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25 Jahre nach dem Mauerfall : „Ich habe den Herbst ’89 noch im Körper“

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CHRISTIAN: Wir werden nicht erben. Ich werde vielleicht Glück haben, weil meine Mutter jetzt eine sehr erfolgreiche Drehbuchautorin ist. Aber im Westen ist Besitz selbstverständlicher. Ostler in meinem Alter sind nicht mit der Gewissheit durchs Studium gegangen, dass Geld zu Hause da ist. Daraus entsteht eine andere Art, wie man sein Leben aufstellt und über Risikobereitschaft nachdenkt. Dazu kommt die Erfahrung, sich immer wieder neu zu erfinden. Da sind wir Ostler mit einem anderen Grundvertrauen in uns selbst ausgestattet.

Trotz der Jugend im Westen sagen Sie: wir Ostler?

CHRISTIAN: Ganz klar.

Frau Schwochow, wie ist das in Ihrer Generation?

HEIDE: Ich merke es besonders in Gesprächen: worüber man lachen kann, die Untertexte von Gesprächen, wie man Dinge bewertet.

CHRISTIAN: Ich finde Verallgemeinerungen schwierig, deshalb rede ich lieber nur von mir. Aber ich glaube, ich reflektiere mein Angepasstsein stärker, weil ich den Herbst ’89 noch im Körper habe.

Wie meinen Sie das?

CHRISTIAN: Wir haben jetzt alle Kinder, und wenn man in so einer Kinderrunde zusammen ist, ganz egal, Ost oder West, habe ich manchmal das Bedürfnis zu sagen: Merkt ihr eigentlich, dass wir seit einer Stunde nur über Kinder und Wohnungspläne reden? Als gäbe es nichts anderes auf der Welt? So schön es auch ist, eine Familie zu haben - manchmal denke ich: Wir sind ein bisschen klein geworden in unserem Denken.

Aber das geht doch allen jungen Eltern so.

CHRISTIAN: Ja. Aber Ostlern fällt es eher auf.

Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner Rede zum Wende-Jubiläum gesagt: „Die Nation wächst zusammen, die Einheit gelingt.“ Was sagen Sie?

CHRISTIAN: Da hat er recht. Aber es wird noch einen Moment dauern.

HEIDE: Das sind so Satzblasen von der Kanzel. Warum soll es nicht unterschiedliche Identitäten und Mentalitäten geben? In einem Volk?

CHRISTIAN: Wenn jemand ’89 in einem bestimmten Alter war, hat die Biographie einen Riss erfahren. Das verschwindet ja nicht.

Wissen wir genug voneinander?

CHRISTIAN: Nein. Es passiert mir heute noch, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, dass ich etwas erzähle, und jemand sagt: „Das habe ich alles nicht gewusst.“ Da bin ich manchmal überrascht. Es gibt einen bestimmten Konsens, wie die DDR gewesen ist. Aber es gibt auch ganz andere Erlebnisse und Empfindungen. Das macht es so kompliziert. Aber die Neugierde auf neue Bilder vom Leben in der DDR ist nicht besonders groß.

Ich finde es als Westlerin aber auch bis heute schwierig nachzufragen. Als hätte das etwas Inquisitorisches: Warst du jetzt bei den Guten oder bei den Bösen?

HEIDE: Der Fehler ist, dass man das Leben der Leute immer in diesen Systemzusammenhang stellt. Aber der Alltag ist oftmals viel kleiner. Daher kommt dieser Schutzmechanismus, dass die Leute sich einigeln. Viele Ostdeutsche haben noch immer Angst, dass sie angegriffen werden, dass ihre Lebensleistung von außen bewertet wird, nur weil sie in diesem System gelebt haben. Ein gutes Beispiel ist die Gretchenfrage: War die DDR nun ein Unrechtsstaat oder nicht? Daraus ist eine Gesinnungsfrage geworden, auf die keine differenzierte Antwort erwartet wird, sondern nur: Ja oder Nein. Das dürfte 25 Jahre nach dem Mauerfall eigentlich nicht passieren. Weil es wieder heißt: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. So kommt man nicht in die Tiefe.

Es braucht einen anderen Blick auf die DDR?

HEIDE: Das ist ja das, was wir in unseren Filmen versuchen: Perspektiven aufzumachen, sowohl von einzelnen Figuren, aber auch Perspektiven auf unterschiedliche Sichtweisen, auf Ambivalenzen.

Herr Schwochow, was wollen Sie Ihrer Tochter eines Tages über die DDR erzählen?

CHRISTIAN: Ich würde versuchen, ihr zu beschreiben, in welchem Land ich geboren bin, weil es dieses Land nicht mehr gibt. Und damit sie eben nicht in drei Sätzen sagt, „Papa kommt aus einem Land, das war soundso“, würde ich immer versuchen, es so klein und kompliziert wie möglich zu halten. Und immer genau. So profan das klingt.

F.A.Z.-eBook: „Der Fall der Mauer“

Das eBook „Der Fall der Mauer - Fünf Monate, die die Welt bewegten“ befasst sich mit dem Herbst der DDR und dem unmittelbaren Vorgeschichte des Mauerfalls am 9. November. Das Buch enthält Reportagen und Kommentare aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von damals, aber auch Berichte von Zeitzeugen aus den vergangenen Jahren, die rückblickend das eine oder andere Geheimnis lüften. Weitere Informationen auf www.faz-ebook.de

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