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Im Gespräch: Reinhold Messner : „Robert Scott hat sein Sterben inszeniert“

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Der Südpol ist an der norwegischen Flagge zu erkennen: Als Robert Scott (links) und seine Männer am 18. Januar 1912 endlich ankommen, finden sie Roald Amundsens Zelt und andere Hinterlassenschaften der Norweger. Bild: dapd

An diesem Mittwoch jährt sich das schreckliche Scheitern des Polarforschers Robert Scott zum hundertsten Mal: Er erreichte den Südpol nur als Zweiter und starb. Doch „Scotts Story ist besser als Amundsens Sieg“, sagt Reinhold Messner im F.A.Z.-Interview.

          Herr Messner, vor 100 Jahren erreichte Robert Falcon Scott den Südpol - als Zweiter, mehr als vier Wochen nach dem Norweger Roald Amundsen. Den Wettlauf hatte er verloren. Hatte Scott überhaupt eine Chance gegen Amundsen?

          Ich würde sofort sagen: nein! Mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und seiner Ausrüstung hatte er keine Chance, schneller als Amundsen zu sein. Aber das wollte er auch nicht unbedingt, selbst wenn er ein wenig zu dem Norweger geschielt haben mag. Scott wollte Ernest Shackleton schlagen. Er brach auf, nachdem sich Shackleton aus dem antarktischen Raum zurückgezogen hatte. Shackleton war 1909 fast am Pol gewesen und wurde danach in England zum Helden. Dass auch Amundsen zum Südpol fuhr, wusste Scott zunächst nicht.

          Scott nahm Shackletons Route zum Pol, Amundsen betrat Neuland und versuchte sich an einer gut 100 Kilometer kürzeren Strecke. War das ein Vorteil?

          Ja. Amundsen war radikal: Er wählte die kürzeste Strecke, er wählte ein einziges Transportmittel, Hunde, die zudem, wenn sie nicht mehr eingesetzt werden konnten, als Futter für die anderen Hunde dienten. Er wählte einen geraden Weg, um seine exakt markierten Depots auf dem Rückweg leichter finden zu können. Scott hingegen ging geradezu dilettantisch vor: Er mischte alle damals verfügbaren Transportmittel, Hunde, Ponys, Motorschlitten; die Engländer waren schlechte Skifahrer und zogen den Schlitten zuletzt selbst - mörderisch.

          Bilderstrecke

          Der Einsatz von Ponys und Motorschlitten wird als Scotts größter Fehler angesehen. Beide waren dort untauglich.

          Scott traf mehrere Fehlentscheidungen: Die Transportmittel zu mischen und die Ausrüstung zuvor nicht zu prüfen waren Fehler. Dafür hätte er einen ganzen Winter in der Antarktis Zeit gehabt. Amundsen hingegen nutzte die Monate vor seiner Expedition für Korrekturen. Der Norweger hatte erfahrene Männer im Team, etwa Hjalmar Johansen, der sich mit Schlitten und Kleidung besser auskannte als Amundsen. Scotts allergrößter Fehler war wohl, am 88./89. Breitengrad weiterzugehen, obwohl jeder Polfahrer wissen musste, dass der Rückmarsch im Winter tödlich enden musste.

          War das wirklich unausweichlich?

          Shackleton drehte 1909 knapp vor dem Pol um, weil er Angst hatte, beim Rückmarsch in den Winter hineinzukommen. Mit seiner Logistik hätte er keinen weiteren Winter in der Antarktis bleiben können. Deshalb musste er mit seinen Männern Ende Februar zurück sein, damit ihn sein Schiff, die „Nimrod“, rechtzeitig Anfang März aufnehmen konnte. Scotts Mannschaft hatte zwar genügend Ausrüstung an Bord, um einen Winter bleiben zu können, aber die fünf Pol-Leute hatten am Ende keine Energie mehr. Scott hat den Rückmarsch viel zu lange hinausgezögert, weil im Hinterkopf der Konkurrent Shackleton saß. Auf ihn hatte er alles ausgerichtet. Scott musste bis zum Pol, den Shackleton knapp verfehlt hatte. Er hat seine Männer immer weiter getrieben. Das ist letztlich das nicht Verzeihliche: seine vier Kameraden in den sicheren Tod mitgenommen zu haben.

          Scott war schon früher mit Shackleton in der Antarktis. Dabei soll er Shackletons Führungsqualitäten und seine Beliebtheit bei den anderen Expeditionsteilnehmern als Bedrohung seiner Autorität als Expeditionsleiter empfunden haben. Konnte Scott nicht führen, war er nicht beliebt bei seinen Männern?

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