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Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

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Am Anfang, so Reissmüller, „hatten wir Angst, dass vor allem die ruhigen Kinder zu kurz kommen“. Doch beobachtete sie: „Genau diese Kinder haben eine neue Stellung in der Gruppe eingenommen.“ Strick bestätigt: „Rollen verändern sich in der spielzeugfreien Zeit. Kinder, die sonst vielleicht eher ruhig sind, haben plötzlich gute Ideen und stehen mehr im Mittelpunkt.“

Der Ablauf sei überall ähnlich: Das Spielzeug werde weggeräumt, nur Tische, Stühle und Decken blieben im Raum. „Für Ideen dürfen Kinder zum Beispiel Holz oder Werkzeug mitbringen oder auch bei einem Ausflug in den Wald Holz zum Basteln sammeln“, erklärt Strick.

Kostenloses zum Basteln und Bauen

In der katholischen Kindertagesstätte dürfen die Kinder alles, was kostenlos ist, zum Basteln und Bauen mitbringen: Kartons und Verschlüsse oder alte Knöpfe, die bei Rollenspielen als Geld dienen. Schere, Kleber oder Farbe gebe es dagegen nicht; danach müssten die Kinder gezielt fragen und begründen, warum sie es brauchen, oder sich andere kreative Lösungen überlegen, was oft auch gut klappe, so die Kita-Leiterin.

Erlaubt sind auch Rollenspiele; sie förderten Kommunikation und Sprachentwicklung, die heute öfter zu kurz komme, sagt Reissmüller. Heute spielen die beiden Kindergartenkumpels Marius und Lennart den ganzen Vormittag über Roboter. „Wir haben die Weltherrschaft übernommen und die Erde gerettet“, erzählen die beiden.

Ohne Spielzeug bewegen sich die Kinder auch mehr, und es wird viel getobt. „Da kann es auch mal lauter werden als sonst“, sagt die Leiterin, „und die Kinder lernen dabei, ihre Grenzen auszuloten.“ Der Unterschied zwischen Turnen und Toben sei enorm: „Beim Toben ist die Bewegungskoordination eine ganz andere als bei dem vorgegebenen Turnen“, erklärt auch Strick.

Kinder bestimmen Richtung des Projektes

Natürlich müssen für diese Zeit auch eigene Regeln entwickelt werden. Dabei können die Kinder laut Projektleiter Strick Vorschläge machen. Wenn es zu laut wird, werde nicht „Leise!“ gerufen; stattdessen schlügen die Kinder vor, dass zum Beispiel ein Stein hochgehoben werden solle. Dann sei die Regel für sie nachvollziehbar, und sie hielten sich besser daran. „Die Impulse während des Projektes gehen stark von den Kindern aus“, sagt Strick. Die Erzieher begleiteten und beobachteten; nur bei Gefahr werde diese auch kommuniziert. Die Herausforderung sei dabei, nicht einzugreifen, sonst nehme man den Kindern den Erkenntnisprozess.

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Es sei auch in Ordnung, wenn Kinder einfach nichts machten; dann seien sie oft bei sich selbst, und es passiere viel in ihrem Inneren, so Strick. Er hat beispielsweise in einer Kita beobachtet, wie Jungen und Mädchen stundenlang vor einer Hecke saßen, weil eine Schnecke dort hochgewandert war. Auch Reissmüller erzählt von Kindern, die lange Zeit am Fenster verbrächten und etwa die Baustelle vor der Tür beobachteten.

Das Projekt findet ausschließlich in der Kita statt. Nur wenige Kinder wollten in dieser Zeit auch zu Hause ihr Spielzeug wegräumen, berichten Eltern. Sie beobachten aber, dass ihre Kinder zu Hause intensiver mit ihren Sachen spielen. Es gebe auch Eltern, die skeptisch seien, räumt Strick ein. Erzieher sollten das Projekt daher mit Fotos dokumentieren, damit Eltern sähen, was passiere; denn für sie sei es nicht immer ersichtlich, dass es sich bei diesem Projekt auch um einen Lernprozess handele.

Die Kinder vermissen offenbar nicht viel. „Vielleicht einen Fußball“, sagt der fünfjährige Marius. Doch bald kommt die Idee auf, dass man ja am nächsten Tag einen aus alter Zeitung und Kreppband basteln könnte. Die Kinder finden auch toll, dass sie nicht aufräumen müssen, denn es gibt ja nichts, was wieder zurück in die Regale muss.

„Nach den acht Wochen freuen sie sich auch wieder auf Spielsachen, es gibt aber erst einmal weniger davon“, sagt Kita-Leiterin Reissmüller. Dann zieht wieder der Alltag mit seinen festen Regeln ein. Und dazu gehört auch: Klettern auf den Regalen verboten!

Ohne Spielzeug

Das Projekt wurde von der Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern, begleitet. Parallel wurden wissenschaftliche Studien erhoben, die den Effekt der Lebenskompetenzförderung bestätigen.

Seit den neunziger Jahren läuft es in vielen Kitas in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zahlen, wie viele Kitas es tatsächlich regelmäßig durchführen, gibt es nicht.

Voraussetzungen für die „Spielzeugfreie Kita“: Es muss ein stabiles Erzieher-Team vorhanden sein, das die Kinder gut kennt. Die Eltern sollten in drei Elternabenden mit eingebunden werden. Dort werden das Projekt und der Verlauf vorgestellt. Der ideale Zeitraum für das Projekt sind drei Monate, denn es braucht Zeit, bis sich etwas entwickelt. Einzelne Tage bringen laut den Machern offenbar nichts. Weitere Infos unter www.spielzeugfreierkindergarten.de.

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