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Indien : Verhasste Mädchen

Vor allem in ärmeren Familien gelten Mädchen oft als finanzielle Bürde. Bild: dpa

In Indien werden immer noch viel mehr Jungen geboren. Weibliche Föten werden hingegen oft abgetrieben oder nach der Geburt als Babys getötet. Das Problem nimmt sogar zu.

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          Anfang der neunziger Jahre machte Amartya Sen auf ein bis dahin kaum bekanntes Phänomen aufmerksam. Der berühmte indische Ökonom beschrieb, wie es in Asien dazu gekommen war, dass dort anders als im Westen deutlich weniger Mädchen als Jungen geboren wurden. Auf 100 Millionen hatte er damals die Zahl der „fehlenden Frauen“ in Asien und Nordafrika geschätzt. Der Wirtschaftswissenschaftler vermutete, dass die ungleiche Geschlechterverteilung durch eine Benachteiligung weiblicher Nachkommen in diesen Regionen vom Baby bis zum Erwachsenenalter zu begründen sei, unter anderem durch die gezielte Abtreibung weiblicher Föten.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Seitdem ist viel Zeit vergangen. Nicht zuletzt in Indien ist einiges unternommen worden, um das Missverhältnis auszugleichen. So ist es schon seit dem Jahr 1996 offiziell verboten, den Eltern das Geschlecht ihres Kindes vor der Geburt mitzuteilen. Doch wie aus den neuesten Zahlen des Innenministeriums hervorgeht, werden in Indien heute wieder weniger Mädchen als Jungen geboren.

          Das Ministerium zeigt in seinem Bericht, dass im Jahr 2014 auf 1000 neugeborene Jungen nur 887 Mädchen kamen. Im Jahr 2011 hatte die Quote dagegen noch bei 909 zu 1000 gelegen. Als „normal“ gilt ein Geschlechterverhältnis von 952 zu 1000 bei der Geburt.

          Schutz für weibliche Föten

          Das Problem besteht also nicht nur weiter, es verschärft sich sogar noch. In der Praxis wird das Verbot aus den neunziger Jahren immer noch umgangen. Erst vor kurzem hatte das oberste Gericht in Indien weitere Maßnahmen zum Schutz weiblicher Föten gefordert. „Ein weibliches Kind muss die gleichen Rechte bekommen, die ein männliches Kind genießt“, erklärte das Gericht. Es ordnete unter anderem die Erstellung einer nationalen Datenbank über Neugeborene und ihr Geschlecht an, damit Unregelmäßigkeiten schneller bemerkt werden. Die Richter verboten außerdem Werbung für pränatale Tests zur Geschlechtsfeststellung auf Online-Portalen.

          Außerdem wollte das Gericht dafür sorgen, dass regionale Unterschiede im Umgang mit dem Thema in dem Land mit 1,25 Milliarden Einwohnern beseitigt werden. Das Gesetz wird nämlich längst nicht in allen Bundesstaaten angewendet. Zudem ist die Zahl der Verurteilungen nach wie vor sehr niedrig. Es besteht offenbar eine große Scheu, den Verstößen wirklich nachzugehen.

          Mädchen werden diskriminiert und gelten als Bürde

          Das Gericht sprach in seinem Urteil von einer „kolossalen Fehlentwicklung“. Ermöglicht wird die hohe Abtreibungsrate weiblicher Föten unter anderem durch die Verfügbarkeit moderner Ultraschallgeräte. Aber auch nach der Geburt werden weibliche Kinder oft erstickt, ertränkt oder in der Erde verscharrt. Mädchen werden zu besonders harter Arbeit angehalten, bekommen weniger Nahrung und werden Opfer von Gewalt. Die Richter bezeichneten das Problem in ihrem Urteil als „soziale Krankheit“.

          Vor allem bei der armen Landbevölkerung gelten Mädchen als finanzielle Bürde, da die Töchter traditionell das Haus der Familie mit der Heirat verlassen und eine teure Mitgift mitnehmen. Jungen bleiben dagegen dem Elternhaus verbunden und sollen sich später um die Altersversorgung der Eltern kümmern. Die Schieflage in der Geburtenrate verschärft aber soziale Spannungen – denn viele Männer haben Schwierigkeiten, eine Frau zu finden.

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