https://www.faz.net/-gum-7vu9b

25 Jahre nach dem Mauerfall : „Ich habe den Herbst ’89 noch im Körper“

  • Aktualisiert am

Bild: ARD

Drehbuchautorin Heide Schwochow und ihr Sohn, Regisseur Christian Schwochow, haben gemeinsam den Film „Bornholmer Straße“ gemacht. Ein Gespräch über das Leben als Ostler im Westen und Risse in Biographien.

          6 Min.

          Er wird gelegentlich als DDR-Korrespondent des deutschen Films bezeichnet („Der Turm“), sie hat mit ihm die Drehbücher für „Novemberkind“ und „Westen“ geschrieben: Mutter und Sohn, 61 und 36 Jahre alt. Jetzt folgt das Gemeinschaftsprojekt „Bornholmer Straße“, das am 5. November um 20.15 Uhr im Ersten gesendet wird und auf tragikomische Weise erzählt, wie vor 25 Jahren in der Nacht vom 9. November in Berlin der erste Grenzübergang geöffnet wurde. Diesen Moment haben die Schwochows damals nur knapp verpasst. Einen Monat später zogen sie in den Westen. Ein Treffen in einem Café unweit der historischen Brücke, um eine deutsch-deutsche Bilanz zu ziehen. Heide Schwochow, in der DDR Regieassistentin beim staatlichen Rundfunk, wohnt heute wieder ganz in der Nähe. Christian Schwochow ist aus Irland eingeflogen, wo er gerade Ken Follett verfilmt.

          Frau Schwochow, wie war das, als Sie in der Nacht vom 9. November 1989 plötzlich auf der Bornholmer Brücke standen?

          HEIDE SCHWOCHOW: Daran habe ich komischerweise gar nicht so die Erinnerung. Wir waren bei einem Geburtstag hier um die Ecke, und als wir sahen, dass ganz viele Menschen Richtung Grenze strömten, wollten wir gucken, was da los ist. Ich habe die Erinnerung an diesen Menschenfluss. Wir gehen und kommen an die Grenze, die Grenze ist schon offen, und ich fließe über die Grenze.

          Ist das einer der prägenden Momente Ihres Lebens?

          HEIDE: Nein. Viel prägender waren die Oktobertage 1989, die Christian auch erlebt hat. Als wir aus dem Fürbittengottesdienst in der Gethsemanekirche kamen, und da stand eine Polizeikette. Der 9. Oktober, als wir erfahren haben, dass nicht geschossen wird in Leipzig. Das war mit Verzweiflung verbunden, mit Angst. Das war existentiell. Weil wir dachten, es könnte passieren, was in China auf dem Platz des Himmlischen Friedens passiert war. In dieser Zeit war die ganze Familie in ständiger Erregung.

          CHRISTIAN SCHWOCHOW: Die ganze Stadt. Das ganze Land.

          Herbst 2014: Christian Schwochow und seine Mutter Heide Schwochow auf der Bornholmer Brücke in Berlin
          Herbst 2014: Christian Schwochow und seine Mutter Heide Schwochow auf der Bornholmer Brücke in Berlin : Bild: Pein, Andreas

          Herr Schwochow, Sie sind, elf Jahre alt, am 9. November ganz normal ins Bett gegangen. Und morgens?

          CHRISTIAN: Meine Eltern haben mich geweckt und gesagt: „Wir waren im Westen.“ Und ich habe gesagt: „Ist ja fies. Ich will auch.“ Ich weiß noch: Man ging über die Bornholmer rüber, und alles war voller Ostdeutscher. Vom Westen hat man gar nichts gesehen, weil man nur Ostler sah.

          Haben Sie damals kapiert, was gerade passierte?

          CHRISTIAN: Vielleicht nicht in den politischen Details. Aber meine Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt, und jeden Tag, jeden Abend wurde über diese Dinge gesprochen. Meine Eltern waren Mitte Dreißig, bei uns zu Hause waren immer junge Menschen, die zusammen Theater gemacht, sich auseinandergesetzt und den Zustand des Landes diskutiert haben. Wir wohnten an der Schönhauser Allee: Die Demonstrationen mit den Treibjagden, das haben wir alles gesehen. Ich war mit in der Kirche. Wir haben sehr viel mitbekommen. Wir sind in diesem Herbst keine Kinder gewesen.

          Eine Ironie der Geschichte ist, dass Ihr Ausreiseantrag ausgerechnet am 9. November bewilligt wurde. Einen Monat später sind Sie nach Hannover gezogen. Wie fanden Sie den Westen?

          CHRISTIAN: Ich bin fast durchgedreht, als ich die ersten Konfrontationen mit meiner Klassenlehrerin hatte. Von Hannover bis zum Grenzübergang Helmstedt sind es 100 Kilometer, das ist dicht dran. Aber für diese Frau war das irrsinnig weit weg. Die hat das nicht interessiert. Ich war der erste Ostler an der Schule. Und sie hat sehr schlechte Bilder entworfen, um der Klasse zu erklären, wo ich herkam.

          Was hat sie gesagt?

          Weitere Themen

          Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Regisseurin Zhao im Interview : Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Wird Chloé Zhao die erste Asiatin die einen Oscar für die beste Regie bekommt? Ihr Film „Nomadland“ ist eine Ode an den Überfluss der Natur und die Würde des Einfachen und gilt schon jetzt als großer Favorit für die kommende Preisverleihung. Ein Interview.

          Topmeldungen

          Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

          Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

          In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.