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Atheisten-Messe : Dieses schöne Gefühl der Gemeinschaft

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Ein bisschen wie in der Schule: Bei der Sunday Assembly, hier eine Veranstaltung in Berlin, werden für Gottlose die Rituale eines Gottesdienstes imitiert. Bild: Jens Gyarmaty

Eine Kirche ohne Gott, aber mit Kollekte: Die „Sunday Assembly“ will religionskritischen Menschen eine Gemeinde sein. Doch es regt sich Kritik.

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          Als ihr Freund auf dem Nebenstuhl plötzlich laut „Hey!“ ruft und dabei mit einem Fuß auf den Boden stampft, ist die junge Frau kurz verdutzt. Sie schmunzelt, er auch. Dann wieder: „Hey!“ Vorne im Raum singt ein Chor. Wer den Text nicht kennt, kann trotzdem mitmachen, die Chorleiterin hilft an den entsprechenden Stellen mit Handzeichen: „Hey!“

          Das junge Paar verkörpert, wie zaghaft es zugeht an diesem Sonntagnachmittag in einem angemieteten Raum nahe des Berliner Bahnhof Zoo: Die Besucher sind ein bisschen steif, sie beäugen das Geschehen und ihre Nebenleute zurückhaltend. Könnten schließlich Spinner sein. Klingt ja auch alles ein wenig esoterisch: das Wunder des Lebens feiern.

          Auch die Gastgeber stecken mitten in der Selbstfindung. Es ist erst ihr drittes Treffen, und noch ist unklar, wie sich die Sache entwickeln wird. Die Atmosphäre gleicht der einer Weihnachtsaufführung in der Schulaula oder des Gründungstreffens einer Bürgerinitiative. Dabei sollen die rund sechzig Menschen, die heute gekommen sind, die Basis bilden für eine neue Gemeinde. Einen Namen hat sie schon: Sunday Assembly.

          „Man muss kein guter Christ sein, um hier mitmachen zu dürfen“

          Anna-Lena Salz trägt einen schwarzen Pulli, darunter ein Jeanshemd mit hochgeschlossenem Kragen. Die junge Frau ist ein bisschen aufgeregt, sie gehört zu den Organisatoren der monatlichen Treffen in Berlin. „Ich finde die Idee schön, dass Leute zusammenkommen und sich inspirieren lassen, neue Ideen sammeln und eine kleine, gemütliche Gemeinschaft in der Stadt bilden können“, sagt sie. Auf ihrem runden Gesicht liegt ein uneitles Lächeln. Die Sonntagsversammlung, so steht es auf den ausliegenden Handzetteln, ist eine gottlose Gemeinschaft. Ihr Motto: Besser leben, öfter helfen, mehr staunen.

          Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland war 2013 so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Die Gründe dafür sind zahlreich: Missbrauchsskandale, das Imagedesaster um Franz-Peter Tebartz-van Elst, die Kirchensteuer, antiquierte Geschlechterrollen. Weder die katholische noch die evangelische Kirche gelten als anschlussfähig für den Zeitgeist.

          Da kommt die Sunday Assembly ganz gelegen: Auch hier soll es um Nächstenliebe gehen, aber eben ohne religiöse Doktrin. Die Fotos auf den Websites der Bewegung zeigen junge Menschen, die jubeln, springen, lachen. „Man muss kein guter Christ sein, um hier mitmachen zu dürfen“, sagt Organisatorin Salz. Mehr als sechzig Ableger gibt es inzwischen auf der Welt, darunter in New York, Brüssel und Paris. Deutschland ist seit vergangenem Herbst mit Berlin und Hamburg dabei. Die Grundidee befriedigt ein Bedürfnis nach Verbindlichkeit, nach Gemeinschaft und Zusammenhalt. Nicht zufällig beinhaltet die Liste der Standorte fast ausschließlich Großstädte - häufig ein Symbol für Anonymität und Entfremdung. Orte, an denen Religion oft eine untergeordnete Rolle spielt.

          Popsongs statt Chorälen

          Auf dem Weg zum verbindenden Moment versprüht dieses Treffen allerdings, ganz anders als auf den Werbefotos, den Charme eines Animationsprogramms im Ferienlager. Sue Schwerin von Krosigk, Drehbuchautorin von Mitte fünfzig, ist die Wortführerin der Berliner Versammlung und moderiert durch den Nachmittag.

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