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Mensch und Tier : Hunde geben uns Liebe

Branka Lauert (rechts) mit Tochter Vanessa, Enkeltochter und den beiden Möpsen Leo und Romeo Bild: Andreas Pein

Nagellack auf Pudelkrallen, Yoga für Rottweiler: Heute sind Hunde oft Bezugspersonen oder gleich Kinderersatz. Was sagt das aus über unsere Gesellschaft?

          9 Min.

          Die Veränderung in der Beziehung zwischen Mensch und Hund lässt sich zum Beispiel auf dem gestreiften Sofa der Familie Lauert in Berlin beobachten. Seit sieben Jahren gibt es im Leben von Branka Lauert keinen Tag ohne Leo. Natürlich schläft er bei ihr im Bett, und morgens begrüßt er sie, indem er ihr am liebsten das Gesicht ablecken würde. Das darf er nicht. Trotzdem bekommt er neuerdings Tabletten gegen Mundgeruch. Dann sagt Lauert zu ihrem Mops: „Jetzt stehen wir auf, dann machen wir Käffchen, dann gehen wir eine Runde. Und dann gibt’s Happa-Happa.“

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mittags gönnen die beiden sich eine Siesta. Abends sitzen sie auf dem gestreiften Sofa und schauen fern. Leo hockt dabei auf der Lehne und legt Lauert die Pfote auf die Schulter, was ihr erst kürzlich bewusst geworden ist, als ihr Arzt überlegte, ob die kratzige Stelle neben ihrem Hals von einer Allergie stammen könnte. Wenn Tiere im Fernsehen auftauchen, bellt Leo.

          Keinen Schritt, klagt Branka Lauert, könne sie ohne Leo tun, und es klingt nicht so, als ob sie ernsthaft unter dieser Belastung leide. Trägt sie Lippenstift auf, kommt er mit ins Bad. Kocht sie, sieht er zu. Auf den Balkon folgt er ihr jedes Mal. Branka Lauert, 66 Jahre alt, hat sich von ihrem letzten Freund getrennt, weil sie im Alter lieber allein sein wollte, als einen Opa mit Knieproblemen auf dem Sofa hocken zu haben. Über Leo sagt sie: „Er ist für mich Ersatz. Als Kind, als Mann, als alles. Er gibt mir Liebe.“

          Nun könnte man einwenden, dass ältere Alleinstehende schon immer dazu neigten, ihre Pudel mit Leberwurst zu verwöhnen oder einen Dackel zum Lebensinhalt zu machen. Wäre da nicht Romeo. Romeo ist ein Jahr älter als Leo und der Grund dafür, dass Branka Lauert überhaupt einen Mops wollte - sie fand Romeo so süß. Er gehört Lauerts Tochter, einer berufstätigen Vierzigjährigen, die mittlerweile in der Schweiz zu Hause ist und gerade auf Besuch in Berlin. Vor drei Monaten hat Vanessa Lauert ihr erstes Kind bekommen, aber das sieht man ihr weniger an als der Herzogin von Cambridge. Perfektes Make-up, rotlackierte Fingernägel.

          Bei Bedarf ein Hüftgelenk

          Als Romeo noch ein Welpe war und am liebsten ständig getragen worden wäre, kaufte Vanessa Lauert ein Wägelchen in einer Hundeboutique und fuhr ihn spazieren. Sie fand das schick, die japanischen Touristen in Zürich knipsten Fotos. Trotzdem hält sie nichts davon, ein Tier wie eine Handtasche mit sich herumzuschleppen wie einst Paris Hilton ihren Chihuahua. „Romeo ist ein Familienmitglied“, sagt Vanessa Lauert, „aber natürlich lasse ich ihn Hund sein. Er ist ein Hund und kein Accessoire.“

          Sie sitzt auf dem gestreiften Sofa ihrer Mutter. Im rechten Arm hält sie ihr Baby, mit der linken Hand krault sie dem Mops das Fell. Sie höre gar nicht mehr, dass Romeo wie alle Möpse schnarche, sagt sie: „Und wenn, ist es eher beruhigend. Ich weiß, mein Hund liegt neben mir, und es geht ihm gut. Das ist genauso, wie wenn ich mein Kind atmen höre.“

          Noch vor fünfzig Jahren lebte die Mehrzahl deutscher Köter angekettet auf Höfen und musste sich ihr Dasein als Wachhund verdienen. Heute fürchten gestandene Tierärzte, ihre Klientel zu verprellen, wenn sie einen Hund im Bett für unhygienisch erklären. Es gibt Restaurants, in denen man seinem vierbeinigen Gefährten Känguru mit Brokkoli oder Pute mit Reis bestellen kann. Altersschwache Tiere werden nicht mehr eingeschläfert, sondern frühzeitig mit einer geriatrischen Prophylaxe bedacht. Bei Bedarf gibt es ein neues Hüftgelenk oder Chemotherapie.

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