machen? Sie grinst und antwortet mit dem klassischen indischen Kopfwackeln, das irgendwie alles bedeuten kann. Es wird schon gut gehen. Nach kaum fünf Minuten ist sie fertig mit meinem Henna-Tattoo. Es sieht schön aus.

          Und wer wird ihr Mehndi anfertigen, wenn sie mal heiratet? Sie lächelt und schaut zu Boden, die Frage ist ihr unangenehm. Sie ist noch zu jung. In Indien sei man erst ab 18 Jahren heiratsfähig, sagt sie. Vielleicht würde es ihre Cousine Zined machen, die jetzt acht Jahre alt ist und auch ihr aktuelles Henna-Tattoo angefertigt hat. Es wird sich dann schon jemand finden, es wird schon gut gehen.

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