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Hotline für besorgte Bürger : Warum ein Kurde mit einem AfD-Politiker befreundet ist

In Pohlheim ist Ali Can – obwohl erst 23 Jahre alt – eine kleine Berühmtheit. Er hat den Verein „Interkultureller Frieden“ gegründet und steht regelmäßig in der Fußgängerzone von Gießen, um mit Passanten über Vorurteile zu reden. Dort hat ihn Leidich das erste Mal gesehen. Dann trat Can bei einer Lichterkette gegen Rassimus auf, und Leidich stand im Publikum. „Ich bin kein Rassist, kann ich da nicht hingehen?“, sagt er. Und: „Ich höre mir immer die gegnerischen, anderen Meinungen an.“ Leidich sprach Can neben der Bühne an und lobte ihn, so kamen sie ins Gespräch. Irgendwann tauchte Leidich im Dönerladen der Eltern auf und schenkte ihnen eine Chilipflanze – „als interkulturelle Geste“. Es ist, wenn man will, genau das, was Can und Leidich ständig machen. Der alevitische Kurde und der AfD-Politiker reden mit Leuten, die anders denken als sie.

Ali Can hat ein Buch veröffentlicht

Mit einem Kamerateam des WDR war Can schon auf einer Pegida-Demonstration unterwegs. Er trug eine blinkende Weihnachtsmütze auf dem Kopf und Schokonikoläuse in einem Bauchladen. So fragte er die Demonstranten, was an Muslimen schlimm sei. Vor wenigen Tagen hat er außerdem ein Buch im Lübbe-Verlag veröffentlicht, das „Hotline für besorgte Bürger. Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens“ heißt. Eine solche Hotline hat Can tatsächlich eingerichtet. Jeden Mittwoch und Donnerstag zwischen 18 und 20 Uhr können Bürger bei Ali Can unter der gebührenfreien Nummer 0 800/90 90 056 anrufen und mit ihm reden. Das Buch enthält kurzweilige Auszüge aus den Gesprächen.

Ali Can vor dem Kebabhaus seiner Eltern. Er hat ein Buch über seine Hotline für besorgte Bürger geschrieben.

Und in allem, was er tut, geht es Can um eine Haltung. Er will niemanden vorführen, er will keine Vorhaltungen machen. Er will zuhören, Fragen stellen, zum Nachdenken anregen. „Rassismus sollte man bekämpfen, Rassisten hingegen nicht“, schreibt Can in seinem Buch. Seine fünf Regeln für den Umgang mit Andersdenkenden lauten: „Höre zu!“, „Zeige Wertschätzung!“, „Stelle Fragen!“, „Erzähle persönliche Anekdoten!“ und „Führe zusammen!“.

Es ist ein Ansatz, mit dem er sich bei linken Studenten nicht beliebt macht. Einmal kündigten Plakate an der Uni Gießen eine Lesung von ihm an. Studenten rissen die Plakate herunter, wie sie es sonst nur bei Veranstaltungen von Rechten tun. Manche werfen ihm vor, Rechtsradikalen ein Forum zu geben. „Was ja auch so ist. Du redest mit mir. Also bietest du einem Rechten eine Bühne, ist doch logisch“, sagt Leidich – und Can schaut etwas gequält. Leidich wurde auch schon ausgegrenzt, bespuckt, als „braune Sau“ beschimpft. Es ist eine Gemeinsamkeit der beiden: Sie riskieren viel, indem sie den Kontakt zum anderen suchen.

Wer verändert hier wen?

Die Angelegenheit – Leidichs Besuch im Imbiss und das Gespräch der beiden – ist so etwas wie ein Versuchsaufbau. Man könnte auch sagen: eine Vorführung. Objekt der Anschauung ist nicht Leidich, sondern Cans Methode, mit Menschen wie Leidich zu reden. Die Frage lautet: Wer verändert hier wen?

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