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Indien : Der letzte Maharadscha von Jaipur

Sawai Bhawani Singh im Oktober letzten Jahres Bild: AP

Mit dem Tod von Maharadscha Bhawani Singh endet eine tausendjährige Geschichte. Offiziell gibt es in Indien seit 40 Jahren keine Maharadschas mehr, fürstliche Ansprüche sind erloschen - trotzdem wurde in Jaipur eine zweitägige Staatstrauer ausgerufen.

          Seine Geburt war ein Ereignis: Lange war einem regierenden Maharadscha von Jaipur kein Sohn mehr geboren worden. Am 22. Oktober 1931 aber konnte Sawai Man Singh II., der selbst wie viele seiner Vorgänger auch nur adoptiert worden war, seinem Hofstaat einen würdigen Stammhalter präsentieren. Die Freude darüber war so groß, dass alle Springbrunnen im Rambagh-Palast von Jaipur mit Champagner gefüllt waren, was dem Neugeborenen den Spitznamen „Bubbles“ einbrachte.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sawai Bhawani Singh war der erste Sohn des gerade 19 Jahre alten Maharadschas, der zugleich der letzte auf einem Thron war, auf dem seine Vorfahren aus der Kachwaha-Dynastie seit dem Jahr 966 ohne Unterbrechung gesessen hatten. Bhawani Singh, sein legitimer Sohn, sollte den Titel nur noch erben – und nur für wenige Monate. Nun ist der letzte, der 40. Maharadscha von Jaipur, im Alter von 79 Jahren gestorben – und eine mehr als tausendjährige Geschichte endet.

          Offiziell gibt es schon seit 40 Jahren keine Maharadschas mehr in Indien, alle fürstlichen Ansprüche sind längst erloschen. Auch der sagenhafte Reichtum der einstigen Herrscher ist weitgehend dahin. Gold und Edelsteine, mit denen sich die Maharadschas früher tatsächlich aufwiegen lassen konnten, ihre Paläste, Residenzen und Ländereien haben sie verloren. Der Abstieg der Fürsten setzte bereits unter der Herrschaft der britischen Ostindien-Kompanie ein, auch wenn loyale Radschas, Maharadschas, aber auch Sultane bis 1947 noch eine begrenzte Souveränität behielten.

          Prozession zu Ehren des verstorbenen Maharadscha von Jaipur

          Mit acht Jahren adoptiert, mit zwölf Jahren verheiratet

          Zu diesen Herrschern zählte auch der Maharadscha von Jaipur, Sawai Man Singh II., in seinem Staat „SMS“ genannt. Der letzte regierende Fürst kam als Mor Mukut Singh zur Welt. Als Achtjähriger wurde er 1921 vom damaligen Maharadscha adoptiert, mit zwölf Jahren schon mit der Tochter einer reichen Adelsfamilie vermählt, der späteren Maharani Marudhar Kanwar, Mutter von Bhawani Singh. Zwei weitere Ehefrauen sollten folgen, besonders die Maharani Gayatri Devi, die einzige, die er offenbar aus Liebe heiratete.

          Nur ein gutes Jahr nach seiner Adoption wurde Man Singh II. bereits als Zehnjähriger Maharadscha von Jaipur und zugleich Oberhaupt der Kachwaha-Familie. Kaum erwachsen, erlebte er schon den Niedergang der alten herrschenden Klasse. Als Indien 1947 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, ertönten ein letztes Mal die Gewehrsalven zu Ehren der fast 600 Fürstenstaaten, die aufgelöst wurden. In den meisten regierten Maharadschas, und viele von ihnen standen über dem Herrscher von Jaipur. Man Singh II. aber war nicht nur ein herausragender Polo-Spieler, der mit seiner Mannschaft die British Open gewann, er war auch ein weitsichtiger Politiker. Er modernisierte Jaipur, eröffnete etwa 1947 die Universität. So ist es ihm zu verdanken, dass Jaipur 1956 Hauptstadt des neuen indischen Bundesstaates Rajasthan wurde.

          Aus dem Palast machte er ein Hotel

          Man Singh II. war es aber auch, der, zum Entsetzen seiner drei Gattinnen, den Palast der Familie in ein Hotel verwandelte, weil ihm das Geld ausging. Damit waren endgültig die glorreichen Zeiten vorbei, als Man Singh II. und seine dritte Gemahlin Gayatri Devi zum Beispiel mit Königin Elisabeth II. und ihrem Mann Philip auf Tigerjagd gehen konnten. Als der Maharadscha 1970 bei einem Polo-Spiel überraschend starb, folgte ihm sein Sohn Bhawani Singh als Maharadscha nach. Nur ein Jahr später verlor er, wie alle anderen Adeligen im Land, seinen Titel und auch die damit verbundene staatliche Apanage.

          Bhawani Singh hatte schon als junger Mann Karriere beim Militär gemacht, stieg zum Kommandanten einer von zwei Eliteeinheiten auf und zog als Truppenführer in den dritten Krieg Indiens gegen Pakistan im Jahr 1971. Von dort kehrte er als Kriegsheld zurück, denn er hatte den Gegner mit einer List in die Flucht geschlagen. Berichten zufolge spiegelte er den Pakistanern vor, ein großer Panzer-Verband rücke auf ihre Positionen vor. Tatsächlich handelte es sich bei den Fahrzeugen jedoch nur um ein paar laute Geländewagen. Zuletzt war der Maharadscha Brigadegeneral. Einen „Thronfolger“ konnte auch Bhawani Singh nicht vorweisen.

          Mit seiner Frau, Padmini Devi hatte er eine inzwischen 40 Jahre alte Tochter, Diya Kumari. Ihren ältesten Sohn wiederum, Kumar Padmanabh Singh (Jahrgang 1999), adoptierte der letzte Maharadscha, wohl auch um die Tradition des Geschlechts fortzusetzen. Das aber ist mehr als in Gefahr. Denn während Bhawani Singh im Rambagh-Palast aufgebahrt und am Montag eingeäschert wurde, begann die weitläufige Verwandtschaft schon, ums Erbe zu streiten. Bereits als die Maharani und Stiefmutter von Bhawani Singh, Gayatri Devi, 2009 nach langer Krankheit starb, hatten ihre beiden Kinder Ansprüche erhoben.

          Ums Erbe gestritten wird unter den vier Söhnen und einer Tochter der ehemaligen Frauen des einstigen Maharadschas von Jaipur, Man Singh II., schon seit dessen Tod im Jahr 1970. Um wie viel Geld es geht, weiß niemand so genau. Allerdings gilt die Familie des Maharadschas bis heute als durchaus vermögend. Einige hundert Millionen Euro könnte der Besitz durchaus noch umfassen. Die Rede ist von Schmuck und Kunstgegenständen, einigen Häusern und Villen sowie Ländereien.

          Am Montag aber war von dem Erbstreit wenig zu sehen, als die Feuerbestattung des Maharadschas live im indischen Fernsehen übertragen wurde. Dafür war in Jaipur eine zweitägige Staatstrauer ausgerufen worden, alle Schulen und Regierungsgebäude blieben geschlossen. In einem von festlich geschmückten Elefanten begleiteten Trauerzug wurde der Leichnam von Bhawani Singh zum herrschaftlichen Bestattungsplatz gebracht. Dort entzündeten seine Enkel gemäß hinduistischer Tradition dann den Scheiterhaufen.

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