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Idris Elba im Interview : „Ich bin 46 und lebe den Traum eines Teenagers“

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Autoliebhaber, Regisseur, Schauspieler, DJ: Idris Elber legt sich nicht nur auf einen Metier fest. Bild: AP

Schauspieler Idris Elba über den Mini Cooper, den er sich mit 14 kaufte, Sucht und Angst, seinen Job als DJ bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle – sowie über die Gerüchte, er werde der nächste James Bond.

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          Bekannt wurde der britische Schauspieler mit seiner Rolle als John Luther in der BBC-Serie „Luther“. Es folgten Rollen in Blockbustern wie „Thor“, „The Avengers“ oder „Star Trek“. 2013 spielte er sogar den südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela. Nebenbei ist Elba noch DJ, Musiker, Produzent, Regisseur sowie bekennender Autonarr. Deswegen ist es eigentlich nur die logische Konsequenz, dass er jetzt den Schurken im neuesten Teil der „Fast & Furious“-Reihe spielt. Denn da dreht sich traditionell alles um getunte Wagen.

          Elba gilt als unkompliziert und cool, hat für das Interview dann aber doch einen Sonderwunsch, der allerdings auch sehr lässig ist. Er möchte an diesem heißen Kölner Sommertag im Freien sitzen. Und so treffen wir uns in einem Beach Club am südlichen Rheinufer. Die Füße im Sand, vor uns ein Beistelltisch mit Cashewkernen, Fruchtgummis und einem Metalleimer, in dem mit reichlich Eiswürfeln gekühltes mexikanisches Bier lagert. Trotz der Hitze möchte sich der Brite aber nicht von seiner leuchtend roten Wollmütze trennen: „Es ist meine Lieblings-Beanie, die habe ich immer dabei.“

          Ihr Vater hat in Dagenham bei der Ford Motor Company gearbeitet. Ist Ihre Auto-Leidenschaft eine Konsequenz frühkindlicher Prägung?

          Mein Vater liebte Autos. So viel steht fest. Er hat in der Karosseriewerkstatt gearbeitet und Autos zusammengebaut. Er war kein Testfahrer oder so etwas in der Art. Er war dafür verantwortlich, ein Teil an die Karosserie zu bauen.

          Wissen Sie, welches Teil das war?

          Natürlich. Das war der Kotflügel. Er hat immer Autos gesammelt, das gehört zu meinen frühesten Erinnerungen. Zeitweilig hatte er bis zu drei Wagen. Er hat sie gerne aufgemotzt, indem er spezielle Lenkräder einbaute, Teppiche oder neue Stereoanlagen. Er war ständig in seinem Auto und bastelte herum.

          Ihre Passion ist also doch ein genetischer Defekt?

          Mit Sicherheit. Ich habe mit meinem Vater viel Zeit in Autos verbracht. Und ich erinnere mich noch genau an den speziellen Geruch der Innenräume. Ich habe es geliebt. Später habe ich dann selbst zwei Jahre bei Ford gearbeitet.

          Was war Ihr Job?

          Ich habe in der Nachtschicht gearbeitet. Ich war Schweißer und habe Teile der Verkleidung verschweißt. Das war großartig. Zuzusehen, wie so ein Auto zusammengebaut wird und wie es dann glänzend vom Band läuft. Atemberaubend! Was für ein Kunstwerk. Unglaublich.

          Wann hatten Sie Ihr erstes eigenes Auto?

          Ich habe mir mit 14 Jahren einen Mini Cooper gekauft.

          Wie kauft man als 14-Jähriger einen Mini?

          Ich hatte eine Anzeige in „Loot“ gesehen. Das ist so ein Gratis-Anzeigen-Magazin. Ein Typ wollte den Wagen für fünfzig Pfund verkaufen. Da habe ich zugeschlagen. Das Geld hatte ich mir mit meinem Job als Reifenmechaniker-Gehilfe verdient und gespart. Ich sah älter aus, als ich war. Deswegen wurden keine Fragen gestellt, und der Wagen gehörte mir. Meinen Eltern habe ich davon natürlich nichts erzählt.

          Wie lange kann man ein eigenes Auto als Teenager geheim halten?

          Bis ich einen Unfall hatte. Ich bin in den Wagen unseres Nachbarn gekracht. Das gab einen Höllenärger. Glücklicherweise war die Polizei nicht involviert. Das wurde unter Nachbarn geklärt. Ich bin noch lange ohne Führerschein gefahren.

          Wann haben Sie Ihren Führerschein gemacht?

          Mit 19 Jahren, glaube ich. Ich habe auch beim ersten Mal bestanden. Aber es war nicht einfach. Denn ich musste mir für die Prüfung mein sportliches Fahrverhalten und meine schlechten Angewohnheiten abgewöhnen.

          Sind Autos für Sie eine Philosophie?

          Für mich sind Autos eine Lebensart. Kennen Sie das schöne Gefühl, wenn man in eine Bibliothek geht? Das hat etwas ungemein Beruhigendes. Du bist gezwungen, still zu sein, und damit auch gezwungen, dich ganz auf deine Gedanken zu konzentrieren. Bibliotheken sind so konzipiert, damit du dich ohne Ablenkung mit deinem Buch beschäftigen kannst. Das ist ein Raum, in dem ich denken kann oder träumen. Genauso fühlt es sich in meinem Auto an, wenn ich die Tür hinter mir schließe. Das ist mein Freiraum, den ich ganz für mich allein habe. Ich bestimme, welche Musik ich höre und wie laut. Das ist immer wieder eine ganz kostbare Erfahrung für mich. Außerdem liebe ich den physischen Aspekt. Ich werde eine Einheit mit diesem faszinierenden Kraftpaket. Es ist, als ob wie durch ein Wunder meine Beine wachsen und ich so schnell laufen kann, wie ich will. Das ist sehr befreiend. Ein großer Teil meines Lebens findet im Auto statt.

          Was machen Sie da genau, außer zu fahren?

          Ich gebe zum Beispiel Telefoninterviews. Ich setze mich ins Auto und lasse mich anrufen. Es fühlt sich privat an. Eine Schutzzone. Manchmal parke ich auch irgendwo und sehe mir einen Film an. Ich habe eine tolle Anlage und einen relativ großen Bildschirm. Ich habe zeitweilig sogar in einem Auto gelebt.

          Wie ist es dazu gekommen?

          Das war in New York. Meine Beziehung ging damals in die Brüche, und wir hatten zusammen in einem Apartment gelebt. Ich fand, es war das Beste auszuziehen. Es ging einfach nicht mehr. Und so bin ich dann in meinen Transporter eingezogen. Ich hatte kein Geld, keine anderen Optionen, und der Transporter war relativ groß. Das war eine harte Zeit. Trotzdem war es besser, im Auto zu schlafen als in dieser gemeinsamen Wohnung.

          Was ist wichtig, wenn man in einen Transporter lebt?

          Du musst einen Parkplatz finden, den die Polizisten nicht im Blick haben. Und du musst für deine Sicherheit sorgen, die Türen immer verschließen. Geduscht habe ich bei Freunden oder in der alten Wohnung, wenn meine Ex-Partnerin nicht da war. Mein Leben war zu dieser Zeit sehr komplex. Meine Welt brach auseinander, ich fühlte mich verloren und trotzdem irgendwie gut.

          Haben Sie jemals Liebe im Auto gemacht?

          Das ist wahrscheinlich eines der wenigen Dinge, die ich noch nie im Auto gemacht habe. Ich bin ein Mann, der Liebe am liebsten im Bett macht.

          Idris Elba als CIA-Agent Sean Briar 2016 in „Bastille Day“.

          Sie geben offen zu, süchtig nach Geschwindigkeit zu sein. 2015 haben Sie in einem Bentley Continental GT einen Geschwindigkeitsrekord mit dem Titel „Flying Mile“ gebrochen. Wie lange macht das einen Süchtigen glücklich?

          Zehn Minuten? Nein, ich bin immer noch sehr stolz darauf. Soweit ich weiß, halte ich den Rekord immer noch. Ich habe gerade für eine neue Fernsehserie mit dem sehr renommierten Stunt-Fahrer Ken Block gearbeitet. Die Serie heißt „Elba vs. Block“. Wir fordern uns gegenseitig zu wilden Fahrmanövern heraus. Aber er hat keinen Rekord gebrochen. Das ist etwas Besonderes und fühlt sich gut an. Das ist für mich ein Erfolg.

          Wie süchtig sind Sie?

          Die Sucht nach Speed ist eine ganz spezielle. Denn ich erlebe diesen Moment der Höchstgeschwindigkeit – und schalte dann wieder runter. Dann wird es wieder ganz ruhig. Es fühlt sich wie die ultimative Kontrolle an. Deswegen macht es auch so einen Spaß, auf deutschen Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung zu fahren. Ich habe mal einen Film in Mannheim gedreht und bin in meiner Freizeit oft auf die Autobahn gefahren. Auf einer Rallye sind wir einmal auch durch Deutschland gefahren. Aber da sind unsere Autos beschlagnahmt worden, weil wir offenbar verkehrswidrig gefahren sind.

          Sie sind außerdem Kickboxer, Produzent, Regisseur, Musiker. Haben all diese Nebenschauplätze etwas gemeinsam?

          Letztendlich geht es darum, mich meinen Ängsten zu stellen.

          Wann haben Sie diese Lebensstrategie entwickelt?

          Die menschliche Spezies lernt ja in erster Linie durch Angst. Das ist unsere Motivation, programmiert unsere Gehirne. Am Ende geht es immer darum: Macht es mir Angst oder nicht? Wir suchen sogar Freunde und Lebenspartner nach diesem Muster aus. Wie sehr machen diese Menschen mir Angst? Angst regiert einen großen Teil unseres Lebens. Vielleicht haben Sie sogar Angst davor, dass Ihre Frau sie nicht mehr mag, wenn Sie keinen Bart tragen. Indem ich mich meinen Ängsten aussetze, habe ich ein besser ausbalanciertes Leben. Ich will meine Entscheidung nicht aus Angst vor dem Unbekannten treffen, sondern Dinge ausprobieren.

          Wie viel Angst haben Sie vor der Kamera?

          Ständig. Ich mache andauernd Dinge zum ersten Mal. Da ist immer die Möglichkeit zu scheitern. Aber am Ende wird diese Angst meistens belohnt, weil ich etwas geschafft habe. Wissen Sie, ich bin als Einzelkind aufgewachsen und war häufig allein. Nachts hatte ich oft Angst, auch wenn es nur ein Schatten war. Und da war kein Bruder, der mich beschützen konnte. Irgendwann habe ich begriffen, ich muss mich den Schatten allein stellen.

          Welche Angst wollen Sie als Nächstes in Angriff nehmen?

          Die meisten großen Ängste habe ich abgearbeitet, glaube ich. Darüber zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf. Meine einzige Angst im Moment ist die, kein glückliches Leben zu haben. Und ich arbeite ständig daran, glücklich zu sein.

          Wie definieren Sie glücklich?

          Glück ist für mich damit verbunden, wahrhaftig und aufrichtig zu sein. Glück bedeutet, die Wahrheit zu sagen. Unglück ist, etwas vorzugeben, was du nicht bist, oder Dinge zu tun, die du nicht willst. Du lebst in einer falschen Beziehung, hast den falschen Job, das falsche Auto. Das ist kein glückliches Leben. Ich bin jetzt 46 Jahre alt. Glauben Sie mir, ich habe viel erlebt und weiß, was mich glücklich macht. Ich war auch unglücklich, aber ich habe daraus gelernt und bin immer noch da. Das vollkommene Glück habe ich auch noch nicht gefunden. Aber ich arbeite daran.

          Eine Ihrer weiteren Fähigkeiten ist Ihr Nebenjob als DJ. Sie hatten in den vergangenen Monaten zwei herausragende Engagements. Sie haben auf dem legendären Coachella Festival und auf der königlichen Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle aufgelegt. Vor welchem Termin hatten Sie größere Angst?

          (Überlegt) Coachella hat mich nervöser gemacht. Die Hochzeit war ein schöner Termin, den ich für Freunde gemacht habe. Wir hatten eine gute Zeit. Coachella war mein erster Gig in den Vereinigten Staaten und dann auch noch auf diesem riesigen Festival. In England kennt man mich als DJ. Die Amerikaner hatten noch nie davon gehört. Dabei lege ich schon mein Leben lang auf.

          Wie wird man DJ auf einer königlichen Hochzeit?

          Ich bin mit Harry befreundet. Ich war an einer wohltätigen Aktion der „Invictus Games Foundation“ beteiligt.

          Die veranstaltet die „Invictus Games“, eine paralympische Sportveranstaltung für kriegsversehrte Soldaten, die auf eine Initiative von Prinz Harry zurückgeht.

          Ja, da haben wir uns getroffen, ich habe dort eine Rede gehalten. Und dann hat er mich irgendwann gefragt, ob ich auf seiner Hochzeit auflegen will. Das lief ganz locker. Und ich glaube, alle haben sich gut amüsiert.

          Sie haben gerade einen richtigen Hit. „Boasty“ wurde allein auf Youtube mehr als 62 Millionen Mal aufgerufen. Macht Sie das glücklich?

          So oft? Wahnsinn. Damit ist für mich ein lebenslanger Traum in Erfüllung gegangen. Wir werden jetzt sogar in Glastonbury auf dem Festival auftreten. Ich kann es immer noch nicht glauben. Als ich den Song das erste Mal im Radio gehört habe, bin ich fast durchgedreht. Ich wollte allen sagen: Das bin ich! Es ist ein bisschen so, als ob ich mit 46 Jahren den Traum eines Teenagers lebe.

          Sie sind immer wieder als neuer Bond im Gespräch. Wäre das auch so ein Traum?

          Ich werde immer wieder darauf angesprochen. Und es ist mir vor allen anderen Dingen etwas peinlich. Denn es gab ja noch nicht einmal ein Angebot. Es ist nur eines dieser verrückten Gerüchte. Also haltet den Ball mal flach. Aber sicherlich ist dieses Gerücht auch ein Kompliment.

          Sie engagieren sich auch in Afrika. Wann haben Sie angefangen, sich für ihre Wurzeln zu interessieren?

          Meine Eltern stammen aus Westafrika, und ich bin in einem westafrikanischen Haushalt aufgewachsen. Deswegen ist die Verbindung zu meinen Wurzeln und meinem Erbe nie abgerissen, auch nicht als Teenager, wenn man sich neu erfinden will. Es liegt bestimmt auch daran, dass meine Eltern ihre Traditionen gepflegt haben. Und später habe ich dann begriffen, dass meine Prominenz auch ein Licht auf den Teil der Welt werfen kann, aus dem ich stamme. Deswegen will ich ein Repräsentant dieses Kontinents sein.

          Migration ist das große Thema des 21. Jahrhunderts. Und einige Theoretiker glauben, der Kontinent blutet aus, weil junge engagierte Menschen und die Bildungselite ihre Länder verlassen. Was halten Sie davon?

          Da bin ich ganz anderer Meinung. Ich glaube, die jüngeren Generationen, wie meine, die immer noch Verbindungen nach Hause hat, sehen gerade neue Möglichkeiten in Afrika. Viele wollen zurückgehen, um dort zu leben. Afrika hat Metropolen, die so modern sind wie jede andere moderne Metropole der Welt. Viele nehmen jetzt ihr Wissen und ihr Erspartes mit, um in Afrika etwas aufzubauen, Firmen zu gründen. Denn sie haben dort Chancen, die ihnen hier verschlossen bleiben. Ich sehe das sogar als einen Trend.

          Zur Person

          Geboren als Idrissa Akuna „Idris“ Elba 1972 als Sohn afrikanischer Einwanderer aus Sierra Leone und Ghana im Londoner Stadtteil Hackney.

          Assistiert seinem DJ-Onkel auf Hochzeiten, arbeitet seit Mitte der Achtziger selbst als Discjockey.

          Erste Rollen in verschiedenen Serien, darunter „The Wire“ (HBO) und (dem Krimi) „Luther“ (BBC).

          Seit 2006 immer öfter im britischen Kino, dann auch in Hollywood: „Prometheus“, „Mandela“, „Bastille Day“, „Star Trek Beyond“, „Molly’s Game“, „Zwischen zwei Leben“.

          Aktueller Film: „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“, läuft Donnerstag an.

          Von der Queen 2016 zum Ritter geschlagen.

          Lebt in dritter Ehe in New York; aus früheren Beziehungen eine Tochter und einen Sohn.

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