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Im Gespräch: Götz George : „Ich bin jetzt ein freier Mensch“

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„Du musst verletzt werden im Leben, sonst kannst du nicht spielen“: Götz George (74) Bild: Fricke, Helmut

Fürs Fernsehen spielt Götz George seinen Vater Heinrich, den großen Schauspieler. Ein Gespräch über den „Alten“ und die Nazis, die Mutter und ihre Sorge um den Sohn, über Frauen, Popularität und Glück.

          10 Min.

          Herr George, Sie haben gerade Ihren Vater gespielt, den bedeutenden Schauspieler, den Sie 1946 mit sieben Jahren zum letzten Mal sahen, in einem sowjetischen Speziallager; kurz darauf starb er in der Gefangenschaft. Wie war das für Sie jetzt, in den Kulissen Ihres eigenen Lebens herumzulaufen?

          Da darf man nichts an sich heranlassen. Das ist wie eine ganz normale Produktion, sonst wird es fürchterlich sentimental. Du liest das Drehbuch, du befindest es für gut, dann musst du es über die Bühne bringen.

          Wir haben vor 15 Jahren schon mal miteinander geredet, zu Ihrem 60. Geburtstag. Wenn man mich damals gefragt hätte, ob Sie jemals Ihren Vater spielen würden, über den Sie mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Heiligenverehrung sprachen, hätte ich gesagt: Das macht er nie.

          Ich habe es immer abgelehnt, diesen Stoff zu machen, weil ich meinte, das genügt diesem phänomenalen, großen Menschen George nicht, diese fiktiven Geschichten. Das ging viele Jahre so.

          Was hat sich geändert, dass Sie ihn doch gespielt haben?

          Einmal war ich damals jünger. Jetzt geht’s ja dem Ende zu, da sagt man sich: Was willst du mehr? Jedes Interview ist zu viel, jeder Film ist zu viel. Du musst ja nicht mehr Karriere machen. Aber vielleicht würde Vater sich freuen über das Ergebnis?

          So einfach ging das?

          Was noch dazukommt: Der Regisseur Joachim Lang hat einen Großteil seiner Zeit in diesen Stoff investiert und recherchiert und daran geglaubt. Und dann kommt mein Bruder auch noch und sagt: Das ist doch prima, mach doch mal.

          Sie meinen Ihren älteren Bruder Jan. Aber Ihre innere Bereitschaft musste dazukommen?

          Die kam spät. Irgendwann hast du dann keine Lust mehr, zu widersprechen. Du willst kein Spielverderber sein.

          Waren die Dreharbeiten für Sie noch mal eine Reise in die Erinnerung?

          Nein. Was ich gespielt habe, kenne ich ja nicht; da war ich noch nicht geboren.

          Oder Sie waren zu klein. Sie waren sieben Jahre alt 1946, als Ihr Vater im sowjetischen Lager Sachsenhausen starb, von der Haft geschwächt; der sowjetische Geheimdienst NKWD hatte ihn verhaftet und verurteilt.

          Im Grunde war Heinrich George für mich ein Phantom. In der Zeit, in der ich ihn als kleiner Junge noch erlebt habe, arbeitete er permanent. Ich habe ihn erst inhaliert und richtig für mich in Anspruch genommen nach seinem Tod, durch die Erzählungen meiner Mutter und seiner Kollegen und Freunde und durch seine Filme. Und ich wollte ja einen Vater haben, als ich älter wurde. Die Erzählungen waren so gewaltig und so fulminant, und meine Mutter hing so an diesem Mann und hat ihn so geliebt und hat so um ihn gekämpft. Sie hat mir alles erzählt über ihn. Sie wollte das auch loswerden, das war wie eine Therapie für sie. Sie hatte einen kleinen Sohn, der immer fragte: Wie war er denn?

          Der Vater war der Leitstern, aber „die Mutter war die Lotsin“: Götz, zirka fünf, mit Heinrich George und Berta Drews 1943

          Wurde er durch die Tatsache, dass er gestorben war und nun durch Erzählungen zu Ihnen kam, nicht auch zu groß?

          Privat war er kein Übervater für mich. Durch seine Filme und die Erzählungen der Kollegen des Vaters fand ich bestätigt, wie die Mutter ihn, die Künstlerpersönlichkeit, immer beschrieben hatte: großzügig, gewaltig, nicht erreichbar. Anders als Rühmann, Moser oder Lingen, die alle eine einzige Gangart spielten, konntest du George nicht fassen. Im „Postmeister“ war er ein ganz anderer als in „Der große Schatten“. Für mich war diese unendliche Verwandlungsfreude faszinierend: diese komödiantische Freude, Menschen kraft der inneren Phantasie immer anders zu erschaffen. Das hat mich angespornt.

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