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Im Gespräch: Tilda Swinton : „Es ist sehr gesund zu wissen, wie einsam wir sind“

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„Mein Leben wird einfacher, je älter ich werde” Bild: Julia Zimmermann

Was hat Liebe mit Einsamkeit zu tun? Alles, meint Schauspielerin Tilda Swinton. Ungeschminkte Wahrheiten über Waldorfschulen, Kochen als Liebesdienst und das Glück des Leerlaufs in Gespräch mit Julia Schaaf.

          „I Am Love“, heißt der Film von Tilda Swinton, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. Darin gehe es um das Gegenteil der romantischen Liebe, sagt die schottische Schauspielerin. Es gehe nicht um Einheit, sondern um absolute Ehrlichkeit. Die Akzeptanz der eigenen Einsamkeit hält Swinton für die Grundvoraussetzung von Liebe.

          Frau Swinton, was haben Sie heute gefrühstückt?

          Bestes Bircher-Müsli. Ich kann Ihnen kaum sagen, wie lecker das war. Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich zu spät bin.

          Tilda Swinton entstammt einer alten schottischen Adelsfamilie

          In Ihrem neuen Film "I Am Love" ist Essen eine verführerische Angelegenheit. Sie als Hauptdarstellerin verlieben sich in einen Koch, die Schönheit und der Geschmack seines Essens münden in Sinnlichkeit und Leidenschaft.

          Meine Beziehung zum Essen ist nicht ganz dieselbe. Mir kommt es vor allem auf die Menge an.

          Das überrascht mich.

          Im Film wird Essen zur Metapher für Beziehungen und für Kunst. Der Koch ist ein Künstler, und wie alle großen Köche vermittelt er durch seine Küche eine Form der Kommunikation, die sie so sehr begeistert, dass sie sich für eine Beziehung mit ihm öffnet.

          Kochen Sie selbst gern?

          Sehr. Für Leute zu kochen, die man mag, ist ein Liebesdienst. Ich bin eine eher rustikale Köchin. Immer, wenn ich nach Hause komme, bitten meine Kinder mich um dieselben Gerichte: Fisch-Pastete. Einen vegetarischen Eintopf. Streuselkuchen mit Obst. Oder so eine Gebratene-Karotten-Spezial-Geschichte, die ich erfunden habe. Aber genauso wichtig wie das Essen ist die Tatsache, dass ich für sie koche. Mit Liebe kochen ist eine kommunikative Angelegenheit.

          Bei Fisch-Pastete muss ich an Ihre Filmfigur Emma denken, eine Russin, die in eine Mailänder Industriellenfamilie eingeheiratet hat und immer, wenn sie Heimweh hat, traditionelle Fisch-Suppe kocht. Ist das Zufall - oder steht sie Ihnen besonders nah?

          Nicht als Figur. Ihre Geschichte ist meiner sehr unähnlich. Aber in mancherlei Hinsicht verhält sie sich so, wie ich das auch tun würde. Sie sieht sich als Fremde in einem Umfeld, von dem sie sich ausgeschlossen fühlt. Und sie reagiert wie ich: Ich habe in solchen Situationen die Tendenz, sehr still zu werden. Ich mag das. Es ist eine vertraute Erfahrung für mich, stumm am Tisch zu sitzen, während alle anderen sehr mit etwas beschäftigt sind, das nichts mit mir zu tun hat: „zoning out“.

          Was ist das?

          Auf Leerlauf schalten. Sich aus der Situation herausnehmen. Mit den Gedanken abschweifen. Das habe ich oft getan, schon als kleines Kind.

          Zu Hause? Auf dem Internat? Beim Studium in Cambridge?

          Zu Hause. Im Internat. Weniger in Cambridge. In kommunikativer Hinsicht bin ich in Cambridge mutiger geworden.

          Warum haben Sie sich zu Hause und in der Schule fremd gefühlt?

          Ich war das einzige Mädchen in einem Haus voller Jungs. Aber ich empfinde dieses "zoning out" als Ressource, als Moment der Stärke - und das habe ich bei uns am Familientisch gelernt.

          Ihr Film behandelt ein nahezu klassisches Thema: die Kraft der Liebe im Konflikt mit den Zwängen von Konvention, Status und gesellschaftlichen Erwartungen. Ist das noch zeitgemäß?

          Warum nicht?

          Das Ideal der wahren Liebe begegnet uns überall. Wir sind doch alle irgendwie angehalten, nach wahrer Liebe und Leidenschaft zu suchen und den einen richtigen Partner zu finden. Sobald dann die Routine einkehrt oder irgendetwas dem Ideal zuwiderläuft, trennen sich die Leute. Und die Scheidungsraten gehen hoch.

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