https://www.faz.net/-gum-91dhw

Hotline für besorgte Bürger : Warum ein Kurde mit einem AfD-Politiker befreundet ist

Leidich windet sich. Er sagt, was AfD-Politiker oft sagen, dass er nämlich nichts gegen legitime Kriegsflüchtlinge habe. Was aber hält er von der Aussage des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland, der gesagt hatte, er wolle jede Zuwanderung von Muslimen verhindern? „Das ist ja pure Diskriminierung. Das muss man einfach auch so sagen“, sagt Can. Leidich atmet tief durch. Die Familie Can, die sein Herz mag, gehört zu der Gruppe, die sein Kopf ablehnt. Also nimmt er das Argument mit dem Analphabetismus zurück: „Noch mal, der Dönermann an der Ecke, da hab ich doch gar nichts dagegen. Sie sind hier wohlintegriert. Ob Sie jetzt lesen können oder schreiben, das ist mir so was von egal.“ Auf den Einwand, dass das von weiten Teilen seiner Partei etwas enger gesehen werde, antwortet Leidich: „Ich möchte mich doch dem etwas liberaleren Flügel zuordnen.“

Can erklärt, warum er von der Art, wie er Gespräche führt, überzeugt ist. „Definitiv ist mein Projekt darauf ausgelegt, dass man sich gegenseitig Gedankenimpulse gibt. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich dem Bernd zu denken gebe, sehr sicher. Ich glaube, dass er auch durch die Begegnung mit meinen Eltern die eine oder andere Überraschung erlebt. Mein Projekt zeigt mir, dass ich Menschen erreiche, die andere Menschen abstempeln.“

Leidich betont, wie angetan er von Cans Auftreten ist

Aber hat die Auseinandersetzung von Can wirklich etwas verändert in Leidichs Denken? Eigentlich ist Leidich keiner, der seine Haltung so schnell aufgibt. Ein Test: Ob er zum Beispiel die Aussage des hessischen Landesvorsitzenden Albrecht Glaser, wonach alle Muslime automatisch Islamisten seien, noch unterstützen könne, wenn er mit Ali Can befreundet sei? „Ich trenne das“, sagt Leidich. Soll heißen: Sagt der Kopf etwas anderes als das Herz, hört Leidich auf den Kopf, zumindest was das Politische angeht.

Ali Can mit seinen Eltern

An einer Stelle wird Leidich von Can unterbrochen, weil dieser wissen will, ob er nicht doch einen Einfluss auf Leidichs Denken gehabt habe. „Ali. Ali. Du musst die älteren Menschen ausreden lassen, dann kommt man schon zum Punkt.“ Can witzelt, er sei wohl „doch nicht ganz integriert“. Leidich witzelt zurück: „Das ist dieses Islamische.“ Sie lachen zusammen.

Immer wieder betont Leidich, wie angetan er von Cans Auftreten sei. Dass er es „wirklich, wirklich wertschätze“, dass Can auch „Kontakt zu Andersdenkenden, den besorgten Bürgern“ suche. Freilich klingt es, als genieße Leidich nicht nur die Abwesenheit von Vorverurteilungen durch Can, sondern die Abwesenheit von Urteilen überhaupt. „Ich kann sagen, was ich denke. Er kann sagen, was er denkt. Trotzdem essen wir danach wieder einen Döner“, sagt Leidich. Und: „Das Menschliche und das Politische sind zwei Paar Schuhe.“

Für Can haben die Gespräche mit Leidich etwas verändert. Was er antwortet, wenn jemand behauptet, alle AfD-Anhänger seien Nazis? „Aus echter Überzeugung?“, fragt Can. „Komm, raus damit“, sagt Leidich. „Dass es einfach nicht stimmt, denn es gibt auch reine Protestwähler. Es sind nicht nur Rassisten“, sagt Can. Und andersherum – was Leidich antwortet, wenn jemand in seiner Partei das nächste Mal alle Muslime über einen Kamm schert? Leidich überlegt nicht lange: „Da sag ich dann: Das stimmt nicht.“

Weitere Themen

… wenn man einfach keine Geschenkidee hat

Der Moment ... : … wenn man einfach keine Geschenkidee hat

Für irgendeine Freundin oder einen Verwandten fällt einem immer kein Geschenk ein. Über den Moment, wenn man zur Weihnachtszeit verzweifelt in der überfüllten Fußgängerzone unterwegs ist.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.