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Geburtskirche in Bethlehem : Die Engel leuchten wieder

Stein für Stein: Ein Restaurator der Firma Piacenti arbeitet an einem Mosaik in der Geburtskirche Bild: Piacenti

Die Geburtskirche in Bethlehem gleicht einer Großbaustelle. Die Restauratoren machen täglich neue Funde – einige sind besonders schön.

          5 Min.

          Der Engel hat seine Flügel ausgebreitet. „Er sieht aus, als würde er gerade landen“, sagt Marcello Piacenti und zeigt auf die Füße, die das Gras berühren. Es ist saftig grün, während das Gesicht in warmen Goldtönen erstrahlt. Das milde Dezemberlicht, das durch die Fenster in die Geburtskirche dringt, bringt die Mosaike zum Leuchten: Sieben Engel weisen den Besuchern mit ihren ausgestreckten Händen den Weg zu der Grotte, in der nach der Überlieferung Jesus geboren wurde. Bis vor wenigen Monaten waren sie nur Schattengestalten. Bedeckt vom Kerzenruß und dem Staub aus acht Jahrhunderten, zeichneten sie sich im Halbdunkel der Kirche von unten nur noch schemenhaft ab.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Den siebten Engel haben wir unter dem Putz entdeckt“, sagt Marcello Piacenti, dessen Firma seit September 2013 die Geburtsbasilika renoviert - zunächst das undichte Holzdach, jetzt die Wände des Kirchenschiffs mit den Mosaiken. Wohl erst 2017 wird alles fertig sein. Von den funkelnden Mosaiken werden die Besucher der Christmette in diesem Jahr nur einen kleinen Ausschnitt sehen können. Das Kircheninnere ist fast vollständig eingerüstet, die meisten Säulen sind verschalt, und die Decke ist tief abgehängt.

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          Wer einen Blick auf die mehr als 800 Jahre alten Mosaiken werfen will, braucht eine Genehmigung des palästinensischen Präsidenten: Das Komitee, das für die Renovierung der Kirche zuständig ist, steht unter der Schirmherrschaft von Mahmud Abbas. Für die mehrheitlich muslimischen Palästinenser, die sich international um die Anerkennung ihres Staates bemühen, ist das christliche Gotteshaus ein nationales Symbol. Für sie war es deshalb ein wichtiger Schritt, dass die UN-Kulturorganisation Unesco im Jahr 2012 den Bau zur Welterbestätte erklärte. Wegen der Baufälligkeit hatte die palästinensische Regierung einen Eilantrag gestellt. Er trug dazu bei, dass Marcello Piacenti und seine Arbeiter ein Jahr später damit anfangen konnten, das Gebäude zu retten.

          Über mehrere schmale Leitern geht es steil auf die Arbeitsbühne über dem Kirchenschiff. Dort oben sind die Stimmen der Reiseführer oder eine Messliturgie nur aus der Ferne zu hören, umso lauter dafür das Schürfen und Schaben der Restauratoren. Einer von ihnen lässt über den Lautsprecher seines Mobiltelefons leise Opernarien spielen. Zwanzig italienische Spezialisten, unterstützt von zehn Palästinensern, erwecken die Mosaiken zu neuem Leben. Sie haben in den Kathedralen von Ravenna und Palermo gearbeitet, einige von ihnen auch in der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee. Die Firma Piacenti aus der toskanischen Stadt Prato hat schon den Katharinenpalast bei Sankt Petersburg, die Uffizien in Florenz und chinesische Pagoden restauriert. „Die Geburtskirche ist etwas Besonderes. Jeder Tag bringt eine Überraschung“, sagt Marcello Piacenti, der zur vierten Generation des Familienbetriebs gehört. Zuletzt hatten sie mit den Folgen des Bombenanschlags auf ein russisches Urlauberflugzeug über der Sinai-Halbinsel zu kämpfen: Ein italienischer Fachmann durfte auf einmal die Batterie für ein dringend benötigtes Messgerät nicht mehr mit ins Flugzeug nach Tel Aviv nehmen. Es dauerte eine Weile, bis man im Nahen Osten eine Ersatzbatterie fand. Zuvor lernten die Restauratoren den israelischen Zoll kennen.

          Weshalb glänzen die menschengroßen Engel?

          Bethlehem liegt in den palästinensischen Autonomiegebieten, deren Außengrenzen Israel kontrolliert. Wegen der langwierigen Zollabfertigung brauchten die Container mit den Gerüsten und anderer Ausrüstung für die etwa 100 Kilometer von der israelischen Hafenstadt Aschdod nach Bethlehem fast so lange wie für ihren Seeweg von Italien nach Israel. Aufregender als diese logistischen Herausforderungen ist für die Restauratoren und die Wissenschaftler, was sie Tag für Tag dazulernen. Claudio Alessandri gerät ins Schwärmen, wenn er über die Farben und die Lebendigkeit der Figuren auf den Mosaiken spricht. „Die Engel sind richtig in Bewegung. Hier gelang eine Symbiose römischer, byzantinischer und nahöstlicher bildlicher Traditionen“, sagt der Professor von der Universität Ferrara. Er reist regelmäßig nach Bethlehem, um die Arbeiten wissenschaftlich zu betreuen, für die er zuvor zusammen mit anderen ausländischen Forschern eine Studie angefertigt hatte. Ähnlich international muss es zugegangen sein, als 1169 die Mosaiken entstanden. Wahrscheinlich war es der griechische Künstler Ephraim aus Syrien, der sie entwarf. Der Auftrag stammte von einem byzantinischen Herrscher und einem katholischen Bischof. Ein Palästinenser, der seinen Namen Basilius unter einem der Engel hinterließ, führte sie auf eigenwillige Weise aus. Er imitierte Verzierungen aus dem Felsendom auf dem Jerusalemer Tempelberg, wo die Al-Aqsa-Moschee steht.

          Alessandri und die Restauratoren fanden auch heraus, weshalb die menschengroßen Engel glänzen. Die vergoldeten Mosaiksteine, die sich zum Beispiel in den Heiligenscheinen finden, sind nicht glatt gesetzt, sondern stark nach unten geneigt, so dass sie das Licht ins Kirchenschiff werfen und die Betrachter fast blenden. Für den Pflanzenschmuck verwendeten die Künstler reichlich Perlmutt und kräftigere Farben, als man sie aus italienischen Kirchen kennt. Pilger berichteten, überwältigt von dem üppigen Schmuck, der für Kirchen in der Kreuzfahrerzeit selten war. Er bedeckte das gesamte Längs- und Querschiff oberhalb der Säulen bis zur Holzdecke. Ein Mosaik, das die drei Weisen aus dem Morgenland zeigt, rettete angeblich die Kirche: Als die Perser im Heiligen Land fast alle christlichen Gebäude zerstörten, verschonten sie die Basilika in Bethlehem, weil die abgebildeten Könige persische Tracht trugen.

          Die Kirche hat vielen Kriegen, Bränden und Naturkatastrophen getrotzt. Ihren Vorgängerbau hatte Kaiser Konstantin im Jahr 325 gestiftet. Er wurde zerstört und im sechsten Jahrhundert unter Kaiser Justinian wiedererbaut. Zuletzt belagerte die israelische Armee im Jahr 2002 mehr als einen Monat lang das Gebäude, in dem sich bewaffnete Palästinenser verschanzt hatten. Von den Mosaiken war schon zuvor nur ein trauriger Rest übriggeblieben. Nach dem Beginn der muslimischen Herrschaft über Palästina waren sie bald dem Verfall preisgegeben. Feuchtigkeit drang in die Wände ein, die Steine lockerten sich, ganze Mosaikflächen stürzten herab. Die Restauratoren fanden auch Bleikugeln, die wohl türkische Soldaten auf einige Engelsgesichter abgefeuert hatten; Palästina gehörte bis 1917 zum Osmanischen Reich. Danach regierten die Briten als Mandatsmacht das Heilige Land. Vergeblich machten sie einen ersten Anlauf, die Kirche zu renovieren.

          Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die drei christlichen Hausherren und die palästinensische Autonomiebehörde darauf einigten, die akut vom Verfall bedrohte Kirche zu retten, in der es in der Vergangenheit oft nicht sehr brüderlich zuging: Drei christliche Konfessionen wachen über ihre Rechte und wollen keinen Zentimeter preisgeben. Der Hauptteil und der Geburtsaltar gehören der griechisch-orthodoxen Kirche, der Dreikönigsaltar mit dem Silberstern den Katholiken und das nördliche Querschiff der armenisch-orthodoxen Kirche.

          Neun Tonnen Eisennägel halten die alte Konstruktion zusammen

          Seit 2013 geht die Restaurierung zügig voran. Überlebenswichtig war es zunächst, das Dach abzudichten, durch das Wasser eindrang. Nun ist die dicke Bleidecke wieder intakt, und die Holzbalken darunter sind saniert. Das Eichen- und Lärchenholz stammt aus Norditalien und aus Anatolien. Neun Tonnen Eisennägel halten die alte Konstruktion zusammen, von der die Restauratoren so viel erhielten, wie es nur ging. Beim Abdecken des Daches fand sich unter den Bleiplatten reichlich Lehm und Stroh: Die Dämmschicht verringerte im Sommer die Wärme in der Kirche unter nahöstlicher Sonne. Ein ausgefallener Mörtel und eine besondere Fugentechnik machten die Mauern nachgiebig genug, um den Erdbeben der Region standzuhalten.

          Bis die Prozession der Engel wieder in voller Pracht erstrahlt, wird es nicht mehr lange dauern. Für die Restauratoren gibt es danach aber noch viel zu tun. Sie müssen Mauerrisse füllen, bevor sie dann den bemalten Säulen und den Mosaikboden in Angriff nehmen - wenn das Geld dafür reicht. Die palästinensische Autonomiebehörde, europäische Regierungen, der Vatikan, christliche Kirchen und private Spender sorgten bislang dafür, dass auf der Baustelle nicht Stillstand eintrat. Deutschland half dabei, die östliche Holztür des Kirchenschiffs wiederherzustellen, die mit Schnitzereien und Inschriften aus dem 13. Jahrhundert verziert ist. „Die Gesamtrenovierung kostet 15 Millionen Euro“, sagt Afif Tweme vom Renovierungskomitee. Aber nur für acht Millionen Euro gebe es bislang feste Zusagen.

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