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Deep-Purple-Sänger Gillan : „Wir spielen, solange man uns ertragen will“

Rockt auch mit 73 Jahren noch auf der Bühne: Ian Gillan, Sänger von Deep Purple Bild: dpa

„Smoke on the Water“ kennt fast jedes Kind: Seit Jahrzehnten begeistert „Deep Purple“ mit dem berühmtesten Gitarrenriff der Musikwelt. In der F.A.S. spricht Frontsänger Ian Gillan nun über seine Anfänge, seine veränderte Stimme – und sein Votum für den Brexit.

          Mr. Gillan, als wir uns vor 16 Jahren in London zum Interview trafen, hieß es, Sie müssten Ihre Stimme für den Auftritt im „Hammersmith Apollo“ schonen. Damals sprang Bassist Roger Glover als Gesprächspartner ein. Plagen Sie heute irgendwelche Zipperlein?

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Machen Sie sich keine Sorgen. Das wird heute nicht passieren. Der Vorfall mit der heiseren Stimme, von dem Sie sprechen, ist ja schon lange her.

          Mit 73 durch die Welt zu jetten und dann auf der Bühne zwei Stunden Gas zu geben kann Schwerstarbeit sein. Achten Sie auf Ihre Ernährung oder leisten Sie sich einen persönlichen Fitness-Trainer wie Kollege Mick Jagger, um in Form zu bleiben?

          Ich bin unkompliziert. Eigentlich esse ich alles, was auf den Tisch kommt. Aber wenn ich die Wahl habe oder in meinem Ferienhaus in Portugal lebe, liebe ich einfache Fischgerichte. Außerhalb unserer Bühnenauftritte bewege ich mich zudem regelmäßig, allerdings ohne jeden sportlichen Ehrgeiz. Ich habe wohl gesundheitlich davon profitiert, dass gerade in der Hoch-Zeit von Deep Purple die großen Exzesse ausgeblieben sind. Das betrifft weniger den Alkohol als harte Drogen.

          Die harten Streits zwischen Ihnen und Ritchie Blackmore sind legendär. Ritchie hat Sie angeblich immer zur Weißglut gebracht, wenn er stichelte, Sie schafften bei wichtigen Songs die hohen Töne nicht mehr.

          Es gab auf vielen Touren rasende Streits zwischen uns, unter denen die übrigen Bandmitglieder fürchterlich gelitten haben. Aber mit Ritchie habe ich längst meinen Frieden gemacht, und wir respektieren einander heute. Die Zeit der internen Grabenkämpfe ist, seit Steve Morse Ritchie als Leadgitarrist ersetzt hat, vorbei. Mehr möchte ich dazu nicht mehr sagen.

          Alle interessiert, wie gut Sie bei Stimme sind: Ein Kultsong wie „Child in Time“, der quasi zum Markenkern von Deep Purple gehört, kommt im aktuellen Repertoire nicht mehr vor. Versagt da die Mehroktaven-Akrobatik?

          „Child in Time“ ist ein kraftvoller Song, der zwar in Zeiten des Kalten Krieges entstanden ist, aber auch heute noch als Botschaft des Friedens taugt. Mit dem abrupten Wechsel der Oktaven und den vielen Höhen und Tiefen komme ich an gewisse Grenzen. Ich würde daher eher von einer Art olympischer Disziplin als von einem stimmlichen Kraftakt sprechen. Und solche Höchstleistungen tue ich mir einfach nicht mehr an.

          Für „Smoke on the Water“, den am meisten gespielten Gitarrenriff aller Zeiten, ist das undenkbar. Wissen Sie, wie oft Sie diesen Song bislang schon gespielt haben?

          Das kann ich nur überschlagen. Wir machen mit Deep Purple im Schnitt 150 Shows im Jahr und haben den Song seit etwa 44 Jahren im Repertoire. Da kommen – ohne meine Soloauftritte – 6600 Male zusammen.

          Nervt Sie dieser Ohrwurm nicht manchmal?

          Niemals. Das ist ein tolles Lied und ein Klassiker der Rockmusik. Ich werde das Gefühl nie vergessen, als ich vor Jahren auf einem Musikfestival in England war, auf dem etwa 3000 junge Nachwuchs-Gitarristen zum Auftakt gleichzeitig den Refrain von „Smoke on the Water“ gespielt haben. Die Besucher waren damals begeistert, und ich selbst habe mich köstlich amüsiert. Nur meiner Tochter war dieser Moment sehr peinlich. Sie war bei diesem Festival mit ihrer eigenen Band dabei und fand es unangenehm, ausgerechnet das Lied ihres Vaters spielen zu müssen.

          Um aus dem Trott von Deep Purple auszubrechen und auf frische Ideen zu kommen, treiben Sie eigene Projekte mit der Ian Gillan Band voran. Wollen Sie auch weiterhin zweigleisig fahren?

          Der Grund für den Wechsel ist weniger die Flucht vor der Routine bei Deep Purple als der kreative Spielraum, der sich damit für einen Sänger eröffnet. Deep Purple war in erster Linie immer eine Instrumentalband, in der der Gesang einen wichtigen Part erfüllt. Wenn wir für neue Aufnahmen im Studio arbeiten, beginnen wir mit mehrstündigen Jam-Sessions, in denen die instrumentalen Soli dominieren. Es gab zu bestimmten Zeiten Auftritte, in denen Keyboarder Jon Lord oder Ritchie mit ihren spontanen Improvisationen auf der Bühne locker bis zu 20 Minuten allein bestritten. Wenn in der Nähe der Konzerthalle dann ein Pub war, habe ich zwischendurch ein Bier getrunken. Das ist heute nicht mehr so extrem. Gesang und Musik sind in den aktuellen Aufnahmen eng miteinander verbunden.

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