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Hotline für besorgte Bürger : Warum ein Kurde mit einem AfD-Politiker befreundet ist

Vor dem Gespräch ist Leidich nervös. Can musste versprechen, dass das Treffen keine Falle sei. Außerdem will Leidich eine Videokamera mitlaufen lassen. „Ich möchte halt nicht die Erfahrung machen, dass es falsch wiedergegeben wird“, sagt Leidich. „Ich werde mich nicht verbiegen“, sagt er. „Ich werde das so sagen, wie ich es denke. Aber du kennst mich ja.“ Can sagt: „Mittlerweile ja.“

Für einen AfD-Politiker ist Leidich mindestens ein so ulkiger Typ wie Can. Neulich quatschte er einen Flüchtling in der Fußgängerzone an. „Na, alles gut hier, und wie isses in der Heimat?“ Der Flüchtling berichtete von seiner Freundin, der in Syrien aufgrund eines Bombenattentats ein Bein amputiert werden musste. „Natürlich ist das herzzerreißend“, sagt Leidich. „Mit dem Herzen könnte man natürlich sagen: Wir helfen euch allen. Aber es geht nicht. Wir können es finanziell und platzmäßig niemals leisten.“ Das ist der Kopf, der spricht.

Die gespielte Neutralität verlangt ihm viel ab

Leidich sagt, dass im Landkreis rund sechzig Prozent der Asylbewerber Analphabeten seien. „Wie lange soll das dauern, bis sie eine fremde Sprache lesen und schreiben können?“ Er fragt das, während er Ali Can gegenübersitzt – dessen Vater nur die Grundschule besucht hat und dessen Mutter lange Analphabetin war, der selbst aber studiert. Leidich nennt Cans Eltern „gut integriert“, obwohl sie nur gebrochen Deutsch sprechen. Wie geht das zusammen?

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Es ist ein Moment des Nachdenkens, wie Can ihn provozieren will. Er klagt nie an. Er stellt nur Fragen und ermuntert Leidich sogar. „Das ist eine interessante Frage“, sagt er zum Beispiel oft. Oder, wenn Leidich einen Vorschlag macht: „Das finde ich wirklich konstruktiv.“ Nur an seinem Mienenspiel lässt Can erahnen, was in ihm vorgeht. Wenn Leidich seine Meinung sagt, schaut er manchmal angestrengt auf den Boden. Oder er wischt sich mit der Hand über die Stirn, lehnt sich im Stuhl vor und zurück oder rührt den Löffel sehr schnell in seinem türkischen Tee. Man merkt: Es verlangt ihm etwas ab, diese gespielte Neutralität.

In seinem Buch schildert Can viele solcher Gespräche. Als ein Mann über Parallelgesellschaften schimpft, sagt Can seelenruhig: „Ich finde es gut, dass du mit mir über deine Beobachtungen sprichst.“ Als jemand klagt, er werde von anderen „einfach abgestempelt“ als „Nazi“, wenn er über den Islam rede, sagt Can: „Schade, dass das so verlaufen ist.“ Als wäre die Neutralität ein Schutz, sich nicht selbst als Adressat des Zorns zu verstehen.

„Mit der AFD an der Macht wäre ich nicht hier“

Das Gespräch mit Leidich verläuft ähnlich. In dem Moment, als es um Analphabeten geht, sagt Can: „Ich kann die Skepsis nachvollziehen. Ich glaube, es ist voll schwierig einzuschätzen, was aus welchem Einwanderer wird.“ Das ist der verständnisvolle Teil, der verhindern soll, dass Leidich sich abgelehnt fühlt. Gemäß seinem Motto: „Zeige Wertschätzung!“ Danach folgt – Stichwort: „Erzähle persönliche Anekdoten!“ – ein emotionaler Appell: „Wenn die AfD damals an der Macht gewesen wäre, wäre ich nicht hier. Ich hätte nicht die Chance gehabt. Mich gäbe es gar nicht. Das ist traurig.“

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