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Indianerreservat Pine Ridge : Die stolzen Oglala sind Säufer geworden

  • -Aktualisiert am

Das Reservat Pine Ridge in South Dakota. Nur ein paar tausend der etwa 40.000 Bewohner verdienen ihr Geld durch regelmäßige Arbeit. Bild: Bert Rebhandl

Im Reservat Pine Ridge, Heimat der Oglala-Sioux, leiden etwa acht von zehn Indianerfamilien unter Alkoholproblemen. Jetzt verklagen die Nachfolger von Crazy Horse Amerikas Großbarauereien.

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          Häuptling Crazy Horse hat sich die Zukunft seiner Stammesbrüder vermutlich anders vorgestellt. Während das steinerne Antlitz des vor fast 135 Jahren getöteten Anführers der Oglala-Sioux stolz von den Black Hills über das Grasland von South Dakota blickt, können sich viele seiner Nachfahren heute kaum noch auf den Beinen halten. Obwohl im Reservat Pine Ridge seit Jahrzehnten kein Alkohol verkauft oder getrunken werden darf, leiden etwa acht von zehn Indianerfamilien unter den Folgen allzu üppigen Bierkonsums.

          Jedes vierte Kind, das in dem Reservat geboren wird, trägt die Erkennungsmerkmale des fetalen Alkoholsyndroms wie eine schmale Oberlippe, eine unnatürlich abgeflachte Nase oder durch Hautfalten verkleinerte Augenöffnungen. Eines von etwa drei Kindern wächst bei Angehörigen auf, da sich die Eltern mehr um den Alkoholnachschub kümmern als um Schulbrot, Mittagessen oder eine feste Stelle. Nur ein paar tausend der etwa 40.000 Bewohner des Reservats verdienen ihr Geld durch regelmäßige Arbeit.

          Fünf Millionen Dosen auf zwölf Einwohner

          Am Highway 18, früher auch als „Pfad der Black Hills Sioux“ bekannt, zeigt ein Meer leerer Bierbüchsen im Wechsel mit Grabkreuzen, dass Pine Ridge alles andere als ein trockenes Reservat ist. Für die Verwandlung der einst stolzen Krieger in einen Stamm von Gewohnheitstrinkern machen die Nachfolger von Crazy Horse die Gemeinde Whiteclay und Amerikas Großbrauereien verantwortlich. Der Flecken ein paar Schritte außerhalb des Reservats hat zwar keine Schule, kein Postamt und keine Tankstelle, verkauft aber gleich aus vier Baracken, die mit riesigen Kühlschränken bestückt sind, Bier und andere Alkohol-Getränke.

          Obwohl ein Budweiser, Hurricane oder Joose fast doppelt so teuer ist wie in anderen Regionen der Vereinigten Staaten, gehen in Whiteclay jedes Jahr fast fünf Millionen Dosen über den Ladentisch. Dass die wenigsten von den Bewohnern Whiteclays getrunken werden, lässt schon die Zahl von zwölf Einwohnern ahnen. Dagegen zählte die Stammespolizei im nahen Reservat im vergangenen Jahr mehr als 20.000 Festnahmen im Zusammenhang mit Alkohol. „Wir können nicht weiterleben, ohne das Problem Whiteclay zu lösen“, sagt der Stammesführer John Yellow Bird Steele.

          Im Reservat in Pine Ridge hängt ein Plakat mit vier Tipps, um der Alkoholsucht zu entgehen

          Im Auftrag der Oglala-Sioux hat der Anwalt Thomas White nun eine Klage eingereicht, die den Indianern in Pine Ridge und den anderen etwa 300 amerikanischen Reservaten ungeahnte Aufmerksamkeit eingebracht hat. Wegen der angeblichen Förderung des illegalen Verkaufs von Bier und dem Transport in das „trockene“ Reservat verlangt White von Whiteclays vier Bierverkäufern sowie ihren Lieferanten Anheuser-Busch InBev Worldwide und weiteren Großbrauereien 500 Millionen Dollar, um in Pine Ridge alkoholversehrte Kinder zu behandeln und soziale Leistungen anzubieten. Zudem sollen die Brauereien künftig nur noch geringe Mengen Alkohol nach Whiteclay liefern.

          „Man kann nicht 4,9 Millionen Bierdosen verkaufen und anschließend wie Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld waschen, da man angeblich nichts mit der Schmuggelei zu tun hat“, erklärt White die Klage vor dem Bezirksgericht im Bundesstaat Nebraska. Wie die Indianerin Dana Lone Hill meint, geht es bei der Millionenklage um weit mehr als Produkthaftung. Sie verweist auf die Geschichte der systematischen Verdrängung der Oglala-Sioux durch die Regierung in Washington, die aus dem Stamm einen trostlosen Haufen von Alkoholikern gemacht habe. „Auch ich habe in jedem der vier Läden in Whiteclay Bier gekauft, ohne dass mich jemand mit einer Pistole an meinem Kopf dazu gezwungen hätte“, gesteht die Fünfundvierzigjährige, die dennoch ein „historisches Trauma“ für den Absturz des Stammes verantwortlich macht.

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