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Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

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„Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“ Bild: dpa

Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden.

          Im Bauraum schiebt ein Junge Kisten und alte Kartons aneinander und zwängt sich durch eine kleine Öffnung ins Innere, um sich zu verstecken. Eine Gruppe Mädchen klettert auf ein Regal, um gleich darauf wieder herunterzuspringen; landen tun sie, Gott sein Dank, auf einer weichen Matte.

          Kinder, die Möbel erklimmen und übersteigen: Das ist nicht unbedingt das Bild, das man in einem Kindergarten erwartet. Auch ist ein Kindergarten in der Regel bunt: mit gemalten Bildern an den Wänden und gebastelten Mobiles an der Decke, Spielen und Büchern in den Regalen und Stiften, Klebern und Scheren auf dem Tisch. Doch das sucht man an diesem Vormittag in der katholischen Kindertagesstätte St. Johannes in Frankfurt vergeblich. Denn es ist spielzeugfreie Zeit.

          Ein Kindergarten ohne Spielzeug, das ist auf den ersten Blick in etwa so, als ginge man in ein Fitnessstudio ohne Geräte. Welchen Sinn kann das also haben? „Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“

          Das ist aber noch nicht alles. Was mit einem Kind passiert, das sich ohne Spielzeug beschäftigen muss, stärkt die Persönlichkeit und fördert damit die viel beschworene Resilienz, die psychische Widerstandskraft eines Kindes. Das Projekt „Spielzeugfreier Kindergarten“ wurde 1991 vom Jugendamt Weilheim-Schongau in Bayern entwickelt und kommt aus der Suchtprävention. „Man hatte vielfach versucht, mit Abschreckung aufzuklären, was aber etwa in der Pubertät nicht viel genutzt hat. Davon wollten wir weg“, sagt Rainer Strick, Mitbegründer des Projektes. Man habe sich mit Kindergärten zusammengetan, denn der beste Schutz gegen problematische Entwicklungen seien gut entwickelte Lebenskompetenzen, und die Weichenstellung dafür finde in der frühen Kindheit statt.

          Spielzeugfreie Zeit soll andere Fähigkeiten verbessern

          Doch wie kann ein leergeräumter Kindergarten dafür sorgen, dass ein Kind später nicht zum Süchtigen wird? „Nicht jeder bekommt in einer Lebenskrise Probleme, etwa nach einer Trennung oder dem Tod eines nahen Angehörigen, und sucht Zuflucht bei Alkohol oder Drogen“, sagt Schick. Denn viele Menschen hätten das Handwerkzeug mitbekommen, mit Krisen umzugehen. „Deswegen hat die Entwicklung von Lebenskompetenzen als Schutzfaktoren bei Kindern eine hohe Bedeutung, denn sie tragen dazu bei, dass Kinder gegen Probleme wie Sucht oder Gewalt besser geschützt sind.“ Beim Projekt „Spielzeugfreier Kindergarten“ sollen die Kinder diese Fähigkeiten, darunter Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Selbstvertrauen und Frustrationstoleranz, erlernen. „Das Projekt schafft durch einen zeitlich begrenzten Wegfall gewohnter Strukturen und Angebote den Rahmen, die eigenen Lebenskompetenzen und die der anderen wahrzunehmen, weiterzuentwickeln und zu erproben“, erläutert Strick. Dazu gehöre auch, einmal zu erleben, dass man Fehler macht und Enttäuschung aushalten muss, ohne dass dies gleich von Erwachsenen ausgeglichen werde.

          Die Frage bei der Projektentwicklung war zunächst: Welche Situationen sind es, in denen Kinder die notwendige Kompetenz entwickeln? „Kindergärten sind häufig auf eine Angebotspädagogik ausgerichtet“, erklärt Strick. „Deshalb war die Idee: Wir nehmen alles Spielzeug heraus und schauen, was passiert. Die Erzieher sollen sich zurückhalten und auch möglichst nicht bei Streit eingreifen, denn sonst lernen die Kinder nicht, mit Konflikten umzugehen.“ In der Zeit ohne Spielzeug gehe es vor allem um soziales Lernen, das sich in selbstgesteuerten Aktionen besser entwickeln könne. Am Ende des Projektes sei es dann interessant zu sehen, welche Lebenskompetenz die Kinder tatsächlich entwickelt hätten. Langfristig gehe es darum, dass Kinder lernten, besser ihre Stärken und Schwächen wahrzunehmen, so Strick.

          „Es ist spannend zu beobachten, wie die Kinder mit den ,leeren Räumen‘ umgehen und sie sich neu erschließen“, sagt Kita-Leiterin Reissmüller. Es sei natürlich schon mal so, dass ein Kind nicht wisse, was es machen solle, aber es müsse lernen, Langweile auszuhalten, das komme heute sowieso viel zu kurz, so die Kindergartenleiterin. „Langweile ist etwas Tolles. Denn dann spüren Kinder, welche Bedürfnisse sie haben“, sagt Strick.

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